Posts mit dem Label Familie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Familie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 24. Dezember 2017

Heiligabend in die Disco von Eva Joachimsen

Foto von Eva Joachimsen
Jedes Jahr herrscht zu Weihnachten der gleiche Stress. Mutter flippt wieder aus. Alles muss auf Hochglanz poliert sein, selbst Levkes Zimmer. Tagelang haben sie deshalb gestritten. Im letzten Augenblick kommt Panik auf, nur weil die Soße nicht ganz perfekt ist. Merkt doch sowieso keiner.
Immerhin ist Oma lieb. Sie hilft schon seit Tagen und lobt nach der Bescherung die tollen Geschenke. Das Handy wäre genau richtig, damit sie im Notfall auch unterwegs Hilfe herbeirufen kann. Dafür meckert Tante Ilse nur und Großmutter pflichtet ihr zu, früher war alles besser. Großvater versucht zu schlichten, aber er hat eigentlich nie etwas zu sagen.
Warum kann Vaters Mutter nicht genauso nett wie Mutters Mutter sein? Und warum müssen die jedes Jahr bei ihnen feiern und das Fest verderben? Schließlich haben sie auch noch eine Tochter. Aber Irmgard ist sicher froh, ihre Mutter Heiligabend nicht zu Besuch zu haben. Und Mutter traut sich nicht, ihrer Schwiegermutter abzusagen.
Der Abend zieht sich. Immer diese langweiligen alten Geschichten. Levke kennt sie seit sie klein ist.
Mutter ist schon kurz vor einem Anfall. Sicherheitshalber verabschieden sich Levke und Nils um 23 Uhr. Großmutters „Heiligabend feiert man in der Familie! Anna, wie kannst du nur zulassen, dass die Kinder dir einfach auf der Nase herumtanzen“, hören sie noch im Treppenhaus, so schrill ist ihre Stimme.
„Puh, länger hätte ich es nicht mehr ertragen“, stöhnt Levke, sobald sie auf der Straße stehen.
In der Disko treffen sie fast alle Freunde und begrüßen sich mit Umarmungen und Küsschen. Sie stehen in einer Ecke und unterhalten sich. Levke freut sich, an diesem Abend doch noch fröhliche Gesichter um sich herum zu sehen. Immer wieder zieht es ihren Blick zur Tanzfläche. Dort fällt ein Paar auf, weil es so toll tanzt.
„Wollen wir auch? Du warst damals mit in der Tanzschule.“ Christian nickt Levke zu und reicht ihr seine Hand. Levke legt ihre hinein und lässt sich auf die Fläche führen. Richtig altmodisch kommt sie sich dabei vor. So wie in Omas Erzählungen.
Der Discofox läuft gut, dann folgt Jive. Obwohl Levke schon viel vergessen hat, klappt es, weil Christian gut führt. Den ganzen Abend tanzen sie. Als Levke und Nils gehen, fragt Christian: „Hast du Lust, mit mir am Samstag zur Tanzparty in der Tanzschule zu gehen?“
„Aber ich besuche doch keine Kurse.“ Levkes Herz klopft. Sie möchte so gern mit Christian tanzen.
„Macht nichts, der Abend kostet fünf Euro Eintritt und es können auch Gäste kommen.“
Auf dem Heimweg trällert Levke fröhlich vor sich hin. Nils Spott über die schiefen Töne stören sie nicht. Sie freut sich auf die Tanzparty. So ein herrliches Weihnachtsfest hat sie schon lange nicht mehr erlebt.



Eva Joachimsen liebt lesen, schreiben und tanzen. Seit vielen Jahren veröffentlicht sie Kurzgeschichten in Zeitschriften. Mehr von ihr erfährt man auf ihrem Blog. Ein Überblick über ihre Bücher gibt es hier.

Dienstag, 19. Dezember 2017

Schneemannweisheit von Martina Pawlak

Foto von Marina Pawlak

Lautlos fielen die Schneeflocken aus einer dichten grauen Wolkendecke und überzogen die erst vor wenigen Stunden geräumte Einfahrt erneut mit einer dicken Schicht aus Schnee.
Schnee! Schon wieder Schnee! Langsam reichte es Bernd. Das ging nun schon seit Tagen so und Bernd hatte das Gefühl, er täte mittlerweile nichts anderes mehr als Schnee schippen.
Seufzend nahm er seine Jacke vom Garderobenhaken, schlang einen langen Schal um den Hals und setzte sich eine Wollmütze auf den Kopf. Nachdem er in die Stiefel geschlüpft und seine Handschuhe angezogen hatte, stapfte er nach draußen.
Der Schnee dämpfte jegliche Geräusche. Die Äste der Tannen in Bernds Garten bogen sich schwer unter der Schneelast. Keine Spur mehr zu sehen von dem blühenden Paradies im Sommer. Dafür gab es Spuren diverser Vogelfüße und offensichtlich vergnügten sich auch einige Kaninchen hin und wieder im Schnee. Die Welt wirkte fast ein wenig unwirklich. Die Autos seiner Nachbarn standen still am Straßenrand, bedeckt von hohen weißen Hauben. Niemand war zu sehen. Kein Wunder, es war Heiligabend und jeder bereitete sich auf die Bescherung vor.
Nur Bernd nicht. Für Bernd waren die Weihnachtstage einfach nur Tage wie alle anderen auch. Er lebte allein und das war auch gut so. Kein Theater wegen eines Weihnachtsbaumes, kein Stress beim Geschenke kaufen, keine Sorgen ums Weihnachtsessen … alles ging einfach seinen Gang.
Seufzend griff Bernd zur Schneeschaufel und machte sich an die Arbeit.
Früher, als er klein war, ja da hätte ihn der Schnee begeistert. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sehnsüchtig er auf die ersten Flocken gewartet hatte. Und weiße Weihnacht, das wäre für ihn das größte Geschenk überhaupt gewesen.
Genauso war es später bei seinem Sohn Jens gewesen. Schlitten fahren, Schneeballschlachten … Bernd war damals fast wieder selbst zum Kind geworden, wenn er mit Jens im Schnee herumgetollt hatte. Und wenn dann tatsächlich auch an Weihnachten Schnee gefallen war, hatte Bernd immer diesen besonderen Zauber verspürt.
Komisch, welche Erinnerungen einem durch den Kopf gehen, wenn es ganz still um einen herum ist.
Heute empfand Bernd Schnee nur als mit Arbeit verbundene Last. Verbissen arbeitete er sich Schaufel um Schaufel die Einfahrt entlang. Mehrfach musste er eine Pause machen und stützte sich dabei schwer atmend auf den Griff der Schaufel. Mit seinen 64 Jahren war er immerhin nicht mehr der Jüngste.
»Verdammt ist das kalt«, unterbrach plötzlich eine Stimme die Stille.
Nanu? Wer hatte das gesagt? Bernd sah sich suchend um, doch er konnte niemanden entdecken.
Nur ein Schneemann im Nachbargarten beobachtete ihn stumm bei seiner Tätigkeit.
Bernd schüttelte den Kopf.  Offensichtlich hatte er sich die Stimme nur eingebildet. Er zog ein Taschentuch aus seiner Jacke und putzte sich die Nase. Dann schippte er weiter.
»Es ist sogar entsetzlich kalt. Wann kommt denn endlich das Christkind? Ich friere.« Wieder diese Stimme. Bernd richtete sich auf.
»Hallo? Wer ist denn da? Los zeigen Sie sich«, rief Bernd in das weiße Nichts hinein.
»Aber ich bin doch hier«, kam es zur Antwort.
»Hier? Wo hier?« So langsam verlor Bernd die Geduld. Da veralberte ihn doch jemand. Bestimmt machten sich die Nachbarkinder einen Spaß mit ihm.
»Na hier. Siehst du mich denn nicht?« Der Schneemann winkte ihm fröhlich zu. Bernd erstarrte und ließ die Schaufel los. Lautlos plumpste sie in den frischen Schnee.
Jetzt ist es soweit, dachte Bernd. Du hast Wahnvorstellungen oder einen Schneekoller oder was auch immer. Langsam näherte sich Bernd der weißen Gestalt. Es war ein schöner, wohlgeformter Schneemann. Er bestand aus drei verschieden dicken Kugeln. Die kleinste Kugel, sein Kopf, war verziert mit zwei Kohlestücken, die als Augen dienten. In der Mitte prangte eine dicke gelbe Mohrrübe. Bernd umrundete den Schneemann und stupste ihm dann mit seinem Zeigefinger vorsichtig in den Bauch.
Der Schneemann kicherte.
»Hey, lass das. Ich bin kitzelig.«
Bernd schnappte nach Luft. »Das gibt’s doch gar nicht«, sagte er mehr zu sich selbst und kratzte sich am Kopf. »Schneemänner können nicht reden.«
Der Schneemann neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite und funkelte Bernd mit seinen schwarzen Kohleaugen belustigt an.
»Natürlich können Schneemänner reden. Sie tun es sogar dauernd. Was sollten sie auch sonst tun? Etwa einfach nur stumm und steif in der Kälte herumstehen? Nö, das wäre ja viel zu langweilig. Wahrscheinlich hört ihr Menschen uns nur nicht, weil ihr dauernd beschäftigt seid und furchtbar viel Lärm macht.«
Der Schneemann hielt kurz inne. »Aber vielleicht liegt es auch an Weihnachten, dass wir beide uns unterhalten können. An Weihnachten geschehen ja oft wundersame Dinge und Wünsche gehen wie durch Zauberei in Erfüllung. Ja, so wird es sein«, rief er fröhlich.
»Ich hatte noch nie den Wunsch, mit einem Schneemann ein Gespräch zu führen«, gab Bernd zurück.
»Das ist aber komisch«, wunderte sich der Schneemann.  »Ich dachte, du hättest es dir vielleicht vom Christkind gewünscht. Was hast du dir denn dann gewünscht, wenn ich fragen darf?«
»Nichts. Ich habe mir nichts vom Christkind gewünscht. Ich glaube nicht an den Blödsinn mit dem Christkind.«
»Oooh«, der Schneemann ließ betrübt seine Rübennase hängen. Dann erhellte sich sein rundes Gesicht wieder.
»Aha, dann glaubst du sicher an den Weihnachtsmann«, meinte er. »Das geht natürlich auch völlig in Ordnung.«
»Nein, an den Weihnachtsmann glaube ich auch nicht. Das sind alles nur Märchen für kleine Kinder, nichts weiter.«
»Das ist aber schade für dich. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass mein größter Wunsch heute Nacht in Erfüllung gehen wird«, strahlte der Schneemann.
»Und der wäre?«
»Also gut, ich verrate es dir.« Verstohlen schaute sich der Schneemann um. »Ich wünsche mir sehnlichst, dieser elenden Kälte zu entfliehen. Ich möchte in den Süden. Am Meer unter Palmen sitzen und die Sonne genießen, ohne dabei zu schmelzen. Das wäre einfach zu schön.«
Bernd lachte laut auf.
»Na dann träum mal schön weiter, lieber Schneemann. Träum dir am besten noch einige Handtücher dazu, damit du deine eigene Pfütze gleich aufwischen kannst.«
Der Schneemann sah ihn beleidigt an.
»Lach du nur. Ich bin mir sicher, dass mein Wunsch sich erfüllt, auch wenn er noch so abwegig erscheint. Und du kannst erzählen, was du willst, ich bin fest davon überzeugt, dass du auch einen geheimen Wunsch in deinem Herzen trägst.«
»Nein«, sagte Bernd. »Ich habe alles, was ich brauche und wenn mir etwas fehlt, dann kauf ich es mir eben.«
»Du willst mich anscheinend nicht verstehen. Ich meine Wünsche, die nur das Christkind oder der Weihnachtsmann erfüllen können. Wünsche, die man für kein Geld der Welt kaufen kann. Komm schon, irgendetwas muss es doch geben«, drängte der Schneemann.
Bernd dachte angestrengt nach und schüttelte den Kopf.
»Nein, ich bin wunschlos glücklich und rundherum zufrieden. Und selbst wenn ich einen dieser geheimen Wünsche hätte, würde er sich sicher nicht ausgerechnet Weihnachten erfüllen. Ich glaube einfach nicht an Weihnachtswunder«
»Noch nie?«
»Naja, früher als ich ein Kind war, glaubte ich ganz fest ans Christkind«, gab Bernd  zu. »Und auch mein Sohn Jens glaubte daran, als er noch klein war. Aber wenn man erwachsen ist, weiß man es halt besser.«
»Dein Sohn? Wo ist der denn? Ich kann ihn nirgendwo sehen. « Neugierig sah der Schneemann sich um.
»Mein Sohn lebt nicht mehr hier. Vor vielen Jahren haben wir uns gestritten und seitdem nicht mehr miteinander geredet. Ich weiß gar nicht mehr, worum es bei unserem Streit überhaupt ging.« Bernd verstummte und auch der Schneemann schwieg.
»Nun ja«,  sagte Bernd nach einer Weile mit etwas belegter Stimme. »Das ist alles lange her. Jens wohnt jetzt in einer anderen Stadt. Soviel ich weiß, hat er nun eine eigene Familie.«
»Das ist aber sehr traurig«, hauchte der Schneemann und eine glitzernde Eisträne rann über sein Gesicht.
Langsam wurde es dunkel. Hinter den Fenstern der umliegenden Häuser sah man den Lichterglanz der Christbäume. Hin und wieder hörte man helles Kinderlachen. Aus der Ferne erklang das Spiel einer Blockflöte.
»Fast wie früher bei uns daheim«, flüsterte Bernd und es klang ein wenig wehmütig.
Ein leichtes Lächeln zog über das Schneemanngesicht. »Manche Wünsche sind manchmal so geheim, dass man sie selber gar nicht kennt. Alte Schneemannweisheit« , sagte die weiße Gestalt leise.
Bernd räusperte sich. »So, es wird nun langsam Zeit wieder hineinzugehen. Ich wünsche dir viel Glück bei deinem Wunsch, Schneemann. Und falls es nicht klappen sollte …« Bernd nahm seinen Schal ab und band ihm den Schneemann um den Hals. Anschließend stülpte er ihm noch seine Mütze über den Kopf. »Hier, mein Weihnachtsgeschenk für dich, damit du nicht frierst.«
Der Schneemann war gerührt. »Ich wünsche dir auch frohe Weihnachten. Und dass all deine Wünsche in Erfüllung gehen.«
Bernd schüttelte lachend den Kopf. »Du gibst wohl nie auf, was?«
Bernd stapfte zurück ins Haus und verbrachte den Abend wie jeden Tag vor dem Fernseher. Weihnachten war halt nichts Besonderes. Trotzdem konnte er sich nicht richtig auf das Fernsehprogramm konzentrieren. Immer wieder musste er an das seltsame Gespräch mit dem Schneemann denken. Aber je länger er darüber nachdachte, desto mehr kam er zu dem Entschluss, dass er sich alles nur eingebildet hatte. Und als er endlich zu Bett ging, war er fest davon überzeugt, dass schlichte Überarbeitung die Ursache war.
Am nächsten Morgen hatte es aufgehört zu schneien. Die Sonne schien von einem blitzblauen Himmel. Bernd trat vor die Tür und atmete tief die frische klare Winterluft ein.
Sein Blick glitt durch den Garten. Kein Schneemann weit und breit zu sehen. Er hatte es ja gewusst, alles nur eingebildet. Aber was lag denn dort drüben im Schnee, genau an der Stelle, wo er gestern einen Schneemann zu sehen geglaubt hatte? Da lagen ordentlich zusammengefaltet sein Schal und seine Mütze. Oben auf lag eine Weihnachtskarte. »Noch einmal vielen Dank, aber wo ich hingehe, brauche ich die warmen Sachen nicht. Liebe Grüße, Schneemann.«
Bernd starrte auf die Karte. Aber noch bevor er richtig begreifen konnte, was die Worte bedeuteten  hielt ein Auto vor dem Haus. Ein Mann, der eine jüngere Ausgabe von Bernd zu sein schien, stieg aus und kam zögerlich näher. Dahinter eine Frau mit einem kleinen Jungen an der Hand. »Hallo Papa … frohe Weihnachten.«
Bernd stockte der Atem und ließ die Karte fallen.   »Manche Wünsche sind manchmal so geheim, dass man sie selber gar nicht kennt. Alte Schneemannweisheit«, wisperte es im Schnee um ihn herum.

Einige Wochen später erhielt Bernd Post aus der Karibik. Der Brief enthielt ein seltsames Foto. Auf dem Bild sah man das Meer und einen weißen Sandstrand. Unter grünen Palmen stand ein Liegestuhl. Darauf lagen drei verschieden große Kugeln Schokoladeneis. Und in der kleinsten Kugel steckte eine dicke gelbe Mohrrübe, die sich keck einem strahlend blauen Himmel entgegen reckte.

© Martina Pawlak 2017

 Kurzvita:
Martina Pawlak, Jahrgang 1967, lebt mit Mann, zwei Söhnen und einer Katze am Rande des nördlichen Ruhrgebietes. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Kurzgeschichten und Kinderbücher, die als eBook, teilweise auch als Printausgabe, veröffentlicht wurden.
Autorenseite auf Amazon: https://www.amazon.de/Martina-Pawlak/e/B008JANNOI/ref=ntt_dp_epwbk_0
 http://martinasbuecherkiste.jimdo.com/
https://www.facebook.com/pages/Ein-Gespenst-im-Flatterhemd/643146915758052?ref=hl


Sonntag, 10. Dezember 2017

Weihnachten war gerettet von Rita Hajak



Bild von Rita Hajak


Es begann zu schneien, als Lena ihre fünfjährige Tochter Sabine vom Kindergarten abholte. Es war der letzte Tag vor den Weihnachtsferien.    Sabine deutete hinauf zum Himmel. »Schau Mami, wenn das weiter so schneit, gehst du dann heute Nachmittag mit mir Schlittenfahren?
  Lena sah Sabines leuchtende Augen. »Ein Stündchen werde ich einrichten können, Bienchen, aber du weißt, dass ich noch einmal ins Büro muss. Ab morgen habe ich Urlaub und bin für dich da.«
  Das Kind nickte. »Fein Mami.«
  Lena hatte das Essen für ihre Tochter bereitgestellt. Das wärmte sie ihr rasch auf. Danach zog sie ihren Mantel an, drückte Bienchen einen Kuss auf die Stirn, und sagte: »Ich beeile mich, habe nur eine Kleinigkeit zu schreiben, dann komme ich zurück. Papi wird in ein paar Minuten da sein.«
  Sabine stand am Fenster in der Küche und drückte ihre Nase an der Scheibe platt. Einige Meter entfernt stieg Lena in ihren Wagen und fuhr davon. Bienchen zappelte ungeduldig hin und her. In zwei Tagen war Weihnachten. Sie freute sich über den heftiger werdenden Schneefall. Nach dem sie ihren Teller leergegessen hatte, schaute sie ungeduldig zum Fenster hinaus. Endlich sah sie ihren Vater vor dem Gehsteig parken und ins Haus eilen. Papi ist da, freute sich das Kind. Die Tür öffnete sich. Sie starrte erstaunt ihren Vater an, der nicht wie sonst lachend den Raum betrat.
  »Bienchen, Mama hatte einen kleinen Unfall und sich das Bein gebrochen. Sie musste in die Klinik und hat mich von dort angerufen.«
  Das Kind brach in Tränen aus. »Hat Mami starke Schmerzen und müssen wir nun Weihnachten alleine feiern?«
  Udo nahm seine Tochter in den Arm. »Ich denke nicht, mein Schatz. Sie werden das Bein eingipsen und Mami wieder nach Hause schicken.
  Als er mit Sabine ins Krankenhaus fuhr, erhielt er eine traurige Nachricht. Es war ein komplizierter Bruch festgestellt worden, der drei Wochen Klinikaufenthalt erforderte. Das Kind war entsetzt. »Ich will meine Mami an Weihnachten zuhause haben«, jammerte sie laut. Auf der Fahrt zurück, weinte sie bitterlich.
  Udo war verzweifelt, was sollte er tun, um das Kind zu beruhigen? »Schatz, ich habe eine Idee. Wir rufen Tante Trude an; das war die Schwester seiner verstorbenen Mutter. Sie freut sich bestimmt das Weihnachtsfest bei uns zu verbringen. Tantchen ist ohnehin alleine. An Heiligabend besuchen wir alle zusammen Mami im Krankenhaus.«
  Sabine nickte traurig und schluchzte.  


An Heiligabend gegen Mittag war der Weihnachtsbaum geschmückt und einige liebevoll verpackte Geschenke lagen darunter.
  Sabine baute im Garten einen Schneemann, als Udo rief: »Bienchen, komm, wir fahren zum Bahnhof Tante Trude abholen.«
  Eine halbe Stunde später schauten sie fassungslos dem davonfahrenden Zug hinterher. Die Tante war nicht mitgekommen. Auf ihrem Handy meldete sie sich auch nicht.
  »Oh, mein Gott, es wird ihr doch nichts passiert sein«, sinnierte Udo.
  »Was machen wir nun?«, fragte Sabine mit weinerlicher Stimme.
  »Abwarten und immer mal wieder bei ihr anrufen«, sagte Udo. »Lass uns nach Hause fahren.
  Die Stimmung war getrübt. Sabine verkroch sich in ihrem Zimmer.
  Zwei Stunden waren inzwischen vergangen, als Sabine ihren Vater fragte, ob sich die Tante gemeldet hätte.
  Er schüttelte den Kopf. »Ich werde bei der Polizei anrufen und nachfragen, ob es einen Unfall gegeben hat«, sagte er. In dem Moment klingelte das Telefon.
  Es war Tante Trude. »Udo, es tut mir leid, dass ich den Zug verpasst habe. Aber ich musste zurück. Hatte meine Geldbörse, Papiere und das Handy zu Hause liegenlassen. Sitze bereits im nächsten Zug, der um 16.45 Uhr bei euch eintrudelt.«
  »Mir fällt ein Stein vom Herzen, Tantchen. Schön, dass es dir gut geht. Ich hole dich rechtzeitig ab«, sagte Udo. Kaum hatte er das Gespräch beendet, da läutete das Telefon erneut.
  »Hol mich ab, Udo, ich darf über Weihnachten nach Hause, muss aber brav liegenbleiben!«, rief Lena glücklich.
Sabine jubelte. Weihnachten war gerettet.

Später hantierte die Tante geschickt in der Küche herum und zauberte ein leckes Abendessen. Nach diesem aufregenden Tag saßen sie gemütlich bei Kerzenschein beieinander und erzählten sich Geschichten. Sabine konnte man ansehen, dass sie sich wohlfühlte. Ihre Augen leuchteten und ihre Wangen glühten.
  Jeder bekam ein kleines Geschenk und Udo nahm Lena, Sabine und die Tante in den Arm. »Schön, dass es euch gibt«, sagte er andächtig.
  Lächelnd stimmte Tante Trude das Lied an: »Stille Nacht, Heilige Nacht«. Draußen rieselte sanft der Schnee auf die kalte Erde.
  Es wurde ein wunderschöner harmonischer Heiligabend.   






Vita
Rita Hajak wurde 1950 in Frankfurt am Main geboren. Für die gelernte Anwalts- und Notariatsgehilfin war das Schreiben schon immer ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Bereits in der Schule schrieb sie mit Begeisterung Aufsätze. Später waren es Geschichten für ihre Kinder. Der Beruf trat in den Vordergrund und die Zeit zum Schreiben fehlte. Erst die Jahre, die sie mit ihrem Ehemann, auf der Insel Fehmarn verbrachte, schafften wieder Zeit und Raum zum Schreiben. Es entstanden Kurzgeschichten und Kurzromane verschiedenen Genres. Heute lebt die Autorin mit ihrem Ehemann im Taunus.

Sonntag, 6. Dezember 2015

Ein turbulenter Adventssonntag von Heidi Dahlsen



Foto von Eva Joachimsen

Als Christine ins Wohnzimmer kommt, schaltet Olli gerade den Plattenspieler an. Das leise Kratzen der Nadel lässt erkennen, dass die Schallplatte schon oft abgespielt wurde.
Er lächelt sie an. „Es geht doch nichts über die alten Weihnachtslieder. Da komme sogar ich in eine festliche Stimmung. Die Jungs haben mich vorhin gefragt, ob sie ein Märchen hören dürfen. Ich habe sie auf später vertröstet, damit wir uns nachher mit Lydia in Ruhe unterhalten können. Ich bin erstaunt, wie lange sie still sitzen und andächtig lauschen können, sowie eine Geschichte beginnt. Nur gut, dass deine Mutti die alten Märchenschallplatten aufgehoben hat. Solche Hörerlebnisse prägen auch ihre Kindheit, und sie werden sich hoffentlich später daran erinnern.“
„Das kann ich nur bestätigen“, sagt Christine. „So oft, wie ich die Platten als Kind gehört habe, kann ich die meisten Texte heute immer noch mitsprechen.“
Sie setzen sich auf die Couch und genießen die Musik.

Die Dämmerung hat bereits eingesetzt. Die Lichter der Außenbeleuchtungen lassen die tief verschneite Waldsiedlung in einem festlichen Glanz erstrahlen.
„Leider ist von den weihnachtlichen Dekorationen der anderen Anwohner nicht mehr viel zu sehen“, denkt Lydia, als sie bei ihnen ankommt. Vor der Haustür klopft sie sich den Schnee von den Stiefeln und betritt den Flur. „Das ist das Schöne an Christines Zuhause – man kann einfach eintreten und ist immer willkommen.“
Lydia lächelt ihre Freundin an, die ihr entgegenkommt und übergibt ihr eine Flasche Rotwein sowie einen wunderschönen Adventsstrauß.
Ihre Augen beginnen zu glänzen, als sie im Wohnzimmer die vielen Kerzen sieht, deren Licht den Raum erhellen. Am Adventskranz brennen vier dicke rote Stumpenkerzen, und eine Pyramide dreht unermüdlich ihre Runden.
Lydia genießt den Duft von frischem Tannengrün, Kaffee, Zimt und Lebkuchen und ist von der ganzen Atmosphäre, die von einem Weihnachtslied ergänzt wird, ganz bezaubert. Auf dem Tisch steht ein Teller mit Christines selbstgebackenen Plätzchen. In Gedanken lässt sie sich diese schon auf der Zunge zergehen.
„So stelle ich mir Weihnachten vor“, sagt sie fast feierlich und begrüßt nun auch Olli.
Da die Schallplatte gerade zu Ende ist, geht er zum Plattenspieler und legt eine andere auf.
Lydia hört, dass die Jungs in der oberen Etage toben und fragt lächelnd: „Wie haltet ihr das nur aus?“
Christine und Olli sehen sich an und grinsen.
„Das ist alles nur Gewohnheitssache“, sagt er. „Für uns ist das eigentlich eher Musik in den Ohren. Wir genießen das Zusammensein einfach und sind alle froh, dass Sybille nach wie vor kaum Interesse an den Jungs hat. Wenn sie sie mal sehen will, spricht sie das mit Christines Mutti ab. Ich werde Sybille hoffentlich zur Scheidung nur kurz ertragen müssen. Ansonsten ist mein Bedarf an ihr mehr als gedeckt.“
„Richard erstarrt immer noch zur Salzsäule, sobald Sybille in seine Nähe kommt“, sagt Christine. „Meine Mutti musste ihm versprechen, bei ihm zu bleiben und aufzupassen, damit sie ihn nicht mitnehmen kann. Das ist Mutti in der Zwischenzeit schon peinlich, weil sie das Gefühl hat, Sybille zu beaufsichtigen.“
„Das Misstrauen von Richard hat sie sich verdient“, sagt Lydia. „Darüber sollte sie sich eigentlich nicht beklagen.“
„Karl-Otto ist stinksauer, weil er die Jungs seit dem Sommer nicht mehr sehen durfte und hat gedroht, gerichtlich gegen uns alle vorzugehen“, sagt Olli. „Mein Anwalt meint aber, dass er keine Chancen hat. Das Wohl der Kinder steht im Vordergrund, und dagegen hat er bisher massiv verstoßen.“
„Es ist schon schlimm, dass deine Ehe so enden muss und die Kinder darunter leiden“, sagt Lydia zu ihm. „Aber bei euch haben die Jungs wenigstens die Möglichkeit, kindgerecht groß zu werden.“
„Ich wundere mich, dass Sybille keinen Einspruch einlegt, weil die Kleinen in den Waldkindergarten gehen und dort fast den ganzen Tag an der frischen Luft sind. Wenn sie sehen würde, wie die manchmal nach Hause kommen …“, sagt Olli und strahlt dabei über das ganze Gesicht.
„Nur gut, dass ich durch Daniels Ideenreichtum schon etwas abgehärtet bin“, sagt Christine. „Du kannst dir nicht vorstellen, was Bertram so alles für Lebewesen anschleppt. Letztens hat es im Flur unangenehm gerochen. Ich konnte nichts Verdächtiges finden, bis ich seinen Anorak waschen wollte und in einer Tasche einen Frosch fand. Bertram hat mir erzählt, dass er ihn eigentlich in einem Glas unterbringen wollte, damit ich immer weiß, wie das Wetter wird. Tja, so etwas lernen Kinder im Waldkindergarten. Aber an der Umsetzung des Gelernten müssen wir noch etwas arbeiten.“
„Dabei hatten wir noch Glück“, ergänzt Olli, „weil der Frosch, bevor Bertram ihn fand, Bekanntschaft mit einem Autoreifen gemacht hat. Nicht auszudenken, wenn er einen lebendigen mitgebracht hätte. Dann hätten unsere Nasen sicher mehr zu schnüffeln bekommen.“
„Seitdem er mal mehrere Regenwürmer in seiner Hosentasche gesammelt hatte, kontrolliere ich täglich sämtliche Taschen“, sagt Christine. „Tierliebe ist ja ganz schön, aber wie Bertram damit umgeht, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Stellt euch nur Sybilles entsetztes Gesicht vor, wenn sie ständig mit dem mehr oder weniger lebendigen Getier konfrontiert werden würde.“
„Dazu wäre es nie gekommen“, sagt Olli kopfschüttelnd. „Die Jungs durften ja kaum raus, damit sie sich an der frischen Luft nicht erkälten, und mussten oft ihre Hände waschen. Eigentlich wurden sie eher steril gehalten. Es hat aber auch Vorteile, dass Bertram keine Berührungsängste hat. Weißt du noch, als eine große Spinne neben Tillys Bett hochgekrabbelt ist? Da hat er beherzt zugegriffen und sie zu dir gebracht.“
Christine verzieht das Gesicht und lacht. „Er hielt sie mir hin und sagte: `Mama Dristine, ich bringe dir was für die Suppe. Hex … hex … Fleisch für deine Hexenküche´. Das fette Vieh erinnerte mich sofort an das Geburtstagsgeschenk, das du von Sybille bekommen hast.“
„Meine liebe Christine, ich hatte es beinahe vergessen“, sagt Olli gespielt vorwurfsvoll. „Auf so eine dämliche Idee, mir eine Vogelspinne zu schenken, kommst du hoffentlich niemals.“
„Versprochen“, sagt Christine und strahlt Olli an. „Ich grüble aber immer noch darüber nach, was Sybille dir damit sagen wollte.“
Olli holt tief Luft und bläst die Wangen auf. Da ihm jedoch keine Antwort einfällt, atmet er nur geräuschvoll wieder aus.
Lydia hat beide beobachtet und ist immer stiller geworden. Ihre derzeitige Situation erscheint ihr als Desaster, wenn sie diese mit Christines neuer Familie vergleicht. Sie konzentriert sich wieder auf ihre Freunde, um die trüben Gedanken zu verdrängen, und versucht, das Zusammensein wenigstens etwas zu genießen. Sie kann sich gut vorstellen, dass Olli glücklich darüber ist, dass seine kleinen Söhne bei ihm sind und endlich ein Stück Freiheit erleben dürfen und vor allem sehr geliebt werden.
„Ich habe trotz allem ein schlechtes Gewissen“, sagt Olli, „weil Richard so viel bei Christines Mutti ist. Ich weiß, dass es ihm dort gut geht, aber ich habe das Gefühl, dass ich als Vater nicht das Beste für ihn tue. Erst dachte ich, es sei ganz gut für ihn, damit er zur Ruhe kommt. Mit der Zeit ist das aber irgendwie selbstverständlich geworden.“
„Du siehst ihn doch jeden Tag, oder?“, fragt Lydia.
„Ja, aber manchmal nur auf der Fahrt zum und vom Kindergarten. Das ist mir etwas wenig. Er wird im Januar erst fünf Jahre alt, und die meiste Zeit mit ihm verpasse ich eigentlich.“
„Vielleicht ist er auch nur so oft auf dem Reiterhof“, wirft Christine ein, „weil dort das alte Klavier steht. Meine Mutti hat mir erzählt, dass er sehr viel Zeit daran verbringt. Vielleicht sollten wir es hier aufstellen. Dann löst sich das Problem vielleicht von selbst.“ Sie schaut Lydia erwartungsvoll an und sagt zu ihr: „Nun erzähle uns aber erst mal von deinem neuen Buch. Das sollte doch eine Familienchronik werden.“
Lydias Augen leuchten wieder etwas auf.
„Elke, meine Urlaubsbekannte, hatte mir eine ganze Menge aus ihrem Leben erzählt“, sagt sie. „Hätte ich da bereits gewusst, welche umfangreiche Geschichte dahinter steckt, hätte ich nicht erst gezögert, ein Buch darüber schreiben zu wollen. Es ist bereits beim Verlag, deshalb kann ich euch verraten, dass der Titel `Lebt wohl, Familienmonster´ lautet. Das sagt doch schon fast alles.“
Sie übergibt Christine eine dicke Mappe.
„Ich habe die Endfassung mitgebracht, damit du mir noch schnell ein paar eventuell übersehene Fehler rausfischen kannst, bevor es gedruckt wird.“
 Christine verzieht ihr Gesicht.
„Puh, Rechtschreibung. Du weißt, dass ich da für nichts garantiere.“
„Du sollst doch nur mal gucken, ob dir etwas auffällt. Nach der Reform der Rechtschreibreform weiß das sowieso kaum jemand auf Anhieb. Ich wundere mich öfter über die automatische Rechtschreibkontrolle meines Computers, und dann muss der gute alte Duden herhalten. Zum Beispiel kann ich mich nur schwer damit anfreunden, dass wohl fühlen auseinander geschrieben wird. Das ist, als würde man miteinander kuscheln, ohne sich zu berühren. Wie soll man sich denn da beim Kuscheln wohl fühlen. Und Kommas kann man zurzeit sowieso setzen, wie einem gerade zumute ist … na ja, irgendwie“, lacht Lydia. „Jedenfalls werde ich dich nicht verklagen. Ich weiß, wie das ist, wenn behauptet wird, man wäre zu blöd zum Korrekturlesen.“
Olli wird stutzig und fragt: „Verklagt dich jemand, weil zu viele Fehler in deinen Büchern sind?“
„Nein. Ich musste nur an den Anfang meiner Karriere denken, als meine Bücher noch nicht bekannt waren und ich zusätzlich bei einem Verlag gejobbt habe.“
„Davon hast du mir noch nie was erzählt“, sagt Christine.
Lydia winkt ab. „So interessant ist die Geschichte nicht.“
„Es wird Zeit, dass du darüber berichtest“, fordert Olli sie auf.
„Na gut … Also dort arbeitete auch ein Lektor, dem niemand etwas recht machen konnte, außer man lobte ihn überschwänglich. Er wollte beim Chef durchsetzen, dass ich entlassen werde. Seine Begründung lautete: `Lydia findet kaum Fehler.´
Mit einer Kollegin war ich gemeinsam für das Korrekturlesen verantwortlich. Sie fing meistens vorn an zu lesen, und ich nahm mir eben zuerst den hinteren Teil vor.
Sie schlug vor, dass sie alle Fehler mit einem roten Stift markiert. Ich sollte einen grünen nehmen, damit die Autoren gleich wissen, an wen sie sich bei Rückfragen wenden können. Gesagt – getan. Als jeder mit seinem Teil fertig war, tauschten wir und lasen sozusagen das zweite Mal über den Text. Das macht sich gut, weil man doch schnell etwas übersieht. Jedenfalls waren auf sämtlichen Seiten rote und grüne Anmerkungen.
Besagter Lektor rümpfte die Nase, als er das sah und lief sofort zum Chef, weil er der Meinung war, dass meine Kollegin immer nach mir noch viele Fehler fand. Wir konnten aber den Chef aufklären. Er sah zum Glück alles etwas lockerer. Ihm kam es darauf an, dass alles, was den Verlag verlässt, weitestgehend fehlerfrei ist. Und das war es auch. Hätte ein Dritter nach uns gelesen, hätte der sicher auch noch einzelne Fehler gefunden. Da aber nie Klagen kamen, war das unserem Chef egal.“
„Solche Leute kann ich leiden“, sagt Olli. „Behauptungen aufstellen, ohne die Hintergründe zu kennen und dann noch petzen. Diesem Lektor hätte ich ein Schild mit der Aufschrift: `Achtung! Vor Inbetriebnahme des Mundwerks – Gehirn einschalten!´ über dem Schreibtisch angebracht.“
„Das hätte nichts geholfen“, sagt Lydia. „Der war dermaßen von sich überzeugt. Um solche Menschen kann man nur einen Bogen machen.“
Christine blättert in dem umfangreichen Manuskript und ist verwundert. „Wieso bist du eigentlich so schnell fertig geworden?“
„Ich hatte dir doch erzählt, dass Elke mir Notizen über ihr Leben schicken wollte“, antwortet Lydia. „Na gut, dachte ich, erst mal abwarten. Sie hat mich jedoch positiv überrascht. Alles zusammen war das schon ein ziemlich fertiger Entwurf, den sie bereits selbst mehreren Verlagen angeboten hatte. Es wird aber immer schwerer, jemanden zu finden, der sich die ersten Versuche eines unbekannten Autors überhaupt anschaut. Einige Verlage haben ihr umgehend abgeschrieben, einem sollte sie erst einmal eine Unsumme überweisen, und einer hat nur sein Bedauern zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht berühmt ist, denn dann wäre eine Veröffentlichung gar kein Problem. Davon kann ich nun profitieren. Meine Lektorin ist ziemlich begeistert und somit zufrieden mit mir. Während meiner Schreibblockade im Herbst hatte sie sich Sorgen gemacht.“
„Na, wir uns erst“, sagt Christine.
„Oholli, kommst du mal hoch“, ruft Daniel. „Bertram steckt schon wieder etwas in der Nase fest.“
Sie hören Bertram schreien. Olli springt auf und läuft nach oben. Lydia sieht erschrocken zu Christine und wundert sich, dass sie einfach ruhig sitzen bleibt.
„Wir haben einen Notfallplan“, erklärt Christine ihr. „Olli kümmert sich um die kleinen Katastrophen, und ich mache den Rest. Manchmal müssen wir mehrmals am Tag seine Nase beräumen. Es hilft auch nicht, dass Olli ihm gedroht hat, dass beim nächsten Mal ein Arzt mit einer großen Zange kommen muss. Man hört ja öfter, dass kleine Kinder sich irgendetwas in die Nase oder Ohren schieben. Olli sagt, was reinpasst, wird schon wieder herauskommen. Nun erzähl mir aber erst mal, was du Weihnachten machst. Feierst du wieder mit uns?“
„Ich fahre am ersten Feiertag zu meinem Bruder“, antwortet Lydia, „denn das Spektakel am Heiligabend auf dem Reiterhof will ich mir nicht entgehen lassen. Wer kann schon Weihnachten in einer alten Scheune verbringen? Tilly schwärmt seit Wochen von nichts anderem. Jutta hat mir erzählt, dass Jenny sogar mal nichts zu meckern hat, und das will was heißen. Ich bin aufgeregt wie ein Kind … na ja, fast. Aber ich konnte mich schon seit Jahren nicht mehr so auf den Heiligabend freuen.“
„Weihnachten macht doch erst Spaß, wenn viele Kinder dabei sind“, sagt Christine. „Die Mädchen sind sehr begeistert von dem Theaterstück, das du für sie geschrieben hast. Um alles real wirken zu lassen, wollten sie ein echtes Baby für die Krippe. Sie gingen davon aus, dass das für Bertram ein Spaß wäre. Er soll sich jedoch mit Händen und Füßen gewehrt haben, als sie ihn zur Probe reinlegen wollten. Und Richard hat sofort den Kopf geschüttelt, als Tilly ihn nur fragend angeschaut hat. Meine uralte Babypuppe muss nun als Jesuskind herhalten.“
„Und es besteht wirklich gar keine Möglichkeit, sich die Scheune schon mal anzusehen?“, fragt Lydia.
„Es ist große Heimlichkeit angesagt“, sagt Christine. „Die Mädchen haben alles genau geplant und vorbereitet, vom zeitlichen Ablauf bis zum Baum schmücken. Onkel Heinrich wurde gebeten, die riesige Tanne aufzustellen, und den Kamin soll er vorbereiten. Ansonsten liegt eine Glocke des Schweigens über der Scheune. Selbst die Tür zu meiner Werkstatt wurde verschlossen, damit ich nicht zufällig in die Vorbereitungen platze.“ …


Auszug aus dem Buch „Ein Hauch Zufriedenheit
von Heidi Dahlsen.

Kurzvita: Heidi Dahlsen ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkelin. Sie schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten.
Homepage: www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com