Samstag, 3. Dezember 2016

Marla und Nele von Martina Pawlak

Bild von Martina Pawlak


An einem frostigen Nachmittag im Dezember bedeckten dicke, graue Wolken den Himmel. Unzählige Schneeflocken drängten sich darin und sehnten sich danach, endlich dieser fast schon unerträglichen Enge entfliehen zu können.
Die Schneeflocken wussten nicht, was sie erwarten würde, wenn sie ihr Wolkenheim verließen. Aufgeregt schwatzen und kicherten sie miteinander, um sich ein wenig davon abzulenken, wie bang ihnen doch eigentlich vor dem Sprung ins Ungewisse zumute war.
Die Spannung war kaum noch auszuhalten, als der Himmel schließlich seine Schleusen öffnete. Nur zögerlich machten sich die ersten Schneeflocken auf die Reise. Manche versuchten sogar, sich festzuhalten, aber es war sinnlos, denn ständig rückten hinter ihnen weitere Schneeflocken nach. Und so verließ eine nach der anderen den Schutz der Wolke und glitt lautlos und sacht zur Erde.
Es dauerte eine ganze Weile, dann konnten auch Marla und Nele dem Getümmel entrinnen. Nele hatte es kaum erwarten können, endlich die enge Wolke zu verlassen. Sie sehnte sich nach Freiheit und Abenteuer. Marla hingegen wäre gerne noch eine Zeit lang geblieben. Sie hatte sich in der Wolke zu Hause gefühlt, stets gut geschützt und behütet. Alles Neue und Unbekannte löste Furcht in Marla aus. Doch nun war auch ihre Zeit gekommen, die Welt außerhalb der heimischen Wolke zu erobern. Während Nele freudig über den Wolkenrand hüpfte, musste Marla ihren ganzen Mut zusammennehmen und ließ sich schließlich einfach fallen.
Sanft schwebten Marla und Nele hinunter. Der Anblick war einfach überwältigend. Die Erde war mittlerweile mit einer dicken, weißen Schneedecke überzogen und es gab nur noch ganz wenige schwarze Flecken. Es dämmerte bereits und überall glitzerten und funkelten kleine Lichter.
Marla hielt den Atem an. So etwas Herrliches hatte sie nicht erwartet. Die Landschaft unter ihr sah aus wie gemalt. Ein gewaltiges Glücksgefühl durchströmte Marla, welches eine derart intensive Wärme verursachte, dass Marla fürchtete, zu schmelzen. Einzig und allein dieser Augenblick so frei und unbeschwert durch die Luft zu schweben, schien das Leben lebenswert zu machen. Sie wünschte sich, diesen Moment auf ewig festhalten zu können. Alles andere ... die Vergangenheit, die Zukunft ... erschien plötzlich unwichtig. Nur die Gegenwart zählte.
Als Marla Nele ihre Gefühle mitteilte, lachte diese nur.
»So ein Blödsinn, Marla. Dir mag das reichen, aber mir ganz sicher nicht. Warum sollte ich nur durch die Luft schweben wollen? Siehst du denn nicht, wie schön es dort unten ist? Schau dir die herrlichen Lichter an. Sicher leuchten sie nur für uns. Weil wir erwartet werden, weil wir etwas Besonderes sind, weil ICH etwas Besonderes bin. Ich werde mir das schönste Fleckchen Erde aussuchen, das ich finden kann. Einen Ort, wo mich jeder sehen und bewundern wird.«
 Und schon hielt Nele Ausschau nach einem geeigneten Landeplatz. Ein großer Baum, der mit vielen Lichtern geschmückt war, erregte ihre Aufmerksamkeit. »Perfekt«, rief Nele aus. »Das ist genau der richtige Platz für mich. Hoch oben auf die Spitze des Baumes will ich mich niederlassen. Wie herrlich werde ich in seinem Lichterschein schimmern. Alle Leute werden mich bewundern und sagen 'Oh seht nur die bildschöne Schneeflocke. Sie ist die zauberhafteste Schneeflocke, die wir jemals gesehen haben'«.
Um ihr Ziel zu erreichen, begann Nele zuerst langsam, dann immer heftiger zu schaukeln. Der Ort ihrer Träume näherte sich, doch kurz vor dem Ziel frischte der Wind leicht auf. Nele kam ins Trudeln und verlor die Kontrolle. Haarscharf schwebte sie am Baum vorbei. Schwarzer, nass glänzender Asphalt lag direkt vor ihr. Dann war von Nele nichts mehr zu sehen.
Und Marla? Marla ließ sich sanft vom Wind treiben. Auch wenn er sie ins Ungewisse trug, hatte sie keine Angst. Unaufhaltsam näherte sich die Erde. Marla schloss die Augen ...
Als sie die Augen wieder aufschlug, fand sie sich auf den Ästen einer kleinen Tanne wieder. Die Sicht über einen großen, herrlichen Garten war von diesem Ort einfach wunderbar. Marla beobachtete, wie Menschen hinter den Fenstern ihres Hauses Kerzen an einem Baum entzündeten, wie sie gemeinsam lachten, sich umarmten und sich freuten. Sie sah zu, wie sich einige Spatzen um das Futter am Vogelhäuschen balgten und Kaninchen zwischen den Sträuchern spielten. Marla teilte die Freude der Kinder, die im Garten einen Schneemann bauten und sich mit Schneebällen bewarfen. Das Leben war herrlich und Marla blickte voller Zuversicht in die Zukunft.
Die kleine Schneeflocke betrachtete jeden Tag als großes Geschenk und genoss jeden einzelnen Moment. Und sie konnte noch viele Tage genießen … bis die ersten wärmenden Strahlen der Sonne Marla in einen funkelnden kleinen Wassertropfen verwandelten, der ganz langsam an dem Tannenzweig herunterlief und auf dem ersten, sich bereits am Boden zeigendem Grün, zersprang.




Marla und Nele aus »FABELhafte Geschichten«. Erhältlich als eBook (farbig illustriert) und als Taschenbuch (s/w illustriert) bei Amazon.


Kurzvita:
Martina Pawlak, Jahrgang 1967, lebt mit Mann, zwei Söhnen und einer Katze am Rande des nördlichen Ruhrgebietes. Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Kurzgeschichten und Kinderbücher, die als eBook, teilweise auch als Printausgabe, veröffentlicht wurden.
Autorenseite auf Amazon: https://www.amazon.de/Martina-Pawlak/e/B008JANNOI/ref=ntt_dp_epwbk_0

Freitag, 2. Dezember 2016

Wichteln von Eva Markert

Bild von Krisi Sz.-Pöhls

Wie jedes Jahr sollte gewichtelt werden. Darauf legte die Chefin großen Wert, wegen des Betriebsklimas. Sie bereitete die Zettelchen mit den Namen der Kollegen sogar immer selbst vor.
Als die Buchhandlung am ersten Adventssamstag schloss, versammelten wir uns bei dem großen Weihnachtsbaum neben der Kasse. Niemand fehlte, außer Bettina. Heute war ihr freier Tag. Die Glückliche! Zwar hatte sie versprochen, ebenfalls zu erscheinen, aber anscheinend war ihr etwas dazwischengekommen. Na ja, egal. Dann musste sie eben den Zettel nehmen, der übrig blieb.
Ich unterdrückte ein Gähnen, als ich mir eins von den selbstgebackenen Plätzchen nahm, die die Chefin mitgebracht hatte. An dem Glühwein nippte ich vorsichtshalber nur. Ich war zum Umfallen müde nach diesem stressigen Arbeitstag. Und nachdem ich stundenlang die leise Weihnachtsmusik ertragen hatte, die aus den Lautsprechern rieselte, waren meine Nerven zum Zerreißen gespannt. Den anderen ging es bestimmt ebenso, doch die Chefin bestand auf dieser kleinen vorweihnachtlichen Zeremonie, bei der sie uns immer eine frohe Weihnachtszeit wünschte. Frohe Weihnachtszeit! Für sie vielleicht. Im Advent klingelte nämlich ihre Kasse. Für uns, die wir dafür rennen mussten, war es weniger angenehm.
Zum Schluss, kurz bevor wir endlich nach Hause gehen konnten, wanderte die Dose mit den zusammengefalteten Namenszetteln herum.
Ich musste an letztes Jahr denken. Damals war Bettina erst kurz bei uns. Ich fand sie von Anfang an besonders sympathisch und wir verstanden uns auf Anhieb. Wir arbeiteten beide in der Kinderbuch-Abteilung. In unseren seltenen freien Minuten unterhielten wir uns über Gott und die Welt und verbrachten auch die eine oder andere Mittagspause, einmal sogar einen Sonntagnachmittag miteinander. Wir hätten richtig gute Freundinnen werden können. Wenn dieses Wichteln nicht gewesen wäre.
Zufällig erfuhr ich, dass Bettina den Zettel mit meinem Namen gezogen hatte. Sie selbst verriet es mir nicht. Aber eine Kollegin, die ihren Mund sowieso nie halten konnte, sah es zufällig und erzählte es mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Ich war gespannt, welches Geschenk Bettina für mich besorgen würde. Um ihr ein bisschen zu helfen, erwähnte ich mal beiläufig, dass eine spezielle Handcreme – die nicht allzu teuer war – mir besonders zusagte. Vielleicht war sie ja froh über diesen kleinen Hinweis.
Als ich bei der Weihnachtsfeier am vierten Advent das leichte, quadratische Päckchen bekam, wusste ich sofort, dass es keine Handcreme enthielt. Das Geschenk war sehr hübsch verpackt in fröhliches buntes Weihnachtspapier mit einer dicken roten Schleife, an der eine Schokoladenkugel befestigt war. Vorsichtig löste ich das Band und das Papier. Zum Vorschein kam ein Bilderrahmen mit dem altmodischen Portrait eines kleinen Mädchens. Wahrscheinlich war es ein Druck eines alten Ölgemäldes – oder was weiß ich, ich kenne mich damit nicht aus. Das Kind hatte lockige, helle Haare und trug ein langes, einfaches Kleid in einem staubigen Graublau und eine weiße Schürze. Ernst blickte es mich aus dem Bilderrahmen an, doch als ich genauer hinsah, kam es mir so vor, als läge ein leicht spöttischer Ausdruck in seinem Gesicht.
Das also war Bettinas Geschenk für mich ... Ich verzog ein wenig die Mundwinkel. Bestimmt hatte das Ding jahrelang auf ihrem Dachboden in einer Kiste mit altem Zeug gelegen. Irgendwie schäbig, das Ganze. Hauptsache, es kostete nichts. Na, viel wert schien ich ihr ja nicht zu sein. Ich schaute zu ihr hinüber und sah, dass sie mich beobachtete. Ich lächelte flüchtig und steckte das Bild in meine Handtasche. Ich würde es zu Hause in dem Schrank verstauen, in dem ich allerhand Krimskrams, Kitsch und Ramsch aufbewahrte. Oder am besten warf ich es gleich in den Müll.
Danach ergab sich keine Gelegenheit mehr zu einem Gespräch. An den letzten Tagen vor Heiligabend war einfach keine Zeit dafür. Die Kunden drängten sich durch das Geschäft und es kam mir so vor, als ob es in der Stadt kein Kind geben könnte, dass Weihnachten nicht mindestens ein Buch von uns auf seinem Gabentisch vorfinden würde.
Um ehrlich zu sein, hatte ich auch keine große Lust mehr, den Kontakt mit Bettina zu pflegen. Knauserigkeit war mir zuwider und mit einem Geizhals, das wusste ich, könnte ich nie und nimmer befreundet sein.
Bettina spürte die Missstimmung zwischen uns. Einmal fragte sie mich, ob ich mich über sie geärgert hätte. Natürlich stritt ich das ab. Ich war viel zu stolz, um zuzugeben, wie sehr mich ihr liebloses Geschenk kränkte.
Danach zog auch sie sich von mir zurück, und so gingen wir seit einem Jahr nur noch höflich-kollegial miteinander um.
Als ich gerade meine Hand in die Dose steckte, um ein Papierchen herauszunehmen, platzte Bettina herein. „Da komme ich ja gerade noch rechtzeitig“, rief sie fröhlich. „Ich habe auf dem Weihnachtsmarkt gestöbert und dabei die Zeit völlig vergessen.“
Sie stellte sich neben mich und griff ebenfalls in die Dose, entrollte den Zettel, lächelte kurz und steckte ihn ein. Mir wurde bewusst, dass ich noch gar nicht nachgesehen hatte, für wen ich dieses Jahr das Wichtelgeschenk besorgen musste. Es war die Chefin. Was sollte ich der wohl kaufen … Na ja, irgendeinen Mist würde ich schon finden.
Bettina wandte sich an einen Kollegen aus der Sachbuchabteilung. Unwillkürlich hörte ich zu. „Ich habe etwas Wunderschönes auf dem Weihnachtsmarkt entdeckt“, sagte sie. „Schau mal.“
„So was bekommt man auf dem Weihnachtsmarkt?“, fragte er erstaunt.
„Da gibt es einen Stand mit gebrauchten Büchern. Es war trotzdem nicht billig, kann ich dir sagen! Ich habe mir damit sozusagen selbst ein Weihnachtsgeschenk gemacht.“
Ich schaute dem Kollegen über die Schulter. Die Seite des Buches, die er aufgeschlagen hatte, zeigte ein altmodisches Portrait von zwei Kindern, offensichtlich Geschwistern. Der Junge trug einen Matrosenanzug, das Mädchen ein rosa Kleid mit Rüschen.
„Lasst mal sehen.“ Ich nahm das Buch an mich. „Kinderportraits im Wandel der Zeit“, lautete der Titel. Verwundert blickte ich Bettina an.
„Ich liebe Bilder von Kindern“, erzählte sie begeistert. „Für mich gibt es nichts Schöneres. Ich habe schon eine ziemlich große Sammlung von Fotografien, Postkarten, Lithografien und Drucken.“
„Was … findest du … daran … so toll?“, stotterte ich.
„Zum Beispiel hier.“ Bettina schlug eine Seite am Anfang des Buches auf. „Dieses Bild ist ein Ausschnitt aus einem Gemälde, das im Mittelalter entstanden ist. Damals wurden Kinder wie Miniatur-Erwachsene dargestellt. Und doch ...“ Sie schwieg einen Moment. „Und doch kann ich das Kind in diesem Gesicht erahnen. Ich lese darin Vertrauen, Unschuld, Verletzlichkeit, Hoffnung und Neugier auf das Leben … Den Zauber des Anfangs. Das finde ich so großartig an Kinderbildern.“
„Ach, so ist das“, stammelte ich.
„Solche Portraits faszinieren mich“, setzte sie lebhaft hinzu. „Die kann ich mir stundenlang anschauen.“
„Ah ja“, kam es aus meinem Mund.
Bettina steckte das Buch in ihren Einkaufskorb. „Ich kann es kaum noch erwarten, mir die Bilder an Heiligabend anzuschauen.“
Danach unterhielt sie sich mit der Chefin. Auf einmal war ich gar nicht mehr müde. Ich trank meinen Glühwein aus und aß noch ein Plätzchen.
Die Vorweihnachtsfeier neigte sich ihrem Ende zu, die Ersten brachen bereits auf.
Bettina verabschiedete sich auch gerade. Spontan ging ich zu ihr hin. „Sollen wir uns im Café gegenüber noch einen Pharisäer gönnen?“, schlug ich vor.
„Nee, du. Ich hab keine Zeit. Vielleicht ein anderes Mal.“
In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Wahrscheinlich bildete ich es mir nur ein, aber für einen Moment glaubte ich, in ihrem Gesicht die Züge eines Kindes zu erkennen – eines kleinen, verletzten Mädchens.
Dann war sie fort. Und ich wusste: Ein anderes Mal würde es nicht geben.
 © Eva Markert

Eva Markert war vor ihrer Pensionierung Studienrätin mit den Fächern Englisch und Französisch, und sie besitzt ein Zertifikat für Deutsch als Fremdsprache. Außerdem ist sie staatlich geprüfte Übersetzerin. In ihrer Freizeit arbeitete sie viele Jahre als Lektorin und Korrektorin in einem kleinen Verlag mit.
Eva Markert schreibt Kinder- und Jugendbücher, Romane und Kurzgeschichten. Die meisten Texte veröffentlichte sie als Indie-Autorin. Viele davon wurden auch übersetzt. Ein Teil ihrer Kurzgeschichten ist in Anthologien enthalten. Zwei Weihnachtsbücher für Kinder erschienen in einem kleinen Verlag.
Link zu Amazon: http://amzn.to/1bIYDhv




Krisi Sz.-Pöhls lebt recht zurückgezogen in Oppenheim am Rhein.
Malen gehört seit ihrer Kindheit zu ihren Hobbys. Mittels Fortbildungen ist die Autodidaktin Künstlerin geworden.
Mehr von ihr auf ihrer Homepage www.salidaswelt.com
oder bei  www.zazzle.de/mbr/238764950947258943

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Die Ritterburg von Pebby Art




Ungeduldig rutschte Opa Willy auf seinem Stuhl hin und her. Seine Enkel Max und Fabian tobten bereits um die Kaffeetafel. Alle waren gesättigt. Alle, bis auf einer. Willys Schwiegersohn Frank lud gerade ein weiteres Stück Torte auf seinen Teller.
Willy stöhnte leise.
Frank betrachtete die Sahneschnitte auf seinem Teller und stach hinein. Schweigend schaute Willy dem Tortenteil auf Franks Gabel nach, sah, wie es zwischen Gaumen und Zunge seines Schwiegersohnes verschwand. Franks Doppelkinn schaukelte genüsslich hin und her. Der leichte Schmollmund schaute zufrieden drein. Ein paar blonde Locken umgarnten kranzförmig den rundlichen Kopf. Auf dem restlichen Haupt spiegelten sich die Lichter des Weihnachtsbaumes wider. Die grünen Augen seines Schwiegersohnes ließen Opa Willy nicht erkennen, ob sie ihren Sättigungsgrad erreicht hatten, oder ob sie nach noch mehr Stücken Torte verlangten.
Das zufriedene „Puh" aus Franks Kehle und sein Zurücksinken auf den Esszimmerstuhl ließen Willy aufatmen.
„So, dann wollen wir mal den Kaffeetisch abräumen." Willys Tochter Anne stand auf und begann, die Teller und Tassen zusammenzuräumen. Opa sprang auf und half ihr. Auch Frank erhob sich.
„Ich gehe mal frische Luft schnappen." Frank holte eine Schachtel Zigaretten aus seinem grauen Baumwollhemd hervor und quetschte sich an dem strahlenden Weihnachtsbaum vorbei auf die Terrasse.
„Kann er nicht mithelfen?", raunte Willy seiner Tochter zu.
„Aber Papa." Anne zog die Spülmaschinentür auf. „Er hat doch gestern und heute fast den ganzen Tag in der Küche gestanden."
Anne hatte recht. Frank war Bäcker, und er backte fast so gerne wie er aß. Selbst Kochen konnte er. Willy wusste, dass er ihm Unrecht tat, doch er war heute einfach so aufgeregt und ungeduldig wie ein kleines Kind.
Gleich würden Anne, Frank, Max und Fabian einen Weihnachtsspaziergang machen. Und er würde endlich das aufbauen können, woran er wochenlang gearbeitet hatte.
Die Ritterburg.
Die Ritterburg für Max.
Er sah sie schon im Wohnzimmer stehen: groß und prächtig – einfach einmalig.
Schon als kleiner Junge hatten ihn diese Männer mit ihren Rüstungen fasziniert. Wie sehr hatte er sich eine Ritterburg von seinen Eltern gewünscht. Doch sein Wunsch war nie in Erfüllung gegangen.
Später hätte er gerne seiner Tochter Anne eine Ritterburg geschenkt, leider war seine Frau dagegen. Sie hatte es nicht als ratsam empfunden, ein Mädchen mit kriegerischen Sachen spielen zu lassen. Außerdem hatte es Willy damals an Zeit gemangelt, um eine so aufwändige Holzarbeit herzustellen.
Aber jetzt war es endlich so weit. Sein Enkel Max sollte stolzer Besitzer einer selbstgebauten Burganlage werden. Alles hatte Opa Willy in wochenlanger, um nicht zu sagen, monatelanger Arbeit aus Holz geschnitzt, gesägt und zurechtgeschliffen. Zum Schluss hatte er die Burg noch naturgetreu gestrichen. Nun war der große Augenblick zum Greifen nahe. Willy rieb sich die Hände.
Max und Fabian stürmten immer noch um den Esszimmertisch, wobei der kleine Fabian hinter dem großen Bruder herwatschelte, so schnell es ihm eben möglich war. Mit seinen eineinhalb Jahren hatten seine Beine des öfteren Koordinationsschwierigkeiten. Sie verhedderten sich entweder ineinander oder stolperten über den Fußboden. Max hingegen raste wild hin und her. Seine blonden Locken tanzten um sein rundliches Engelsgesicht. In ihm hatten sich eindeutig die Gene des Vaters durchgesetzt. Fabian dagegen glich mit seinen braunen, glatten Haaren und dem zarten Gesicht eher seiner Mutter.
Anne rief ihre Kinder zu sich, um sie mit den endlos vielen Utensilien auszurüsten, die für einen Winterspaziergang nötig waren. Plötzlich meldete sich Max zu Wort.
„Ich komme nicht mit", verkündete er und Opa klappte die Kinnlade herunter.
„Doch, Max," drängelte Willy. Seine Hände fuchtelten in der Luft herum. „Spazierengehen ist schön und ist ... ."
„Nein!" Max blickte entschlossen. „Wenn Opa hierbleibt, bleibe ich auch hier.“ Er versteckte seine Hände unter den Achseln und sah Anne herausfordernd an.
„Wenn du hierbleibst, bringt das Christkind dir keine Geschenke." Anne hielt ihm die Handschuhe hin.
Max grüne Augen schauten jetzt auf den Boden. Nach einem Augenblick Bedenkzeit gab er sich geschlagen.
„Okay." Mit vorgezogener Unterlippe griff er nach dem Handschuhpaar.
Willy lächelte seine Tochter dankbar an.
Schnell schloss Opa Willy die Tür hinter ihnen zu. Dann rauschte er in den Keller und holte die Ritterburg hervor. Liebevoll platzierte er sie neben dem Weihnachtsbaum. Die Zugbrücke ließ er herunter und postierte dort einen stolzen Ritter auf einem glänzenden Rappen. Die aus Holz gesägten Bäume und Sträucher schmückten ringsum die komplette Burganlage. Den Aussichtstürmen mangelte es nicht an Wachposten. Gerecht verteilte Opa Willy sie auf die einzelnen Türme. Sechs Ritter näherten sich auf edlen Pferden der Burg.
Zunächst platzierte Willy sie neben den Esszimmerstühlen, doch nach reiflicher Überlegung räumte er sie auf die andere Seite, mittig ins Zimmer, damit Max sie in seinem Eifer nicht übersah. Kritisch betrachtete Willy nochmals die gesamte Anlage vom Wohnzimmereingang aus, wobei er sich auf den Boden hockte, um Max' Sichtweise nachzuvollziehen. Willys Augen strahlten. Sie glänzten verräterisch feucht in den Augenwinkeln. Schön! Einfach schön!
Gleich würde Max kommen und einen Freudenschrei ausstoßen. War auch wirklich alles perfekt?
Ja … Nein. Moment. Es fehlte noch der gebrauchte kleine Bäckereiladen aus Plastik. Den hatte Anne ja noch für Fabian besorgt. Willy holte das alte Schätzchen herbei und stellte es rechts neben den Tannenbaum.
Da klingelte es auch schon. Willy riss die Haustür auf.
„Ich habe das Christkind gesehen!", jubelte er zur Tür hinaus.
Staunende Freude aus Kinderaugen leuchtete ihm entgegen.
„Es hat etwas Wunderbares mitgebracht", trällerte Willy weiter.
Max stürmte an ihm vorbei ins Haus.
„Im Wohnzimmer, neben dem Weihnachtsbaum!", wieherte Willy seinem Enkel hinterher und folgte ihm. Max durchquerte bereits das Wohnzimmer.
„Wau! Stark!", rief er.
Fabian wackelte an Willy mit lauten, euphorischen Quietschgeräuschen vorbei.
Willy gefror das Lachen im Gesicht.
„Nein!", rief er, „Nicht die olle Bäckerei! Hier, schaut, die tolle Burg."
Doch keines der beiden Kinder schenkte ihm noch Beachtung.
Den Rest des Abends hockte Opa auf dem Fußboden und ließ die Burg von sechs tapferen Rittern erobern. Seine Enkel versorgten ihn derweil mit leckerem Kuchen.

© Pebby Art

Pebby Art schreibt und illustriert Kinderbücher. Sie hat ein literaturwissenschaftliches Studium absolviert und beschäftigt sich seit 1999 intensiv mit dem Schreiben. Wenn sie nicht am Computer sitzt und Geschichten erfindet, unterrichtet sie in Integrationskursen und auch ehrenamtlich beim DRK.
Unter dem Pseudonym „Jamie Craft“ ist dieses Jahr „Die Prophezeiung. Das Inferno von Little Germany, New York“ erschienen. Es ist der erste Roman der Autorin im Erwachsenengenre.