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Samstag, 5. Dezember 2020

Ein besonderes Geschenk für Rapunzel von Annette Paul

Bild von Krisi Sz.-Pöhls

Wieder herrscht in der Familie meiner Freundin Rapunzel Aufregung. Gut, geschäftig sind meine Menschen immer, doch jetzt ist es noch schlimmer als sonst. Und das nur, weil in ein paar Wochen Weihnachten ist. Nein, wartet mal, Rapunzel hat einen Adventskalender und da hat sie schon zehn Türchen geöffnet. Himmel, ich muss mir unbedingt ein Geschenk für Rapunzel einfallen lassen. Das ist gar nicht so einfach für mich, denn ich bin eine kleine, goldfarbene Ratte aus königlichem Geschlecht. Deswegen kann ich auch sprechen. Wir königlichen Ratten sind nämlich etwas Besonderes. Eines Tages wird Rapunzel mich erlösen, dann werde ich ein richtiger Menschenprinz und werde sie heiraten. Doch bis dahin brauche ich ein vernünftiges Weihnachtsgeschenk. Dabei habe ich weder Geld noch so große Hände, um ihr Socken, Mützen oder etwas Ähnliches zu stricken.

„Rapunzel, beeilst du dich?“, ruft Nachtigall gerade. Nachtigall heißt  Rapunzels Mutter, sie wird so genannt, weil sie Sängerin ist. In dieser chaotischen Großfamilie haben alle Spitznamen. Rapunzel heißt eigentlich Raja, aber da sie mich vor langer Zeit aus einem Kanal gerettet hat, wird sie Rapunzel genannt. Dabei hat sie überhaupt kein Haar heruntergelassen, sondern nur ihren Schal. An dem konnte ich hochklettern, bevor ich ertrank.

Aber wo wollen die jetzt hin? Rapunzel will mich nicht mitnehmen, obwohl ich sie darum bitte. Stattdessen sperrt sie mich in den Käfig. Dagegen muss ich etwas unternehmen. Erst verstecke ich mich in meiner Hütte und schiebe Stroh vor den Eingang. Nachdem Rapunzel das Zimmer verlassen hat, schlüpfe ich hinaus. Zum Glück ist noch niemanden aufgefallen, dass die Käfigtür nicht mehr richtig einhakt, so kann ich sie aufschieben und hinausspringen. Schnell husche ich zum Flur.

Wo ist Nachtigall bloß? Ihr großer schwarzer Umhang hängt noch an der Garderobe. Rapunzel planscht im Badezimmer herum. Sicher ist es besser, wenn Nachtigall mich mitnimmt, dann kann sie Rapunzel nachher nicht ausschimpfen. Also springe ich ein kleines Stückchen, bis ich mich im Stoff festkrallen kann und klettere zur Ponchotasche. Die ist viel größer und gemütlicher als Rapunzels Jackentaschen.

Ich habe es gerade geschafft, da kommt Rapunzel schon angesprungen und zieht sich ihre Winterstiefel und die Jacke an.

„Du hast Prinz wirklich nicht dabei?“, fragt Nachtigall streng.

„Ja, aber er ist beleidigt. Er hat sich gleich in seine Hütte verzogen.“ Wie gut, dass ich vorsorglich etwas Stroh in den Eingang geschoben habe!

„Davon wird er sich erholen!“, meint die Mutter kaltherzig. Was weiß sie schon, wie sich eine Ratte fühlt.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich überwiegend schlafend verbringe, stoppt das Auto und sie steigen aus. Wir sind im Einkaufszentrum angekommen.

Kurz schaue ich aus der Tasche. Es sieht aus, wie auf einem wildgewordenen Ameisenhaufen. Viele Menschen schieben sich eilig durch die Massen, wuseln hin und her. Schnell ziehe ich meinen Kopf wieder ein.

Nach einer Weile bleibt Nachtigall stehen. Vorsichtig luge ich hinaus. Nachtigall schiebt Jacken auf einem Ständer hin und her, schaute sich welche an, um sie wieder zurückzuhängen. Nach einer Weile reicht sie Rapunzel eine Jacke zum Anprobieren. Das kann noch Stunden dauern, wie langweilig.

Bild von Krisi Sz.-Pöhls

 Bevor ich vor Langeweile sterbe, klettere ich aus dem Poncho, was Nachtigall gar nicht auffällt. Das Ding ist richtig gut. Weil es so weit ist, merkt sie gar nicht, was in ihren Taschen ist oder wer daran herumturnt. So, jetzt muss ich nur aufpassen, dass keiner dieser Trampelmenschen mich tritt.

Ein Stückchen weiter hängen Hosen an einem runden Ständer. Um mir einen Überblick zu verschaffen, klettere ich an einer Hose hoch. Allerdings habe ich nicht mit dem kleinen Jungen gerechnet. Gerade als ich die halbe Strecke bis zum Bügel geschafft habe, setzt er den Ständer in Bewegung. Er dreht ihn immer schneller. Es ist wie Karussellfahren. Juhu, das ist toll. Ich wollte schon immer einmal mit einem Karussell fahren. Schneller, immer schneller wird es. Meine Haare wehen im Fahrtwind. Ich könnte ewig im Kreis fahren. Doch plötzlich löst sich die Hose, an der ich hänge, vom Ständer. Sie hebt ab und schleudert durch die Luft. Wir fliegen genau auf eine alte Dame zu. Hilfe, ich kann doch nicht steuern! Dann krache ich gegen die Arme und rutsche an ihrer Vorderseite hinab. Benommen bleibe ich einen Augenblick liegen, bevor ich aufspringe und unter einem Regal verschwinde.

Trotzdem hat sie mich gesehen. „Hilfe, eine Ratte“, schreit sie. Gleich kommt eine Verkäuferin herangeeilt und beruhigt sie. Die Verkäuferin schimpft mit dem Jungen, der so geschockt ist, dass er nicht rechtzeitig geflohen ist.

Kleinlaut hebt er die Hose wieder auf, gibt sie der Verkäuferin und entschuldigt sich bei der alten Dame.

„Ich habe eine Ratte gesehen“, behauptet die immer noch.

„Das war bestimmt nur der Schatten. Sie waren geschockt, dass plötzlich etwas auf Sie zugeflogen ist. Wo soll hier eine Ratte herkommen?“, beruhigt die Verkäuferin sie.

Hinter mir höre ich andere Kunden murmeln: „Die Alte ist verwirrt, die gehört in ein Pflegeheim.“

Hoffentlich bin ich nicht schuld, dass sie in ein Heim muss. Doch die Frau ist klug. Sie sieht zwar nicht überzeugt aus, nickt aber trotzdem und meint: „Wahrscheinlich haben Sie recht, mit fliegenden Hosen rechnet man auch nicht.“ Dann entfernt sie sich, dabei schaut sie in meine Richtung. Mein Herz schlägt ganz doll. Endlich ist sie weg und die Gefahr vorbei.

Als ich mich wieder hervorwage, stelle ich fest, dass ich in der Spielzeugabteilung bin. Das ist eine Fügung des Schicksals! Ich soll hier etwas für Rapunzel kaufen.

Wer weiß, wie viel Zeit ich habe. Also husche ich suchend durch die Gänge. Da, über das Spiel des Jahres haben sich die Kinder neulich unterhalten. Es soll Spaß machen. Rapunzel hat erzählt, dass sie es bei einer Freundin gespielt hat. Als ich den Preis sehe, rutscht mir das Herz in die Krallen. 25 Euro, das ist viel zu viel! Gut, selbst einen Euro besitze ich nicht. Was also tun?

Da fallen mir die Auftritte als Straßenmusikanten ein, die die Kinder vor einiger Zeit gemacht haben, um Rapunzels großen Schwestern die Klassenreisen zu ermöglichen. Ich schaue mich um. Die Abteilung ist gut gefüllt. Die meisten Leute stehen vor der Kasse, also renne ich dorthin, klettere auf ein Regal und schmettere lautstark den alten Schlager „Mama, du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen“ von Heintje. Bei Rapunzel haben die alten Damen immer vor Rührung geweint und hier an der Kasse stehen ganz viele alte Damen. Sicher kaufen die für ihre Enkelkinder Weihnachtsgeschenke.

Tatsächlich drehen sich alle nach mir um. Aber statt mir Geld zu spenden, kreischen sie auf und rennen weg. Nein, nicht alle. Ein kleiner Junge sagt: „Das klingt ja scheußlich. Wenn man nicht singen kann, sollte man es lassen.“

So eine Frechheit! Ich kann singen, sehr gut sogar. Der Junge weiß nicht, was ein guter Sänger ist.

Ein anderes Mädchen sagt zu seiner Mutter: „Mama, kaufst du mir auch so eine singende Ratte?“

Vielleicht sollte ich mich verkaufen lassen und mit dem eingenommenen Geld das Spiel für Rapunzel besorgen?

Aber bevor ich mit der Mutter verhandeln kann, kommt ein rabiater Großvater mit erhobenem Regenschirm auf mich zu. Nicht zu glauben. Er schlägt tatsächlich zu. Zum Glück bin ich schneller und renne weg, bevor er mich trifft.

Mit klopfendem Herzen sitze ich ein paar Fächer weiter zwischen den Kuscheltieren und traue mich nicht, mich zu rühren. Zu allem Unglück höre ich auch noch, wie eine Verkäuferin mit jemanden telefoniert und einen Kammerjäger anfordert. Nein, die wollen mich töten. Mich, den königlichen Prinzen!

Erfreulicherweise sehe ich Rapunzel und Nachtigall herankommen. „Das kann nur deine Ratte sein, sonst gibt es nie so große Unruhe in einem Kaufhaus“, flüstert Nachtigall Rapunzel zu.

Niedergeschlagen hat Rapunzel ihren Kopf gesenkt. Doch dann hebt sie ihn an: „Ich habe Prinz nicht mitgenommen. Er ist in seinem Käfig.“

„Jetzt ist er bestimmt hier“, behauptet Nachtigall.

Als sie an mir vorbeigehen, rufe ich leise: „Rapunzel, schau dir mal die Kuscheltiere an.“

Sie hört mich und bleibt stehen. Gedankenverloren streicht sie mit der Hand über die Tiere. Das nutze ich und schlüpfe in ihren Ärmel.

„Rapunzel, ich glaube, wir gehen schnell raus. Wir haben noch andere Einkäufe zu erledigen“, drängt Nachtigall. Als wir im Auto sitzen, atmet sie hörbar aus. „Prinz, wie kommst du in das Kaufhaus?“, fragt sie streng.

„In deinem Poncho“, erkläre ich. Lügen ist bei ihr zwecklos.

„Ich habe dich mitgenommen?“, fragt sie entsetzt.

„Ja, der Poncho ist prima. Die Taschen sind schön geräumig und gemütlich.“

„Ich werde die Taschen zu Hause sofort zunähen! Und was hast du in der Spielzeugabteilung gemacht? Und bei den Kinderhosen warst du wohl auch die fliegende Ratte?“

„Ich konnte doch nichts dafür, dass die Hose auf einmal abhebt und die alte Dame wollte ich nicht treffen. Ich bin einfach durch die Gegend geschleudert.“

Rapunzel lacht. „Die Jungs werden dich bestimmt Flederratte nennen.“

So ein blöder Name, der gefällt mir nicht.

Nachtigall verzieht ihr Gesicht. „Und was hast du in der Spielzeugabteilung angestellt?“

„Ich wollte nur etwas Geld mit Liedern verdienen. Aber die Leute mochten „Mama, du sollst ...““, bevor ich richtig loslegen kann, schreit Nachtigall sofort: „Stopp, verschone uns. Kein Wunder, dass sie den Kammerjäger holen wollten.“

Beleidigt verkrieche ich mich in Rapunzels Ärmel.

Doch daheim ist Nachtigall gar nicht mehr so böse, wie sonst, wenn ich wieder einmal entdeckt worden bin.

Sie gibt die Geschichte, unterstützt von Rapunzel, beim Abendessen zum Besten. Alle amüsieren sich, lachen und geben ihre Kommentare ab.

Auch wenn ich kein Geld verdient habe und noch immer nicht weiß, was ich Rapunzel schenken soll, habe ich der Familie auf jeden Fall eine unterhaltsame Stunde beschert.

Als Rapunzel am Abend im Badezimmer die Zähne putzt, schaut Nachtigall in unser Zimmer und fragt mich: „Prinz, warum wolltest du Geld verdienen?“

„Weil ich ein Geschenk für Rapunzel besorgen will“, sage ich traurig.

„Was wolltest du kaufen?“, will Nachtigall wissen.

„Das Spiel, von dem Rapunzel neulich erzählt hat. Sie fand es ganz toll.“

Nachtigall überlegt eine Weile. „Bist du einverstanden, wenn wir es für dich besorgen? Du versprichst dafür, in den nächsten Wochen daheim zu bleiben, wenn wir Besorgungen machen oder zu Weihnachtsfeiern gehen.“

Das ist ein großes Opfer. Sie verlangt wirklich viel. Aber ich bin trotzdem nach kurzem Nachdenken damit einverstanden. Schließlich brauche ich unbedingt ein Geschenk für Rapunzel.

 




Annette Paul schreibt und veröffentlicht seit vielen Jahren Kurzgeschichten und Kindertexte, gern etwas zum Schmunzeln. Sie hat mehrere Bücher mit der Ratte Prinz geschrieben: "Ratte Prinz","Ratte Prinz im Weihnachtsbaum" und "Rattenprinzessin Rapunzel". Dazu die Weihnachtsbücher: "Der ganz normale Weihnachtswahnsinn", , "Weihnachtsmann im Weihnachtsstress" und "Weihnachtsmann hat noch mehr Stress". Mehr von und über Annette Paul auf Probeschmökern bei Annette Paul.  Siehe auch die Autorenseite von Amazon.

Krisi Sz.-Pöhls
lebt recht zurückgezogen in Oppenheim am Rhein.  Malen gehört seit ihrer Kindheit zu ihren Hobbys. Mittels Fortbildungen ist die Autodidaktin Künstlerin geworden.
Sie hat die Illustrationen zu „Der Bär mit der Brille“, „Klein Henning und der Delfin“, „Rattenprinzessin Rapunzel“, „Ratte Prinz im Weihnachtsbaum“ und „Hopser will helfen“ gemalt.
Mehr von ihr auf ihrer Homepage https://salidaswelt.jimdofree.com/
oder bei www.zazzle.de/mbr/238764950947258943


 

Sonntag, 15. Dezember 2019

Rapunzel und Prinz kaufen einen Weihnachtsbaum von Annette Paul


Bild von Krisi Sz.-Pöhls
Warum müssen meine Menschen eigentlich immer so einen Aufwand um Weihnachten machen? Da herrscht eine Aufregung und Geschnatter wie bei einer Gänseherde. Und dann noch diese Geheimnistuerei. Dabei ist es doch ein Tag wie jeder andere. Na ja, abgesehen vom Weihnachtsbaum - und von den Geschenken - vom Besuch der Großeltern, sie kommen nämlich jedes Jahr zu Weihnachten, - und von den Liedern. Ich habe mich angeschlossen und probe schon seit Tagen für mein diesjähriges Ständchen.
In dieser Familie herrscht eigentlich ständig Krach. Rapunzels Mutter ist nämlich Sängerin, deswegen nennen die Kinder sie Nachtigall, wie den Vogel, der so schön singt. Jedes Kind muss deshalb zu meinem Leidwesen auf mindestens zwei Musikinstrumenten Lärm machen. Dazu kommen diese viele Aktivitäten in der Schule: Weihnachtsbasteln, Weihnachtsbacken, Weihnachtsvorführungen.
Ich bin übrigens Prinz, eine kleine goldfarbene Ratte aus königlicher Familie, deshalb beherrsche ich auch die menschliche Sprache. Einer alten Überlieferung zufolge sind wir verwunschene Menschenprinzen und einst soll eine Menschenprinzessin uns erlösen. Meine Freundin Rapunzel, eigentlich heißt sie Raja, aber alle nennen sie nur Rapunzel, hat mich gerettet. Deshalb hoffe ich, dass sie die auserwählte Prinzessin ist und mich erlöst, wenn sie erwachsen ist.
In diesem Jahr sind Rapunzels Oma und Opa schon ein paar Tage vor Weihnachten zu Besuch gekommen. Wie üblich haben alle Familienmitglieder viel zu tun. Außerdem müssen die großen Geschwister bis zwei Tage vor Weihnachten noch Klassenarbeiten schreiben.
Rapunzel hat Glück. Sie geht in die zweite Klasse und muss noch keine Arbeiten schreiben. Hausaufgaben hat sie auch nicht so viel auf.
Mama Nachtigall, die Sängerin und Musiklehrerin ist, probt mit ihrem Chor für den großen Weihnachtsauftritt. Sie ist in Sorgen, denn ihre Solistin, das Mädchen, das einzeln singen soll, ist krank geworden. Und jetzt muss eine Ersatzsängerin einspringen. Leider ist die Ersatzsängerin nicht sehr gut und Nachtigall überlegt schon, ob nicht eine von ihren großen Töchtern den Part übernehmen soll.
„Das geht nicht“, stellt Picasso, der Malervater, klar, „die Mädchen müssen für die Schule lernen, das ist wichtiger als ein Chorauftritt.“
Da Nachtigall am Abend vor Heiligabend selbst einen Auftritt in dem kleinen Theater unserer Stadt hat, ist die Aufregung vor dem Fest noch größer als im letzten Jahr.
Picasso hat vor ein paar Tagen einen eiligen Auftrag bekommen. Leider verdient er mit seiner Malerei nicht sehr viel Geld, deshalb hat er sofort zugesagt, auch wenn es eigentlich unmöglich ist, bis Weihnachten, also innerhalb von einer Woche, ein großes Gemälde fertigzustellen.
Nett wie ich bin, habe ich ihm angeboten, einen Teil des Bildes zu malen. Ich verstehe nicht, warum er das abgelehnt hat. An seiner Stelle wäre ich für jede Hilfe dankbar.
Deshalb sind Oma und Opa in diesem Jahr extra früher gekommen und  übernehmen die Weihnachtsvorbereitungen.

„Rapunzel, komm, wir kaufen den Weihnachtsbaum“, sagt Oma zu meiner Freundin. Ob die beiden das allein hinbekommen? Opa kann nämlich nicht helfen, der hat sich gestern beim Versuch, den Weihnachtsschmuck vom Dachboden zu holen, einen Hexenschuss zugezogen.
„Opa, das hätten wir doch machen können“, hat Winnetou gesagt. Winnetou ist Rapunzels ältester Bruder. Er heißt natürlich nicht Winnetou. Hier haben alle einen Spitznamen. Das macht viel mehr Spaß, hat Rapunzel mir ganz am Anfang erklärt.
„Wollt ihr nicht lieber warten, bis die Großen aus der Schule kommen, bevor Oma auch noch einen Hexenschuss bekommt“, schlage ich vor. Rapunzels Geschwister müssen heute Nachmittag für die Weihnachtsfeier der Schule proben und die Aula dekorieren.
Doch Oma wirft mir nur einen strafenden Blick zu. Dabei ist mein Vorschlag doch wirklich vernünftig. Langsam begreife ich, warum die ganze Familie so verrückt ist, das haben sie bestimmt von den Großeltern geerbt.
„Die Jungen müssen lernen, die Schule ist wichtiger als ein Weihnachtsbaum“, sagt sie nur.
Rapunzel schlüpft eilig in ihre Stiefel und Winterjacke. Oma hilft ihr beim Zuknöpfen, damit es schneller geht. Dann setzt Rapunzel noch ihre Mütze auf und zieht ihre Handschuhe an.
„He, nimm mich mit“, fordere ich sie auf. Sie wirft mir einen zweifelnden Blick zu. „Du kannst doch sowieso nicht helfen.“
Das ist gemein! Beleidigt verteidige ich mich: „Doch, ich kann den Baum auswählen.“. Ich ärgere mich, dass ich nicht sofort in die Jackentasche geschlüpft bin. Jetzt komme ich da gar nicht mehr an.
„Wollt ihr keine Arbeitshandschuhe mitnehmen, das ist angenehmer beim Tragen“, schlage ich schnell vor. Ich muss doch zeigen, dass ich nützlich bin. Oma nickt und läuft mit Rapunzel gleich in den Keller, um welche zu holen.
Währenddessen überlege ich, wie ich mitkommen kann. Da entdecke ich Omas Jacke auf der Truhe neben der Garderobe. Die hat sie noch gar nicht angezogen, weil sie zuerst Rapunzel geholfen hat. Die Gelegenheit muss ich nutzen. Schnell renne ich zur Truhe, klettere an der praktischen Textiltapete hoch und suche die Jackentasche. Hoffentlich schaffe ich es, meinen Mund bis zum Weihnachtsbaumstand zu halten.
Ha, meine Planung geht auf. Oma zieht die Jacke an, ohne mich zu entdecken. Da habe ich Glück.
„Wo ist Prinz?“, fragt Rapunzel und sucht mich.
„Wahrscheinlich hat er sich beleidigt in seine Hütte verzogen“, meint Oma und schiebt Rapunzel zur Tür hinaus.
Der Weg kommt mir endlos vor. Ich darf noch nicht einmal hinausschauen, sondern hocke still in einer Ecke der großen Tasche.
„Oh, schade, es gibt kaum noch Bäume“, sagt Oma endlich. Sofort stecke ich meinen Kopf hinaus und mustere die Auswahl. Ein paar ganz Große stehen noch in der Ecke, aber selbst mit meiner Hilfe können Oma und Rapunzel es nicht schaffen, die bis nach Hause zu tragen.
Vorne in einer Ecke stehen ein paar verkrüppelte Tannen. Warum sind sie nicht zu der Gärtnerei an der Landstraße gefahren? Die haben doch immer so viele Bäume. Das habe ich gesehen, wenn wir auf dem Weg zu Nachtigalls kleiner Klavierschülerin vorbeigefahren sind. Die freut sich nämlich, wenn ich und Rapunzel mitkommen. Manchmal spielt Rapunzel zu ihren Klavierstücken Flöte.
„Oma, die sind viel zu hässlich“, sagt Rapunzel energisch.
„Ja, aber sonst haben wir überhaupt keinen Baum“, antwortet Oma seufzend.
„Doch, ihr könnt doch zu dem Gartengeschäft an der Landstraße fahren.“ Ich recke mich aus der Tasche, damit sie mich sehen.
„Prinz, ich hatte gesagt, du bleibst daheim!“ Oma klingt wirklich böse. Dabei habe ich doch eben einen guten Vorschlag gemacht.
„Prinz hat recht. Wir fahren mit dem Auto. Es ist nicht weit. Dort gibt es sicher noch Bäume“, drängt Rapunzel Oma. „Bitte, der Baum soll doch hübsch aussehen.“
Widerwillig stimmt Oma zu. Also marschieren die beiden zurück. Sie laufen schneller als auf dem Hinweg, schließlich wollen sie den Laden vor Geschäftsschluss erreichen.
Daheim leiht sich Oma Picassos klapprigen alten Bus. Damit die große Familie befördert werden kann, braucht er nämlich einen Bus.
Oma stehen die Schweißperlen auf der Stirn, als sie losfährt. Sie sagt auch gleich: „Ich fahre so ungern mit eurem Wagen.“ Deshalb fährt sie besonders vorsichtig und lässt sich nicht von den hupenden Autos stören. Rapunzel weist ihr den Weg, das macht sie richtig gut. So gelangen wir heil beim Gartencenter an.
Hier gibt es wirklich noch ganz viele Bäume. Diesmal sind sie so schön, dass Oma und Rapunzel sich gar nicht entscheiden können. Ich schlage ihnen zwei wunderbare Tannen vor, aber davon will Oma nichts hören. Auch Rapunzel hat einen Lieblingsbaum, Oma einen anderen. Schließlich sind wir die letzten Kunden am Weihnachtsbaumstand, die Verkäufer werden schon ungeduldig. Deshalb wählt Oma Rapunzels Baum.
Als sie den Preis erfährt, schaut sie ganz erschrocken, trotzdem zückt sie ihr Portemonnaie und bezahlt. Die Männer sind so nett und tragen den Weihnachtsbaum zum Bus und legen ihn sogar in den Kofferraum. Er schaut noch über die beiden hinteren Sitzreihen hinweg. Anscheinend ist er wohl etwas größer geraten, als sich Oma vorgestellt hatte.

Auf dem Rückweg hat sich Oma schon etwas an das große Auto gewöhnt, trotzdem hupen ganz viele ungeduldige Autofahrer uns an. Aber wir kommen gesund zurück. Zum Glück braucht Oma nicht einparken, sondern kann den Wagen einfach vor dem Haus stehenlassen.
„Ich brauche Hilfe, den Baum bekomme ich allein nicht aus dem Auto“, erklärt sie den beiden ältesten Jungen. Die springen sofort auf, um ihrer Oma zu helfen.
„Mann ist der riesig“, staunt Winnetou und lacht. „Da wird Nachtigall ärgerlich sein. Sie wollte doch nie wieder so einen großen Baum.“
„Aber wir wissen doch, wo wir ihn hinstellen können“, erklärt Rapunzel und zeigt auf die Ecke im Flur, in der im letzten Jahr der Riesenbaum gestanden hat.
„Genau, und Picasso hat auch schon Übung mit so einem Prachtstück“, lacht Winnetou.
Da hat er Recht, mit der Hilfe der gesamten Familie, vor allem dank meiner Ratschläge, schaffen sie es, den Baum nach ein paar Stunden endlich in den Ständer zu bekommen und in den Flur zu tragen. Er steht sogar fast gerade. Damit er nicht umfällt, wird er vorsichtshalber wieder an Haken festgebunden.
„Jetzt kann der Weihnachtsmann kommen“, meint Rapunzel glücklich. Und ich bin auch glücklich. Ich bin nämlich immer glücklich, wenn Rapunzel es ist.

Annette Paul schreibt und veröffentlicht seit vielen Jahren Kurzgeschichten und Kindertexte, gern etwas zum Schmunzeln. Sie hat mehrere Bücher mit der Ratte Prinz geschrieben: "Ratte Prinz","Ratte Prinz im Weihnachtsbaum" und "Rattenprinzessin Rapunzel". Dazu die Weihnachtsbücher: "Der ganz normale Weihnachtswahnsinn", , "Weihnachtsmann im Weihnachtsstress" und "Weihnachtsmann hat noch mehr Stress". Mehr von und über Annette Paul auf Probeschmökern bei Annette Paul.  Siehe auch die Autorenseite von Amazon.

Krisi Sz.-Pöhls
lebt recht zurückgezogen in Oppenheim am Rhein.  Malen gehört seit ihrer Kindheit zu ihren Hobbys. Mittels Fortbildungen ist die Autodidaktin Künstlerin geworden.
Sie hat die Illustrationen zu „Der Bär mit der Brille“, „Klein Henning und der Delfin“, „Rattenprinzessin Rapunzel“, „Ratte Prinz im Weihnachtsbaum“ und „Hopser will helfen“ gemalt.
Mehr von ihr auf ihrer Homepage https://salidaswelt.jimdofree.com/
oder bei www.zazzle.de/mbr/238764950947258943

 

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Energieprobleme in der Weihnachtswerkstatt von Annette Paul

Foto Eva Joachimsen



„Wir brauchen mehr Licht“, schimpfte der kleine Wichtel.
Weihnachtsmann furchte seine Stirn. Er schaute aus dem Fenster. Hier oben im Norden herrschte Finsternis und die spärlichen Öllampen und Fackeln erleuchteten die alte Werkstatt der Wichtel nur spärlich.
„Der Schuster hat wenigstens seine Glaskugel und die Bäcker den Schein des Ofenfeuers, wenn die Klappe offen steht, aber wir?“ Der kleine Tischlerwichtel schaute auf seine Hände, die zahlreiche Schnittverletzungen aufwiesen.
„Ich werde mir eine Lösung überlegen“, versprach der Weihnachtsmann.
Er ging nach draußen und fragte den Hausmeisterwichtel:  „Wieso beleuchten wir unsere Werkstätten wie vor hunderten von Jahren mit Fackeln und Tranlampen? Warum läuft der Generator nicht?“
„Weil wir zu viel Benzin verbraucht haben. Den letzten Rest benötigen wir für die Fahrzeuge, sonst können wir die Geschenke nicht ausliefern.“
„Wenn die Wichtel nicht arbeiten können, haben wir nichts zum Ausliefern“, murmelte der Weihnachtsmann. Da er aber schon auf dem Weg zur Backstube war, hörte der Hausmeister nicht mehr, was er sagte.
In der warmen Bäckerei nahm der Weihnachtsmann seine Mütze ab und raufte sich die Haare. Wie sollte es weitergehen. Bei diesen Ölpreisen konnte er sich keinen weiteren Treibstoff leisten.
„Sorgen?“, murmelte der Bäckereichef.
Der Weihnachtsmann nickte. Um ihn aufzuheitern, reichte ihm der Bäcker eine Schüssel mit frischen Lebkuchen.
„Koste mal. Dieses Jahr sind sie besonders köstlich. Wir haben eine neue Gewürzmischung. Und durch den guten Sommer ist der Waldhonig besonders aromatisch.“
Gedankenverloren griff der Weihnachtsmann nach einem kleinen Stück und biss hinein, da erhellte sich sein Gesicht. Strahlend eilte er davon und der Bäcker schaute ihm kopfschüttelnd hinterher.
„Imker, wie viel Wachs haben wir noch?“, fragte der Weihnachtsmann.
„Eine ganze Kiste voll. Die Bienen waren in diesem Jahr besonders fleißig. Die Bäcker haben ihnen eine Extraportion Zuckerwasser vorbeigebracht, weil der Honig so hervorragende Qualität hatte. Brauchen wir mehr Kerzen? Ich mache mich sofort an die Arbeit.“ Der Wichtel kletterte auf eine Leiter und lud sich eine Kiste auf den Rücken. Vorsichtig stieg er damit Sprosse für Sprosse hinab.
„Ja, sofort und bring sie dann in die Tischlerei und Schneiderei. Die anderen brauchen das Licht nicht ganz so dringend.“
„Kerzen?“
„Wir haben keinen Strom, der Treibstoff ist alle.“ Der Weihnachtsmann klang noch immer grimmig.
„Na, da werden die alten arthritischen Rentiere viel zu tun haben“, murmelte der Imker.
Weihnachtsmann schaute ihn böse an. „Für die Fahrzeuge reicht es gerade noch. Gut, ein paar Fuhren werden meine Tiere noch machen. Schon aus nostalgischen Gründen. Die Menschen erwarten mich schließlich im Schlitten.“
Der Imker grinste. „Und die Tiere finden nachts allein nach Hause.“
„Nach dem vielen Stress darf ich auch mal eine Runde schlafen.“ Der Weihnachtsmann musterte ihn strafend von oben bis unten. „Mach dich an die Arbeit.“
Der Wichtel öffnete kommentarlos die Kiste und begann, die Wachsplatten um einen Docht zu rollen. Als er die ersten zwanzig Kerzen fertig hatte, brachte er sie zu den Werkstätten.
Zum Dank, dass sie mit Hilfe der Kerzen alle Bestellungen rechtzeitig abarbeiten konnten, tischlerten die Wichtel den fleißigen Bienen bald nach dem Fest neue Bienenstöcke und die Schneiderinnen nähten dem Imker einen modischen Anzug. 


© Annette Paul






Annette Paul schreibt und veröffentlicht seit vielen Jahren Kurzgeschichten und Kindertexte, gern etwas zum Schmunzeln. Von ihr sind folgende Weihnachtsbücher: "Der ganz normale Weihnachtswahnsinn", "Ratte Prinz im Weihnachtsbaum", "Weihnachtsmann im Weihnachtsstress" und "Weihnachtsmann hat noch mehr Stress".

Mehr von und über Annette Paul auf Probeschmökern bei Annette Paul.
Siehe auch die Autorenseite von Amazon.