Sonntag, 22. Dezember 2013

Gefährlicher Luftverkehr von Annette Paul



„Hoho, nicht so langsam.“ Der Weihnachtsmann schnalzte mit der Zunge, um seine Rentiere anzutreiben und als das nicht half, knallte er mit der Peitsche. Von wegen besinnlich und gemächlich. Heute legten die Kunden größten Wert auf Pünktlichkeit, ansonsten verlor er sie an die Konkurrenz.
Da sein Schlitten nicht so voll wie in früheren Jahren war, viele waren abgewandert, konnte er seinen alten Tieren ein höheres Tempo zumuten. Eine Verjüngung des Zugparks ließ der gekürzte Etat nicht mehr zu. Zu viele Kunden waren in den letzten Jahren schon zu moderneren Anbietern abgewandert.
Das Leittier spielte nervös mit den Ohren. Jetzt wurden die Tiere von allein schneller. Als der Weihnachtsmann das Geräusch endlich hörte, seine Ohren waren nicht mehr so gut wie früher, aber ein Hörgerät zahlte seine Krankenkasse nicht, war es zum Reagieren zu spät. Eine Drohne überholte sie, gefährlich tief fliegend. Fast berührte sie die Köpfe der Tiere. Der Mann am anderen Ende der Welt, der sie lenkte, machte sich einen Spaß mit dem alten Vertriebssystem.
Verschreckt sprangen die Rens los und brachen zur Seite aus. Mit voller Geschwindigkeit preschten sie in Richtung Brandenburger Tor. Die Drohne folgte, lieferte ihnen ein ungleiches Wettrennen.
Der Weihnachtsmann hörte Bremsen quietschen. Schweiß brach ihm aus und rann von der Stirn in den weißen Bart. Zum Glück blieb das anschließende Scheppern aus. Was hätte das für eine Schlagzeile gegeben: „Weihnachtsmann verursacht vor dem Brandenburger Tor eine Massenkarambolage.“ Im letzten Moment bevor sie die Kreuzung erreichten, konnte er sein Gespann zügeln. „Brav, jetzt gehen wir schön langsam zu unseren Kunden. Sollen sie doch warten oder notfalls zur Konkurrenz wechseln. Wir haben uns unseren Ruhestand längst verdient. Nicht wahr, meine Lieben?“, murmelte er in seinen Bart.
Im Schritttempo fuhr er weiter. Die Tiere nahmen das Hupkonzert stoisch hin, daran waren sie seit Jahrzehnten gewöhnt. Gerade als der Weihnachtsmann vor einem Altbau hielt und hinter sich zu seinem Jutesack griff, hörte er erneut eine Drohne. hastig schnappte er sich die Zügel und sprach beruhigend auf die Tiere ein. Die Hightech-Maschine flog direkt über ihnen und ließ ihre Fracht fallen. Das Heimkinosystem streifte seinen Kopf und blieb dann auf den Geschenken im hinteren Teil des Schlittens liegen. Benommen sackte der Weihnachtsmann zusammen. Die Landung einer Hundertschaft Drohnen, bekam er nicht mehr mit. Die Passanten, die ihm zu Hilfe eilten, mussten erst über Stapel der bis zur Haustür zugestellten Pakete klettern.

©Annette Paul

Ähnliche Geschichten vom Weihnachtsmann gibt es in den Ebooks „Weihnachtsmann im Weihnachtsstress“ und „Weihnachtsmann hat noch mehr Stress“.
Mehr von Annette Paul auf ihrem Blog: http://probeschmoekern-annette-paul.blogspot.de