Dienstag, 24. Dezember 2013

Ballträume von Eva Joachimsen



„Meinst du wirklich, ich kann auch ohne Partner zum Ball gehen?“ Kim nahm Melanie einige Bücher ab und trug sie nach vorn. Sie mussten sie noch in Geschenkpapier einpacken. Die Bücher, die sie momentan verkauften, waren fast alle Weihnachtsgeschenke und die verpackten sie lieber morgens, wenn der Laden noch halbwegs leer war, als später, wenn die Warteschlange an der Kasse immer länger wurde.
„Natürlich, die Männer fordern reihum auf. Außerdem gibt es Vorführungen und Dirk muss fotografieren, da bin ich froh, wenn ich mich mit jemanden unterhalten kann.“
Trotzdem zögerte Kim noch. Natürlich musste sie unter Leute kommen. Seit sie ihren Ex rausgeschmissen hatte, war sie niedergeschlagen und saß fast jeden Abend vor der Glotze. Selbst zum Lesen hatte sie keine Lust mehr. Aber im Tanzclub Lietzensee kannten sich alle und außerdem konnten alle ganz toll tanzen. Da konnte sie mit ihren paar Tanzschulschritten doch gar nicht mithalten.
„Hast du ein schönes Kleid? Es muss nicht lang sein. Oder eine schwarze Stoffhose?“
Kim schüttelte den Kopf. „Mein Kleid vom Abtanzball passt mir schon lange nicht mehr.“ Ihr kam das Kleid aus dem Schaufenster in den Sinn. Seit Tagen schaute sie es sich in der Mittagspause sehnsüchtig an. Ein trägerloser Traum in dunkelrot. Ihre brünetten Haare würden damit gut zur Geltung kommen.
Obwohl sie das Kleid gleich am nächsten Tag in der Pause probierte, zögerte sie noch immer. Erst als Dirk Melanie am Abend abholte und einen attraktiven schwarzhaarigen jungen Mann dabei hatte, überlegte sie es sich ernsthaft. Den ganzen Abend und den nächsten Morgen träumte sie von diesem Typ. Der konnte glatt als Fotomodell durchgehen. Durchtrainierter Körper, gleichmäßige Gesichtszüge und dann diese schwarzen Locken.
„War das ein Tänzer?“, fragte sie am nächsten Tag Melanie.
„Nein, ein Kollege von Dirk. Der kommt auch zum Ball.“
Das gab den Ausschlag. „Gibt es bei euch noch Plätze? Ich habe nichts Besseres vor, dann kann ich auch mit dir mitkommen und den Tänzern zuschauen“, gab Kim sich uninteressiert.

Da sie nichts vorhatte, begleitete sie Melanie am Freitag zum Schmücken der Vereinsräume. Sie hoffte, den Dunkelhaarigen zu treffen.
„Dirk hat keine Zeit und ich kann auch zu spät, weil ich arbeiten musste. Und morgen muss ich Schnittchen mitbringen“, erklärte Melanie im Bus. Sie stiegen aus und liefen das letzte Stück zu Fuß.
„Wann willst du die denn noch vorbereiten?“
„Zwischen Arbeit und Ball.“ Melanie grinste. „Ich fühle mich in der Küche sowieso nicht so wohl. Aber die anderen meinten, es spiele keine Rolle, also habe ich nur Weißbrot bestellt und packe Mett drauf. Dekorieren dürfen die anderen.“
Melanie bog in den Hinterhof ein. Im Hinterhaus war die erste Etage hell erleuchtet. Sie eilten die Treppe hoch. Tische und Stühle standen schon im kleinen Saal, als sie eintrafen. Sie gesellten sich zu einer Frau, die Tannenzweige und Weihnachtsschmuck zu Gestecken band, die sie an die Wände hängte.
Marga, die gute Seele des Vereins, rollte die Papiertischdecken aus. Nachdem alle Wände dekoriert waren, schmückten sie die Tische. Sie hatten sogar noch genug Zweige für den Vorraum übrig. Einer der Männer brachte Lichterketten, die sie über den Tresen in der Bar hängten.
Zwei Stunden später sahen die Räume wunderschön weihnachtlich aus. „Gar nicht wiederzuerkennen“, meinte Melanie zu Marga, bevor sie gingen.
„Du denkst an die Schnittchen.“
„Zu Befehl.“ Melanie salutierte.

Am nächsten Tag mussten sie bis 18 Uhr arbeiten. Damit Melanie schneller nach Hause konnte, half Kim ihr bei der Abrechnung. Gemeinsam brachten sie das Geld zur Bank. Melanie hatte ihr angeboten, sich bei ihr umzuziehen, da Kim weiter weg wohnte.
Dank Kims Hilfe waren die Schnittchen schnell fertig und Kim dekorierte die Platte auch noch liebevoll mit Petersilie und Gürkchen.
„Wenn ich gewusst hätte, wie talentiert du bist, hätte ich etwas ganz Kompliziertes angeboten“, meinte Melanie.
„Was denn?“
„Weiß ich nicht.“ Sie lachten, dann beeilten sie sich, sich zurechtzumachen. Sie waren gerade fertig, als Dirk eintraf.
Er begrüßte Kim mit einem Handschlag, anschließend umarmte und küsste er Melanie. In Kim regte sich Neid. Dabei hatte sie selbst ihren Ex hinausgeworfen, weil er sich immer bedienen ließ und auch noch von ihrem Geld lebte. Ob sie heute Chancen hatte, einen netten Partner zu finden? Sie war schon ganz aufgeregt. Hoffentlich gefiel sie Dirks Kollegen.
Dirk beeilte sich und sie trafen ein, als der 1. Vorsitzende die Gäste begrüßte und den Ball mit einem Wiener Walzer eröffnete.
Kim saß da und staunte. In der Tanzschule hatte sie schon immer gedacht, die Goldpaare wären gut. Aber hier bewegten sich Tänzer auf der Fläche, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten tanzten.
Trotzdem ließ Dirk keine Ausrede gelten, sondern forderte sie auf. Die anderen Herren am Tisch folgten seinem Beispiel. Kim fühlte sich unsicher. Sie hatte Angst, ihren Partnern auf die Füße zu treten. Außerdem war sie nicht bei der Sache. Immer wieder spähte sie nach der Tür, ob Bernd endlich käme.
Wie gut, dass Melanie mit ihr in den Pausen die Grundschritte geübt hatte. Kim hatte sie schon fast vergessen gehabt.
Ab und zu ließ Dirk einen Tanz aus und fotografierte. „Ich bin hier als Vereinsfotograf engagiert“, meinte er, bevor er von Tisch zu Tisch ging und so nach und nach alle aufnahm.
Nach der ersten Stunde traten die Squaredancer auf. Mit ihrer Westernkluft und den Petticoats sahen sie schön aus. Dazu strahlten sie so eine Lebensfreude aus.
„Willst du da nicht mitmachen?“, flüsterte Melanie.
„Ich habe doch keinen Partner.“
Nach dem Auftritt erschien endlich der Dunkelhaarige. Melanie stellte sie vor. „Meine Kollegin Kim. Und das ist Bernd, ein Kollege von Dirk.“
Bernd setzte sich neben Kim. Sie errötete und spielte mit den Fingern. Krampfhaft suchte sie nach einem Gesprächsthema. Schließlich fragte sie ihn nach seinem Lieblingsbuch.
„Oh, ich lese nicht.“
„Und dein Lieblingsfilm?“
„Ich sehe eigentlich nur Fußball.“
„Gehst du nicht ins Kino?“, fragte Kim entsetzt.
Er schüttelte den Kopf.
„Verreist du im Sommer?“
„Ich fahre mit meinen Kumpels in den Süden. Das machen wir jedes Jahr. Ostern fahren wir an die See, Pfingsten in den Harz und im Oktober durch die Alpen.“
„Mit dem Auto?“
Er lachte. „Nein, ich habe eine Harley.“ Und dann schwärmte er eine Viertelstunde von seiner Maschine. Kim verstand kein Wort. Wollte sie auch gar nicht. Sie hatte Angst vor Motorrädern, seit ein Bekannter einen schweren Unfall gehabt hatte. Aber das schien Bernd nicht zu bemerken.
Nach einer halben Stunde floh Kim auf die Toilette. Bernd hatte ihr die ganze Zeit die Vorzüge seines Motorrads erläutert.
Nach einer Weile folgte Melanie ihr. „Magst du ihn nicht?“
„Über was unterhältst du dich mit ihm?“
„Hm, gar nicht. Dirk und er unterhalten sich. Meistens über Kameras und Fotoprogramme.“ Da Melanie Mitleid mit Kim hatte, gingen sie gemeinsam an einen anderen Tisch und setzten sich zu einer lebhaften Gruppe, in der viel gewitzelt wurde. „Unsere Squaredancer.“ stellte Melanie vor. Kurz darauf führten ein paar Turnierpaare etwas vor. Mit ihren bunten, glitzernden Kleidern und den Fräcken sahen sie so wunderschön aus. Schon allein deshalb hätte Kim gern getanzt.
Als Dirk den Fotoapparat beiseite packte und Melanie aufforderte, blieb Kim bei den jungen Leuten sitzen.
„Wollen wir es miteinander probieren?“, fragte ein junger blonder Mann mit Grübchen an den Wangen. Und als sie nickte, stand er auf und reichte ihr seine Hand. Er bewegte sich gut und konnte sie so führen, dass sie das Gefühl hatte, schon ewig zu tanzen.
„Ich denke, du bis Squaredancer.“
Henrik lachte. „Ja, aber ab und zu helfe ich im Tanzkreis aus, wenn ein Herr fehlt.“ Als er sie zurückführte, meinte er: „Im Januar fängt ein Discofoxkurs an, vielleicht ist da ein Herr übrig. Schau doch einfach einmal vorbei.“
„Und wie ist es bei den Squaredancern?“
„Da kannst du auch kommen. Wenn Herren fehlen, tanzen einige Frauen als Herren.“
Zwischen den Gesellschaftstänzen wurde immer wieder Musik für die Squaredancer gespielt. Kim ging zu Melanie zurück.
„Ich hoffe, du langeweilst dich nicht.“
Kim schüttelte den Kopf. „Nein, ihr seid ein netter Verein.“
„Es war sicher gut, dass du uns gestern geholfen hast, dadurch kennen dich jetzt einige.“
Später trat die Lateinformation auf. Henrik kam und setzte sich auf Bernds Platz. Bernd stand am Tresen, unterhielt sich angeregt und trank Bier. Wahrscheinlich hatte er einen anderen Biker getroffen.
„Tanzt er überhaupt?“, flüsterte Kim.
„Nein, ich habe ihn aufgefordert, das war ein großer Fehler.“ Melanie wies auf die abgeschürfte Stelle auf ihrem Fußrücken hin. „Er hatte Dirk um eine Karte gebeten, als Dirk ihm von unserem Ball erzählt hat, deshalb dachte ich, er kann tanzen.“
Da hatte Kim wohl Glück gehabt, dass er sie nicht aufgefordert hatte.
Die Vorführung der Formation war traumhaft. Schnell und spritzig wirbelten die Tänzer über die Fläche. Kim sah ihnen neidisch zu. So schön würde sie auch gern tanzen können. Sie nahm sich vor, es mit dem Discofoxkurs zu probieren. Vielleicht hatte sie Glück und fand einen Herrn. Nach dem Auftritt füllte sich die Tanzfläche erst langsam wieder. So als ob alle einen großen Respekt vor dem Können hätten.
Die Herren des Tisches forderten Kim wieder auf. Sie konnten alle phantastisch führen. Kim wusste fast immer, was sie machen sollte, dabei kannte sie die Figuren gar nicht.
Und dann stand Henrik wieder vor ihr. „Tanzt du mit mir oder nur noch mit den Turniertänzern?“
Sie lief rot an. „Die fordern mich nur auf, weil sie Melanie einen Gefallen tun wollen.“ Henrik führte sie über die Fläche. Erst im Walzergrundschritt, dann mit schwierigeren Figuren. „Ich kann leider nur unregelmäßig zum Training kommen, weil ich so häufig auf Dienstreise bin“, erklärte er.
„Schade“, entfuhr es Kim. Dann biss sie sich auf die Zunge.
Henrik lachte. „Wir können es ja miteinander probieren. Aber ich bin wirklich häufig weg und dann lernst du nichts.“
„Du kannst es mir hinterher beibringen.“ Sie folgte ihm zu seinem Platz. Dirk hatte die Kamera weggelegt, also brauchte Melanie keine Gesellschafterin mehr.
Sie stellte fest, dass Henrik dieselben Thriller wie sie las und im Kino gern Thriller und Komödien ansah.
Lange nach Mitternacht schaute Melanie vorbei. „Wir gehen nach Hause. Bleibst du noch oder sollen wir dich mitnehmen?“
„Ich bleibe. Vielen Dank!“ Notfalls musste sie eine Taxe nehmen. Aber so schnell würde sie ihren Platz neben Henrik nicht räumen.
„Bernd ist schon verschwunden, war wohl nicht das, was er erwartet hatte.“ Melanie zwinkerte ihr zu, dann nickte sie und ging.
Henrik tippte Kim auf die Schulter. Sie drehte sich um. „Lass uns noch einen Discofox tanzen.“ Und bevor sie antwortete, zog Henrik sie schon auf die Tanzfläche. Er drehte sie unter seinen Arm durch und anschließend befand sie sich in seinem anderen Arm. Gemeinsam drehten sie sich. Als die Musik aufhörte, zog er sie an sich und küsste sie.

©Eva Joachimsen