Samstag, 10. Dezember 2011

Rauschgoldengel und Lamento - weihnachtliche Gedanken eines 16-Jährigen von Evelyn Sperber-Hummel


Ob wir Weihnachten feiern? Na klar. Immer ganz feierlich. Mit Rauschgoldengel und Lametta. Und natürlich mit Geschenken. 'n Haufen Geschenke. Sind ja schließlich keine armen Leute. Satte zwei- bis dreitausend Mark machen meine Eltern jedes Jahr für mich locker. Als Einzelkind hat man so seine Vorteile. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit einem Bruder oder einer Schwester teilen müsste. Oder sogar mit mehreren. Nee, da sollen meine Alten mal hübsch enthaltsam sein. Ist aber gar nicht nötig. Meine Mutter nimmt die Pille. Die hat an mir schon genug. Flippt ständig aus, wenn ich nicht mache, was sie will. Bin ja mal gespannt, was diesmal an Heiligabend wieder bei uns läuft.
Was meinst du? Du glaubst nicht, dass das bei uns feierlich ist? Wegen meiner Mutter, weil die ständig ausflippt und weil bei uns an Heiligabend immer was läuft? Du findest, dass das nicht zu feierlichen Weihnachten passt? Hast du eine Ahnung. Bei uns ist es an Heiligabend total feierlich. Ehrlich.
Das fängt schon Wochen vorher an. Da ist meine Mutter ganz in ihrem Element. Vom großen Hausputz krieg ich Gott sei Dank nicht viel mit. Ich geh morgens aus dem Haus und mach dann die Wochen vor dem Fest 'ne Menge Überstunden.
Was? Na ja, sind keine richtigen Überstunden. Sag ich bloß zuhause. Sonst kriegt meine Alte mich noch ran zum Fenster putzen oder Plätzchen backen. Das gäb bloß Krach. Ich würde ihr sowieso nichts recht machen. Da halte ich lieber Distanz und genieße die vorweihnachtliche Stimmung mit meinen Kumpels in irgendeiner Kneipe. Macht mein Vater übrigens genau so. Der hat vor Weihnachten auch immer jede Menge Überstunden zu machen. Vonwegen der Wirtschaft. Die muss ja besonders vor Weihnachten mächtig angekurbelt werden.
Ob meine Mutter sich beschwert, weil wir sie zu Hause allein rumwurtscheln lassen? Och, weißt du, nicht so direkt. Wenn ich nach Hause komm, krieg ich erst mal 'ne kalte Dusche wegen der vielen Arbeit, mit der ich meine Mutter allein hocken lasse, aber wenn ich dann frage, ob ich ihr helfen kann, dann sagt sie bloß, ich soll man auf mein Zimmer verschwinden, sie käm auch ohne mich zurecht und so. Außerdem stünde ich ihr sowieso bloß im Weg. Wenn mein Vater dann kommt, regnet's noch mal 'n kalten Guss. Aber dann ist Ruhe. Richtig beschweren tut sich meine Mutter eigentlich nie. Die dreht nur ab und zu durch und nörgelt rum. Aber an Heiligabend ist dann alles paletti. Die Wohnung glänzt, im Wohnzimmer wird der Baum geschmückt, das macht meine Mutter immer allein, sie kann das besser als mein Vater und ich, wir hätten zu wenig ästhetisches Gespür, sagt sie. Mein Vater geht dann lange mit dem Hund spazieren. Zwischendurch kurbelt er noch mal die Volkswirtschaft an. Drei Straßen weiter ist seine Stammkneipe. Wenn er heim kommt, glänzen seine Augen. Das ist dann richtig weihnachtlich.
Ich sitze meist in meinem Zimmer und hör Musik. Mit Kopfhörer. Meine Mutter meint, die Musik, die ich gern höre, passt nicht zu Weihnachten. Wenn ich die Kopfhörer abnehme, höre ich von unten die Glocken süßer klingen und den Schnee leise rieseln. Zwischendurch kleppert Geschirr. Dann weiß ich, meine Mutter deckt jetzt den Tisch. Piekfein ist das an Weihnachten bei uns. Da gibt es extra Servietten. Solche mit goldener Stickerei drauf. Und vergoldete Serviettenringe. Alles ganz nobel. Mit Kerzenschein und so. Weiße Damastdecke und das Geschirr mit dem Goldrand. Sieht echt edel aus. Und das Essen ist dann selbstverständlich auch sehr edel. Mit Vorspeise, mehreren Hauptgängen und verschiedenen Desserts. Das muss man meiner Mutter lassen, kochen kann sie.
Nach 'm Essen bleiben mein Vater und ich noch ein bisschen am Tisch sitzen. Meine Mutter räumt ab. Mein Vater und ich rauchen und schwätzen miteinander. Tun wir nicht oft. Eigentlich bloß an Heiligabend. Zwischendurch meckert meine Mutter mal und stöhnt über die viele Arbeit und dass sie immer alles allein machen muss und so. Aber ernst meint sie das nicht. Das ist so ihre Art. Ich wüsste gar nicht, was wir ihr helfen sollten. Sie kann das doch alles viel besser als mein Vater und ich mit unseren linken Händen. Die taugen doch überhaupt nicht für 'n Haushalt.
Wenn meine Mutter dann fertig ist, fängt bei uns Weihnachten an. Mein Vater geht ins Wohnzimmer, meine Mutter und ich müssen draußen vor der Tür warten, bis mein Vater die Bude zum Sturm frei gibt.
Wie? Ach so, ich mein, wir dürfen dann reinkommen. Wenn mein Vater mit so 'ner Christbaumglocke klingelt, dürfen wir das Wohnzimmer betreten. Dann steht da der Weihnachtsbaum in seinem Glühbirnenglanz, von der Stereoanlage ertönt "Stille Nacht heilige Nacht", und mein Vater steht mitten im Zimmer und hat glänzende Augen und dann nimmt er meine Mutter in die Arme und sagt "fröhliche Weihnachten", und dann drückt er mir die Hand und sagt "mein Junge, fröhliche Weihnachten", und dann umarmen meine Mutter und ich uns, und dann geht's an die Geschenke. Na ja, dann umarmen wir uns noch mal und bedanken uns. Das war's dann. Anschließend hat jeder erst mal genug zu tun mit seinen Geschenken.
Letztes Jahr bekam ich einen neuen Computer. War echt super. Riesenteil mit 'm Haufen Spiele. Astrein. Hatten sich ganz schön ins Zeug gelegt, meine Alten. Zum PC noch 'ne Urlaubsreise nach Irland, weil sie froh sind, wenn sie mich mal für ein paar Wochen los sind, und verschiedene Kleinigkeiten, Pullover, Anorak, Handy und so. War echt geil. Bloß meine Mutter hätte beinahe wieder alles vermasselt. Die hat so eine Art, da kannst du dir nur noch ans Hirn fassen. Steht sie da doch vor meinem Computer und fängt an, auf den Tasten rumzuspielen. Plötzlich tote Hose. Kein Bild mehr. Ton weg. Alles Kacke deine Elli. "Lass doch deine dämlichen Finger von meinem PC!" habe ich sie angebrüllt. Da hat sich mein Vater eingemischt und gesagt, so dürfe ich nicht mit meiner Mutter reden. Na, da bin ich aber auf die Barrikaden gegangen. "Ihr könnt euch euren Scheiß-Computer irgendwohin stecken!" hab ich gesagt und mal kurz mit der Faust auf das Ding geschlagen. Da waren das Bild und der Ton wieder da. War bloß ein Wackelkontakt gewesen. Weil der Stecker nicht richtig drin steckte. Na ja, war ja nichts passiert. Aber meine Mutter spielte dann den ganzen Abend die Beleidigte. Tut sie immer. Da kann man nichts machen.
Irgendsowas passiert bei uns an Heiligabend immer. Einmal hatten wir schon vor der Bescherung die Bescherung. Da kriegte meine Mutter einen Anruf, und im Backofen verbrutzelte die Gans. War das ein Drama. Meine Mutter hat geheult, als hätte es einen Todesfall in der Familie gegeben. Ich glaube, so sehr würde sie weder bei meinem Vater noch bei mir heulen, ich mein, wenn wir mal sterben. Ganz hin war die Gans noch gar nicht. Die Füllung konnte man noch essen. Aber das mütterliche Kunstwerk war zerstört, und das kriegten wir dann den ganzen Abend zu spüren. Ständig kam meiner Mutter wieder das Schluchzen hoch. Am schlimmsten bei dem neuen Bräter, den mein Vater ihr zu Weihnachten schenkte.
Na ja, sie hat es lebend überstanden. Vor drei Jahren hätte es bei uns fast Tote gegeben. Ich hab gedacht, jetzt bringt sie ihn um. War echt irre. Und das alles wegen einer wahnsinnig teuren Halskette mit echten Brillanten. Mein Vater drückte meiner Mutter das Päckchen in die Hand und sagte "Für dich, mein Schatz." Meine Mutter lächelte und löste die Schleife. Als sie die Kette sah, lief ein ungläubiges Staunen über ihr Gesicht. So etwas hatte ihr der Alte noch nie geschenkt. Sie war zum ersten Mal sprachlos. Dann las sie das Kärtchen, das mein Vater mit dem Geschenk hatte verpacken lassen. 'Meiner geliebten Therese' stand da drauf. Meine Mutter heißt Luise. Da platzte die Bombe. Meine Mutter entfesselte ein dramatisches Lamento und drohte mit Scheidung. Außer wütenden Worten und Blicken warf sie meinem Vater auch ein paar Gegenstände an den Kopf. Fast hätte sie ihn mit der Kristallvase getroffen. Aber er duckte sich rechtzeitig. Als die Vase an der Tischkante zerschellte, kam meine Mutter endlich zur Besinnung. Sie fiel in einen Sessel und fing fürchterlich an zu heulen. Mein Vater ging raus und telefonierte mit jemandem. Anscheinend lief bei dem Gespräch auch nicht alles nach seinem Geschmack. Jedenfalls sagte er zum Schluss 'Ihr Weiber seid doch alle bekloppt!' und knallte den Hörer auf. Später hat er mir erzählt, dass seine Tussi statt der Halskette das meiner Mutter zugedachte Messer-Set mit vergoldeten Griffen für die Küche bekommen hatte. Damit konnte die nichts anfangen. Er solle sich bloß nie wieder bei ihr blicken lassen, hatte sie ihm gesagt, und das war dann das Ende dieser außerehelichen Love-Story. Danach hat's noch monatelang bei uns gekriselt. Aber an Weihnachten war dann alles vorbei und vergessen. Ist ja schließlich auch das Fest der Liebe und des Friedens.
Von Therese ist bei uns keine Rede mehr. Aber die verkohlte Gans hat meine Mutter bis heute nicht vergessen. Der Karoline, das ist ihre beste Freundin, hat sie deshalb die Freundschaft gekündigt. Weil die nämlich schuld war wegen dem langen Telefonat. Die Karoline hat gesagt, sie hätte doch nicht riechen können, dass meine Mutter eine Gans im Ofen hat. Aber meine Mutter meinte, unter Freunden müsse man ein Gespür für so was haben.
Na ja, langweilig ist es bei uns nie. Ich bin mal gespannt, was meine Alten sich diesmal für mich ausgedacht haben. Im Februar hab ich den Führerschein gemacht. So 'n kleines Auto wär eigentlich drin. 'n leisen Tipp hab ich den beiden schon gegeben. Natürlich ganz dezent und feierlich. Soll ja 'ne Überraschung für mich werden.
Moment mal. Ich riech was. Das stinkt fast wie 'ne verbrannte Gans. Hey, da kommt ja Qualm unter meiner Tür durch.
"Mama! Hilfe! Mama!"

© Evelyn Sperber-Hummel