Dienstag, 20. Dezember 2011

Felix und der Elf der Zeit von Martina Decker


Felix hatte es sich auf dem breiten Fensterbrett in der Küche gemütlich gemacht. Seine Mama stand am Küchentisch und rührte den Teig für die Zimtwaffeln, die er so gerne mochte und die es wirklich nur an Weihnachten gab. Schon der Gedanke an das zarte, knusprige Gebäck ließ Felix das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Der Junge hockte mit angezogenen Beinen an den Rahmen gelehnt und schaute hinaus in den Garten. Seit einer halben Stunde schneite es in dicken Flocken und langsam deckte der Schnee die Rasenfläche zu und die beiden Tannenbäume am Zaun sahen aus, als hätte Mama sie mit Puderzucker bestäubt.

Obwohl es erst früh am Nachmittag war, lag die Welt hinter dem Fenster schon in Dunkelheit. Die Straßenlaternen warfen ihr Licht auf die Straße, und wenn ein Auto vorbeifuhr, spritzte der Matsch manchmal bis an Frau Hubers Hauswand.

Felix hatte kurz überlegt den Schlitten aus der Garage zu holen und rodeln zu gehen. Aber Sebastian war mit seinen Eltern zu seiner Oma gefahren und Mira hatte eine Erkältung. Also hatte Felix beschlossen, statt dessen lieber bei Mama in der Küche zu sitzen und darauf zu warten, dass sie die Plätzchen aus dem Ofen holte. Dann konnte er naschen und die übrigen mit buntem Zuckerguss und Streuseln oder Schokolade verzieren.

Felix beobachtete gedankenverloren den blinkenden Stern im Fenster von Frau Huber. „Rot – blau – gelb – blink – blink – rot - blau – gelb …“ murmelte der Junge im Takt der Lichter.

Im Haus daneben wohnte Herr Nolte. Bei ihm hingen keine blinkenden Sterne im Fenster. Dafür hatte der Mann einen Tag vor dem ersten Adventssonntag einen großen, uralten Schlitten in den Vorgarten gestellt. Felix durfte ihm helfen, die Lichtergirlande um die Streben zu wickeln und dann hatten sie gemeinsam viele Geschenkkartons aufgeladen und so miteinander verklebt, dass auch ein stürmischer Wind ihnen nichts anhaben konnte.

Die bunte Folie glitzerte im Lichterschein und man konnte wirklich glauben, der Weihnachtsmann würde jeden Moment kommen und die Rentiere vorspannen.

Felix seufzte. Den Weihnachtsmann gab es doch gar nicht und fliegende Rentiere auch nicht. Alles nur ein Märchen, das sich die Erwachsenen ausgedacht hatten um … Ja, warum eigentlich?

Seit Tagen suchte er darauf eine Antwort und mit jedem Tag wurde seine Wut auf Mama und Papa größer. „Erzähl uns bitte keine Lügen!“ hatten sie ihn immer gemahnt und gesagt, dass „Lügen kurze Beine haben“. Die Wahrheit würde sowieso ans Licht kommen und dann wäre alles doppelt so schlimm.

Und nun hatte er herausbekommen, dass Mama und Papa ihn seit Jahren belogen hatten. Es gab keinen Weihnachtsmann, keine Wichtel und Elfen und wahrscheinlich auch keinen Osterhasen.

Wie sollte er ihnen denn jetzt noch vertrauen können?

Felix lehnte nachdenklich die Stirn an die kühle Scheibe.

Grad in diesem Moment sah seine Mama zu ihm herüber. Verwundert strich sie sich die Hände an der bunten Schürze ab und ging auf ihren Sohn zu. „Was ist denn heute bloß mit dir los?“ fragte sie besorgt und legte ihm die Arme um die Schultern.

„Nichts!“ meinte Felix einsilbig.

„Dafür wirkst du aber reichlich bedrückt“, gab Mama zur Antwort. Natürlich glaubte sie ihm kein Wort, aber sie wusste auch: Felix konnte ein rechter Sturkopf sein, und wenn er nicht reden wollte, dann musste sie geduldig sein. Liebevoll drückte sie ihm einen Kuss auf den blonden Schopf und gemeinsam schauten sie eine Weile schweigend aus dem Fenster.

„Wenn es so weiter schneit, wird der Weihnachtsmann kein Problem haben, uns morgen mit dem Schlitten zu erreichen“ meinte Mama schließlich.

„Mama! Ich bin kein Baby mehr!“ gab Felix unwirsch zurück und wand sich aus der Umarmung. „Es gibt keinen Weihnachtsmann!“ sagte er sehr vorwurfsvoll.

Mama zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Darüber dachte ihr Sohnemann also die ganze Zeit nach. „So? Woher weißt du denn das so sicher?“ fragte sie und setzte sich zu ihm auf die Fensterbank.

„Das sagen alle. Der Max und der Toby und die Maren …“

„Und denen glaubst du mehr als mir?“ Mama klang richtig traurig und es tat Felix schon leid, dass er überhaupt davon angefangen hatte. Aber nun gab es kein Zurück mehr. „Außerdem geht das gar nicht“ argumentierte Felix schnell, „Die Welt ist so groß, keiner kann in einer Nacht überall hinfahren und auch noch Geschenke verteilen.“ Der Junge machte ein wichtiges Gesicht.

Er war acht Jahre alt und ging in die dritte Klasse. Im Erdkundeunterricht hatte er vor ein paar Wochen eine Weltkarte gesehen und war noch immer sehr beeindruckt. Frau Schneider, seine Lehrerin, hatte mit einer Stecknadel die Stelle markiert, wo in etwa Hummelndorf war. Schon aus der zweiten Reihe hatte er die Nadel gar nicht mehr auf der großen Karte erkennen können. Da war es ihm ganz klar gewesen: Die Welt war viel größer, als er sie sich je vorgestellt hatte! Und Hummelndorf war im Gegensatz dazu winzig klein.

„Nein, da hast du natürlich recht“ meinte seine Mama. „Normalerweise geht das nicht. Aber Weihnachten ist ja auch etwas ganz Besonderes. Weihnachten ist Zauber und Magie.“

„Gib dir keine Mühe, Mama!“ erwiderte Felix trotzig. „Es gibt keinen Weihnachtsmann!“

„Na, wenn du dir da so sicher bist!“ Mama zuckte mit den Schultern. „Vielleicht wissen deine Freunde ja wirklich mehr als ich."Sie wandte sich wieder dem Teig zu. „Hol doch bitte mal das Waffeleisen aus dem Schrank im Keller. Ich bin gleich mit dem Teig soweit und dann kann es losgehen.“

Felix nickte verwirrt. Mama versuchte nicht einmal, ihn zu überzeugen, dass er oder seine Freunde Unrecht hatten.

Dann war es also wahr! Aber wer hatte denn dann seinen Wunschzettel? Den, den er wie jedes Jahr pünktlich zum ersten Advent an den Weihnachtsmann geschickt hatte. Und wer hatte ihm geantwortet? Der Brief letzte Woche war mit „Santa Claus“ unterschrieben und es war eindeutig nicht Mamas oder Papas Handschrift gewesen.

„Hallo, junger Mann!“ holte ihn Mama aus seinen Gedanken. „Das Waffeleisen …“

Drei große Keksdosen voller Zimtwaffeln standen schließlich auf dem Esstisch. Der süße Duft hing in der ganzen Wohnung. Felix hatte ordentlich genascht und nun war ihm ein bisschen übel. Als Mama zum Abendessen rief, machte er ein bedrücktes Gesicht.

„Dafür, dass morgen schon Weihnachten ist, schaust du aber nicht sehr fröhlich drein,“ meinte sein Papa. Felix zuckte mit den Schultern und biss lustlos in sein Käsebrot.

„Er wird zu viel genascht haben,“ schmunzelte Mama, „und außerdem weiß er jetzt die ganze Wahrheit über den Weihnachtsmann.“ Dass sie Papa dabei zuzwinkerte, entging Felix.

„Die ganze Wahrheit?“ Papa schien etwas ratlos.

„Es gibt keinen Weihnachtsmann! Ihr habt mir nur ein Märchen erzählt,“ schimpfte Felix aufgebracht. „Und weißt du was? Das finde ich gemein.“

„Und wer, glaubst du, bringt die Geschenke, wenn es nicht der Weihnachtsmann tut?“ Papa sah ihn ernst an. Wenn er sonst Scherze machte, bildeten sich um seine Augen kleine Fältchen. Aber Felix konnte keine entdecken.

Er kam ins Grübeln….


© Martina Decker

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