Montag, 15. Dezember 2014

Hindernisse beim Schautanz von Eva Joachimsen

Illustration Krisi Sz.-Pöhls


„Dein neues Kleid sieht wunderschön aus.“ Renate nickte anerkennend, als Melanie sich vor ihr drehte.
„Eigentlich wollte ich mein blaues noch eine Weile tragen, doch auf dem letzten Turnier waren Verkaufsstände und das Kleid hat uns so gut gefallen, das ich es anprobiert habe.“
„Unglaublich. Es sieht aus, wie für dich angefertigt. Hast du es ändern lassen?“
Melanie schüttelte den Kopf. „Es passte wie angegossen. Da ich Weihnachtsgeld bekommen habe, konnte ich es mir leisten.“
Die beiden Frauen gingen in den Saal, wo Dirk und Andreas schon auf sie warteten. Sie hatten sich zum freien Training ohne Trainer verabredet. Melanie und Dirk wollten das neue Kleid ausprobieren. Vielleicht war es doch etwas zu lang und musste gekürzt werden. Während Renate und Andreas für ihren Schauauftritt bei dem Ball eines Sportvereins proben mussten.
Nachdem Melanie und Dirk jeden Tanz kurz ausprobiert hatten, zog sich Melanie wieder um, sie wollte das neue Kleid nicht gleich durchschwitzen. Es reichte, zu wissen, dass es auch beim Bewegen perfekt saß.
Andreas maß den Saal aus und stellte Stühle hin. „Die Fläche ist leider ziemlich klein“, stöhnte er und kratzte sich am Hinterkopf. Gemeinsam überlegten sie, wie die Beiden ihre Folgen kürzen konnten, um mit der Fläche zurechtzukommen. Es dauerte eine Weile, bis sie die Figuren zusammengebastelt hatten. Das Ergebnis sah wirklich gut aus.
„Wollt ihr nicht mitkommen?“, fragte Andreas, nachdem auch Melanie und Dirk in der abgesteckten Hälfte trainiert hatten.
„Wir können nicht einfach dort auftauchen“, wehrte Melanie ab. Nein, sie hatte keine Lust. In der Weihnachtszeit war im Buchladen so viel zu tun, dass sie abends froh war, sich aufs Sofa zu legen und zu lesen oder fernzusehen.
„Ihr könnt uns hinterher davon erzählen“, meinte Dirk und Melanie lächelte ihn dankbar an.
Doch drei Tage später rief Dirk bei Melanie an. „Entschuldige bitte. Ich habe dich hoffentlich nicht geweckt.“
Melanie schaute auf die Uhr, obwohl es erst kurz nach acht Uhr war, hatte sie sich schon hingelegt. Die Beine schmerzten vom langen Stehen und sie war müde.
„Andreas hat eine Nierenentzündung und liegt flach. Renate fragt, ob wir für sie auftreten können.“
„Wir sind doch gar nicht so gut“, meinte Melanie.
„Gut genug. Immerhin in der A Klasse“ Dirk klang amüsiert. „ Wir müssten um neun auftreten und können anschließend den Ball mitmachen. Du musst jetzt sagen, ob du Lust hast oder ob es dir zu viel wird.“
Eigentlich fühlte sich Melanie zu erschöpft, um jetzt so eine Entscheidung zu fällen. Doch dann dachte sie an das Frühlingsfest im Verein und wie viel Spaß es ihr gemacht hatte. Außerdem hatte sie sich im letzten Schlussverkauf ein schönes, langes Kleid gekauft, das sie noch nie angezogen hatte.
„Ich muss bis halb sieben arbeiten. Das schaffe ich sicher“, murmelte sie.
„Ich hole dich daheim ab und frage den Veranstalter, ob wir etwas später erscheinen können.“
Als Melanie am nächsten Morgen ausgeschlafen hatte, freute sie sich tatsächlich auf den Ball. Eine Gelegenheit ihre beiden neuen Kleider vorzuführen.
Der Samstag kam sehr schnell. Einmal hatten sie nur geprobt, aber Dirk hatte ihre Bedenken zerstreut. „Wir tanzen unser Programm, das reicht doch. Etwas kleinere Schritte, damit wir nicht über die Fläche hinausschießen.“
Auch Dirk arbeitete in der Weihnachtszeit als Fotograf länger als sonst. Viele Familien ließen Bilder als Weihnachtsgeschenke machen. Trotzdem holte er Melanie am Samstag pünktlich um acht Uhr ab.
Melanie kam gerade aus der Dusche und hatte noch nasse Haare. Sie umarmte und küsste ihn.
„Ich schaffe es nicht.“
„Ganz ruhig. Lass dir Zeit, sie werden schon auf uns warten“, tröstete Dirk. „Auf die Ansprachen habe ich sowieso keine Lust.“
Später zog er den Reißverschluss des Kleids hoch und besprühte ihre hochgesteckten Haare mit Haarlack.
Sie trafen rechtzeitig ein und Dirk gab dem Discjockey eine CD mit ihrer Tanzmusik. Anschließend beobachteten sie den Auftritt einer Kunstradtruppe, dann zogen sie sich um. Als sie den Saal betraten, hörte Melanie bewundernde Bemerkungen. „So ein schönes Kleid.“ Dirk zwinkerte ihr zu.
Der erste Vorsitzende stellte sie vor und sie begannen mit einem Langsamen Walzer. Die Fläche war wirklich erschreckend klein und zudem sehr glatt. Dirk machte kurze Schritte und Melanie war so konzentriert, dass sie sich völlig verkrampfte.
In der ersten Pose beugte sie sich nach hinten und hing mit ihrem Kopf fast in einem Weinglas. Die Frau an dem Tisch schob es hastig zur Seite. Melanie musste grinsen. Danach war sie lockerer und lächelte die Zuschauer an. Die lächelten zurück und applaudierten. Alles ging gut. Als letzter Tanz kam der Quickstepp. Dirk bewegte sich verhalten und Melanie achtete darauf, die Füße sauber zu setzen, um nicht ins Rutschen zu kommen. Mitten in den Sprüngen bremste Dirk abrupt und riss sie zur Seite.
Melanie sah im Fallen die erschrockene Kellnerin, die vor Schreck das Tablett losließ. dann saß sie auf einmal einem fremden Herrn auf dem Schoß. Der reagierte schnell und umfasste ihre Hüfte, damit verhinderte er, dass sie hinunterfiel.
Dirk taumelte, ruderte mit Armen und Beinen, fing sich im letzten Augenblick und blieb nach dieser artistischen Einlage auf den Füßen.
„Oh, Entschuldigung“, murmelte Melanie und lief rot an.
So ein hübsches Mädchen habe ich gern im Arm“ erwiderte der Mann. Alle am Tisch lachten. Dirk grinste, reichte Melanie die Hand und zog sie hoch. Sie mussten einen Augenblick warten, bis die Kellnerin die Scherben eingesammelt und den Boden trockengewischt hatte. Der erste Vorsitzende nahm das Mikrophon und überbrückte die Wartezeit, indem er Dirk fragte, wie häufig sie trainierten und Melanie, wo es diese traumhaften Tanzkleider gäbe.
Endlich konnten sie den Quick wiederholen. Sie erhielten schon nach den ersten Schritten Applaus, der in rhythmisches Klatschen überging. Melanie lächelte die Zuschauer an und freute sich über die Begeisterung.
Später saßen sie in einer Ecke neben dem Weihnachtsbaum, tranken Wein und schauten den Tänzern zu. Dirk legte seinen Arm um Melanie und küsste sie. „Mir hat es Spaß gemacht.“
Melanie lachte. „Mir auch. Ich habe dabei so einen attraktiven Mann kennengelernt.“
„Deshalb setzt du dich einfach einem Fremden auf den Schoß!“ Dirk drohte lachend mit dem Finger.
„Na, wenn du mich wegwirfst.“
Dirk zog Melanie an seine Schulter. „Ich liebe dich und will mit dir zusammen alt werden. Willst du mich heiraten?“
Melanie schmiegte sich an ihn. „Ja, ja ...“
Den Rest der Antwort erstickte Dirk mit seinen Küssen.


©Eva Joachimsen 2014


Eva Joachimsen liebt lesen, schreiben und tanzen. Seit vielen Jahren veröffentlicht sie Kurzgeschichten in Zeitschriften. Mehr von ihr erfährt man auf ihrem Blog. Ein Überblick über ihre Bücher gibt es hier.
In „Erfolg lässt sich nicht erzwingen“ ist zu erfahren, wie Melanie und Dirk sich kennenlernten. Und in „Petermanns Chaos“ wirbelt ein Besuch das beschauliche Leben des Junggesellen Wilhelm Petermann durcheinandergewirbelt.
 



Krisi Sz.-Pöhls
ist 44 Jahre alt und lebt recht zurückgezogen in Oppenheim am Rhein.
Malen gehört seit ihrer Kindheit zu ihren Hobbys. Mittels Fortbildungen ist die Autodidaktin Künstlerin geworden.
Mehr von ihr auf ihrer Homepage www.salidaswelt.com