Samstag, 9. Dezember 2017

Isländische Weihnachtsfeen von Carolin Olivares



Foto von Carolin Olivares
„Nein, also wirklich. Das geht doch nicht!“ Fassungslos schüttelte Tante Iris ihre schulterlangen blonden Haare. Sie war Frisörin und hatte immer tolle Frisuren.
Dass ihre Lieblingstante so ungehalten reagierte, überraschte Marlena. Das war überhaupt nicht ihre Art. Aber das mit dem Computer machte Tante Iris verrückt.
Papa hatte sein Weihnachtsgeschenk am Morgen des ersten Feiertages vom Gabentisch im Wohnzimmer geholt und nicht etwa in sein Arbeitszimmer gebracht. Das war zu voll, da musste er erst ausmisten. Den Computer hatte er im Zimmer mit den schönen alten Möbeln und Ölbildern aus Island abgestellt. Das war eigentlich Mamas Zimmer. Und dort standen jetzt alle: Papa, Mama, Tante Iris, Marlena und ihre kleine Schwester Ida. Aus dem Esszimmer, wo sie gerade noch ihr Familien-Weihnachtsfrühstück genossen hatten, mit Blick auf den Christbaum, klang ganz fröhlich Rudolf, The Rednose Reendear herüber.
„Weißt du, Iris“, sagte Mama entschuldigend zu ihrer Schwester, „er hat eben in seinem Zimmer keinen Platz.“
„Papa hat nicht aufgeräumt“, krähte Ida gut gelaunt und setzte ihren Kuschelhasen energisch auf den anderen Arm.
„Sigrun, das kann nicht dein Ernst sein!“ Tante Iris schaute jetzt ganz traurig. „Das sind die Sachen aus deinem Zimmer in unserem Haus in Island.“
„Das sind Feensachen“, rief Ida fröhlich.
Das hatte Marlena gerade sagen wollen. Jetzt aber konzentrierte sie sich, denn als Nächstes würde die Familiengeschichte auf den Tisch kommen und da wollte sie etwas beisteuern.
„Sigrun, versuch jetzt nicht, mich für dumm zu verkaufen“, fuhr Tante Iris streng fort. „Wir sind beide gebürtige Isländerinnen und wir halten etwas von Feen, Elfen, Hexen und Gnomen.“
Das schlechte Gewissen war Mama an der Nasenspitze anzusehen. Papa guckte in die Luft.
„Und Oma Brunhilde hat die Feen seinerzeit gebeten, Mamas Möbel zu segnen. Dann erst hat sie die Sachen nach Deutschland geschickt“, sagte Marlena ganz schnell. Sie liebte dieses altmodische Erwachsenenwort seinerzeit sehr.
„Genau“, erklärte Tante Iris, „was glaubt ihr denn, Sigrun und Peter, warum es bei euch so gut läuft? Das habt ihr den Feen zu verdanken. Und die mögen so ein modernes Gerät gar nicht in ihrer Nähe, überhaupt nicht, auf gar keinen Fall.“
Marlenas Familie flog jedes Jahr mindestens einmal nach Island zu Mamas Eltern. In Island glaubten alle Leute an Feen. Auch Papa, der kein Isländer war und noch dazu Buchhalter, glaubte an das kleine Volk, wenn er dort war. Zurück in Deutschland hielt er dann wieder alles für Humbug. Bei der isländischen Regierung gab es sogar eine Feenbeauftragte. Immer wenn eine Straße gebaut wurde, rief man die Dame. Sie überprüfte dann, ob die Feen durch den Straßenbau gestört wurden. Wie sie das machte, war Marlena allerdings nicht klar. Darüber erfuhr man auch nichts Genaues.
Mama nagte an ihrer Unterlippe. Papa runzelte die Stirn. „Unsinn, Feenunsinn“, brummelte er vor sich hin.
Da sagte Tante Iris ganz ruhig und freundlich: „Die Feen werden euch schon zeigen, wo es lang geht.“

Am Morgen des zweiten Weihnachtstages lief Papa wie ein Besessener zu den Klängen von Jingle Bells durch das Haus, weil er sein Smartphone nirgends finden konnte. Völlig verzweifelt ließ er sich auf die Eckbank in der Küche fallen. „Gestern Abend habe ich es auf meinen Schreibtisch gelegt“, stöhnte er und raufte sich die Haare. „Jetzt ist es weg, einfach weg.“
Iris, Marlena und Ida saßen ebenfalls am Tisch und aßen Plätzchen.
„Das ist schon komisch“, sagte Marlena.
„Ja, in der Tat“, bestätigte Tante Iris.
„Irgendwie lustig“, schmatzte Ida und bot ihrem Kuschelhasen ein Vanillekipferl an.
Mama stand vor dem Herd und zog ein ganz komisches Gesicht.
„Mama, hast du vielleicht ein Gespenst gesehen?“, fragte Marlena. Das Durcheinander fand sie ziemlich spannend.
„Nein, aber meine volle Kaffeetasse ist irgendwie schon zweimal vom Tisch gerutscht, als ich gerade nicht hingesehen habe.“
„Was du nicht sagst!“ Genüsslich biss Iris in einen Schokoladenlebkuchen.
„Dafür gibt es bestimmt eine vernünftige Erklärung. Wahrscheinlich bist du an die Tasse gestoßen“, meinte Papa. „Aber mein Handy! Wo ist es?“
„Schleier“, erklärte Iris. „ Die Feen haben einen Schleier über dein Handy geworfen.“
„Oh!“, rief Marlena begeistert.
„Schleier, Schleier, Schleier“, trällerte Ida.
„Blödsinn“, entgegnete Papa aufgebracht.

Als Nächstes fiel beim Weihnachts‑Resteessen die Uhr im Wohnzimmer von der Wand. Keiner sagte ein Wort. Papa traute sich kaum, in sein Auto zu steigen und es zu starten. Aber er musste zur Tankstelle. Als er den Motor anließ, verreckte er. Mit hängendem Kopf stieg er wieder aus. Als er an seinem Schreibtisch etwas erledigen wollte, stellte er fest, dass seine Papiere kreuz und quer herumlagen.

Am Nachmittag kam Papa in die Küche gerannt, wo alle Mau Mau spielten. Vor Tante Iris blieb er stehen und blickte ihr fest in die Augen. „Können wir es wieder gut machen?“, fragte er leise.
Tante Iris nickte: „Aber natürlich!“
„Was müssen wir tun?“, fragte Mama.
„Den Computer woanders hinbringen“, schlug Marlena vor.
„Ja“, bestätigte Tante Iris, „das und noch ein paar andere Dinge.“
Papa setzte sich zu ihnen an den Küchentisch. Aufmerksam hörten sie Tante Iris zu. Marlena verstand alles sofort, Mama offensichtlich auch, Ida das Meiste. Papa brauchte etwas länger. 
Bild von Carolin Olivares

Nach der Beratung holte Papa, begleitet von seiner Familie, den Computer aus Mamas Zimmer und trug ihn in sein Arbeitszimmer. Er war auch derjenige, der die Möbel in Mamas Zimmer mit Rosenwasser abwischen musste. Mama schmückte den Raum mit getrocknetem Lavendel. Iris und Marlena legten eine Spitzendecke über die alte Eichentruhe und stellten kleine Schüsseln mit Honig, Bonbons und Kuchen darauf. Ida sang dazu zuerst Oh Tannenbaum, dann Hänschen klein … Als alles gerichtet war, zog Mama die Vorhänge zu. Alle setzten sich im Kreis auf den Boden. Mama, Marlena, Ida und Tante Iris schauten Papa erwartungsvoll an. Der sah aus, als müsste er sich übergeben.
Papa atmete tief durch. Dann schloss er die Augen und sagte mit belegter Stimme: “Verehrte Feen des Hauses.“ Bevor er fortfahren konnte, musste er sich räuspern. „Ich ...“ Jetzt hustete er. „ … bitte euch um Verzeihung“, fügte er kläglich und ganz leise, aber deutlich hinzu.
Zunächst geschah nichts, gar nichts. Dann wehte eine sanfte Brise durch den Raum. Sachte bewegten sich die Vorhänge. Iris und Sigrun schauten glücklich zur geschmückten Truhe. Marlena sah ganz genau, dass die beiden irgendjemandem zunickten und dabei lächelten.
Auf der Truhe flimmerte etwas. Dann wurde dort gekichert und, ja tatsächlich, geschmatzt. An der Wand tanzten Schatten wie von Schmetterlingen. Nach einer Weile hörte das Flimmern und Flattern auf. Marlena sprang auf, um nachzusehen, Ida kam hinterher. Die Schüsselchen mit Honig, Bonbons und Kuchen waren fein säuberlich ausgeschleckt.
Schnell liefen alle in Papas Arbeitszimmer. Säuberlich geordnet lagen die Papiere haargenau so da, wie Papa sie platziert hat. In der Mitte funkelte das Smartphone.
Über dem Stuhl hing ein merkwürdiges durchsichtiges Ding. Es schimmerte wie sehr feine Seide, erinnerte aber genauso an Spinnweben. Irgendwie sah es auch aus – wie ein Schleier.

© Carolin Olivares, Lektorat Carolin Olivares


Vita
Carolin Olivares ist Kultur- und Bibliothekswissenschaftlerin. Nach wissenschaftlicher Forschung, Tätigkeiten als Redakteurin, Grundschullehrerin und Kinderbuch-Bibliothekarin arbeitet sie seit 2016 ausschließlich als freie Lektorin. Zu ihrer großen Freude landen viele Manuskripte für Kinderbücher auf ihrem Schreibtisch. Unter dem Pseudonym Paula Dreyser schreibt sie, wenn es ihre Zeit erlaubt, Romane, die in den 70er Jahren angesiedelt sind.
http://www.paula-dreyser.de/de/

Freitag, 8. Dezember 2017

Weihnachtsmauern von Sabine Ludwigs

Foto von Hans, Pixabay
Das Jahr, in dem ich diese wundersame Sache erlebte, war das erste Jahr, in dem um unseren Weihnachtsmarkt die Betonbarrieren errichtet wurden.
Ich spreche nicht gerne über mein Erlebnis. Denn immer, wenn ich zu der Stelle mit den Engeln komme, werde ich komisch angeschaut. Aber manchmal erzähle ich die Geschichte eben doch.
Also. Das Jahr, in dem diese wundersame Sache passierte, war das erste Jahr, in dem um unseren Weihnachtsmarkt die Betonbarrieren errichtet wurden. Taktische Sperren nannten es die Verantwortlichen vage, Antiterrorsperren oder Terrorbarrieren die Medien. Es handelte sich dabei um riesige, graue Betonquader von je drei Tonnen Gewicht. Die Oberseiten der Blöcke waren mit Noppen besetzt, die Kanten rotweiß markiert. Das Ganze erinnerte fatal an groteske Legosteine. Drei Tage waren Arbeiter mit ihren Kränen und schweren Baufahrzeugen damit beschäftigt, die Quader zu verzahnen. Dann stand das zwei Meter hohe Ding fertig da.
Es sah irgendwie aus, als wäre die Absicht der Erbauer nicht gewesen, den Weihnachtsmarkt und seine Besucher zu schützen. Sondern als hätten sie das vorweihnachtliche Spektakel eingemauert, um es vom Rest der Welt fernzuhalten.
Obwohl ich schon seit Jahren keine Weihnachtsmärkte mehr besuchte, weil sie mir zu voll und kommerziell geworden waren, empfand ich den Anblick als bedrückend. Er war umso bedrückender, weil die Mauer grob und von hässlichem Grau war. Sie ließ mich an eine mittelalterliche Festung denken, vor der bewaffnete Polizisten patrouillierten. Und so oft ich auch auf meinem Weg zur Arbeit oder nach Hause durch die Winterdunkelheit an der Terrorbarriere vorüberging – es machte den beklemmenden Mittelalter-Eindruck nicht besser. Ich hätte niemals gedacht, dass Antiterrormauern einmal zu Weihnachten gehören sollten.
Doch hinter der Mauer musste es anders sein. Sehen konnte ich nichts. Aber eifriges Werkeln war zu hören, dazu geschäftiges Rufen. Tagelang herrschte Betriebsamkeit. Ich wusste, die Leute verlegten Stromleitungen, bauten Büdchen auf, schmückten sie mit Girlanden und Lämpchen. Am Freitag mussten sie die lebensgroße Krippe aufgestellt haben, denn es wurden, wie jedes Jahr, zwei Schafe und zwei Esel für den Stall herbeigetrieben.
Dann war der Markt eröffnet. Wie aus einem adventlichen Füllhorn quoll es hinter den Quadern hervor: Binnen Kurzem roch es nach Heu, Stroh und Tannennadeln. Und bald darauf nach gebranntem Süßem. Deftige Gerüche sowie duftende Dämpfe von Glühwein und Honigmilch mischten sich darunter. Festliche Musik ertönte, untermalt von Stimmengewirr und dem gelegentlichen Klang goldener Glöckchen, die an den Geschirren der alten Karussellpferdchen schellten, wie schon zu meiner Kinderzeit. Die oberen Gondeln des sich drehenden Riesenrades schaukelten behäbig oberhalb der Mauernoppen und Budengiebel. Und über allem lag, wie Wetterleuchten, der Schein sich vermischender bunter Lichter von hinter der Weihnachtsmauer – wie ich sie plötzlich nannte.
Ich musste an Goscinny und Uderzo denken, an ein von ihnen erdachtes Dorf: das einzige von unbeugsamen Galliern bevölkerte, das nicht aufhörte, dem Eindringling Widerstand zu leisten, wie es in den immer gleichen Einleitungen ihrer Asterix-Bücher heißt. Das Dorf darin hat keinen Namen. Aber manchmal nennen sie es das Dorf der Verrückten. Und genau so kam mir dieser Ort vor – wie ein Dorf der Verrückten.
An jenem Abend beschloss ich wider meine Gewohnheiten, den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Ich wollte zu den Verrückten hinter der Weihnachtsmauer gehören, den Unbeugsamen. Also mischte ich mich unter die Marktbesucher, die Weihnachtschmuck und Geschenke kauften, aßen und tranken. Ich genoss Bratwurst und Glühwein. Wir hörten dem Kinderchor zu, dann den Trompetenbläsern. Freunde trafen sich, ich grüßte Bekannte, Eltern sahen ihren Kindern zu, die auf der kleinen künstlichen Eisfläche Schlittschuh liefen.
Einige Besucher bewunderten die Krippe mit den Tieren, andere ließen sich mit dem Weihnachtsmann fotografieren. Fröhliche Gesichter – überall. Leuchtende Augen, lächelnde Münder. Manche Leute trugen alberne Weihnachtsmützchen oder Engelshaar. Lichterglanz und Adventsstimmung, wohin ich schaute. Es war, als liefe alles auf einen besonderen Höhepunkt zu.

Wohlig breitete sich in mir weihnachtliche Vorfreude aus, die ich beinahe vergessen hatte. Es war ein schönes Gefühl. Wie kurz vor der Bescherung am Heiligabend oder einem Besuch der nach Weihrauch duftenden Mette um Mitternacht. Ich wusste nicht, für wie lange sie Antiterrorsperren zur Weihnachtszeit aufstellen müssen. Wie es in anderen Städten auf den Märkten hinter deren Terrorbarrieren aussah. Oder was die Menschen – die Verrückten – dort fühlten. Ich hoffte aber, sie spürten das Gleiche wie ich.
Die seltsame Eintracht und Herzlichkeit breitete sich weiter unter den Weihnachtsmarktbesuchern aus. Das Licht um uns verdichtete sich. Als flösse es von überall her zusammen wie Flüssigkeit in einem Gefäß. Die Atmosphäre war hoffnungsfroher und friedvoller als jenseits der Weihnachtsmauer. Und über uns prangte, zum Greifen nahe, das sternenflimmernde Band der Milchstraße.
Ich vermochte nicht abzuschätzen, wie schnell oder langsam die Minuten vergingen. Aber plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Und dann – ich weiß, wie das jetzt klingt! – geschah es. Der Himmel kam herab! Ich stand wie auf Wolken und alles schien zu schweben. Es knisterte und flüsterte, als die Luft sich mit unsichtbaren Präsenzen füllte, die eindeutig nicht von dieser Welt waren. Eine tiefe Sehnsucht nahm mir schier den Atem und für einen nicht enden wollenden Herzschlag war da ein überirdisches Strahlen in mir. Und diese Empfindung, die ich kaum beschreiben kann. Vielleicht am ehesten als himmlische Ruh‘?
In dieser Stille hörte ich sie singen.
Die Engelschöre.
„Hosianna!“, sangen die Engel mit Stimmen wie Rauschen im Wind. „Hosianna!“ Und vom Friede auf Erden und dem Licht der Welt. Allmählich wurden die Stimmen leiser. Ehe sie gänzlich verstummten. Schließlich ertönte da nur noch die Musik vom Weihnachtsmarkt. Doch das Leuchten, die Wärme und die wundersame Stimmung, sie schwangen weiter in der Winterluft. Etwas davon nahm ich mit mir. Und wenn ich mich an die Gesichter der Menschen dort erinnere, war ich wohl nicht die Einzige.
Niemals habe ich einen Weihnachtsmarkt intensiver, heller und mystischer erlebt als in jenem beklemmenden Jahr, in dem zum ersten Mal die Terrorsperren errichtet wurden. Ich freute mich auf viele weitere Weihnachtsmarktbesuche! Betonbarrieren störten mich nicht. Wusste ich doch, das Wundersames hinter ihnen liegen kann …


 © Sabine Ludwigs


  Die Autorin Sabine Ludwigs (www.sabine-ludwigs.de) war für einen Kleinverlag als Lektorin und Pressesprecherin tätig. Zur Schriftstellerei fand sie 2004. Bis etwa 2010 verfasste sie ausschließlich Kurzprosa. Es kam zu zahlreichen Publikationen in Anthologien bei diversen Verlagen und Zeitungen. Ihre Arbeiten sind in Print- und Hörmedien sowie als E-Book publiziert. Ein Teil ist Unterrichtsmaterial für das Fach Religion/Ethik an weiterführenden Schulen, wie auch an Grundschulen (Leseförderung). Inzwischen veröffentlicht die Autorin vorwiegend Unterhaltungsromane.
2011 erfolgte ihre erste Einzelveröffentlichung, eine Kurzgeschichtensammlung ihrer bis dahin publizierten Krimis und Thriller (Die Totmacher). 2012 erschien ihr Debütroman „Der Sommer mit dem Erdbeermädchen“ sowie in den drei Folgejahren „Meine Seele weiß von dir“, „Acht Tage bis Ewigkeit“, „Winterspaß und Weihnachtszauber und „Stirb! Rotköpfchen“. Sabine Ludwigs wurde mit dem Friedens-Literaturpreis des Berliner Kulturrings und mit dem Literaturpreis Gedichte & Balladen der Ideale Stiftung ausgezeichnet.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Lucy sucht das Christkind - Eine Weihnachtsgeschichte von Barbara Zimmermann

Foto von sciencefreak, pixabay

Lucy wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder Jonathan in einem Haus am Wald. Sie freute sich auf Weihnachten und möchte unbedingt das Christkind sehen. Sie überlegte, dass es ja wohl im Wald wohnen würde, packte ihren Rucksack voll mit Äpfeln und Nüssen und machte sich frühmorgens, als alle noch schliefen, auf den Weg.
Mit ihren roten Stiefeln stapfte sie durch den hohen Schnee, es hatte die ganze Nacht lang geschneit und es war bitterkalt. Im Wald war es sehr dunkel und die Zweige der Bäume waren schneebehangen. Sie lief durch das Dickicht und traf ein Reh.
„Weißt du wo das Christkind wohnt“, fragte sie das Reh.
„Das Christkind wohnt im Märchenwald und man kann es nur sehen, wenn es dies will“, sprach das Reh.
„Und wie finde ich den Märchenwald?“, fragte Lucy.
„Immer geradeaus und siehst du den Weihnachtsstern am Himmel, wenn der Stern immer größer wird und du irgendwann unter ihm stehst, bist du angekommen. Aber was duftet so aus deinem Rucksack, es riecht nach Äpfeln. Ich habe schon solange keinen Apfel mehr gegessen!“, sagte das Reh.
„Ich schenke dir meine Äpfel“, sprach Lucy, öffnete ihren Rucksack und legte dem Reh zwei rotbackige Äpfel in den Schnee.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie fröhlich und stapfte weiter in Richtung Weihnachtsstern. Frohen Mutes lief sie eine ganze Weile, als sie ein Eichhörnchen traf.
„Hast du schon einmal das Christkind gesehen“, fragte Lucy das Eichhörnchen.
„Aber ja, das Christkind wohnt im Märchenwald und es ist wunderschön. Sag mal, du riechst so nach Nüssen und ich habe schon solange keine Nüsse mehr gegessen“, antwortete das Eichhörnchen.
„Ich schenke dir meine Nüsse“, sprach Lucy, öffnete ihren Rucksack und legte dem Eichhörnchen ihre Nüsse in den Schnee.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie fröhlich und stapfte weiter in Richtung Weihnachtsstern. Sie lief eine ganze Weile und traf einen Hasen.
„Weißt du wo das Christkind wohnt“, fragte Lucy.
„Natürlich weiß ich wo das Christkind wohnt, es wohnt im Märchenwald und ist weiß wie Schnee. So einen schönen Schal wie du hätte ich aber auch gerne. Mir ist immer kalt“, sprach der Hase.
„Ich schenke dir meinen Schal“, sagte Lucy, wickelte ihren Schal von ihrem Hals und band ihn dem Hasen um.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie und lief fröhlich weiter.

Eine Windböe fegte durch den Wald und wehte Lucys Mütze von ihrem Kopf bis hoch in eine Tanne, wo sie hängenblieb.
`Vielleicht kann ja ein Tier, welches auch friert, meine Mütze gebrauchen`, dachte Lucy und lief weiter.
Mittlerweile verspürte Lucy Hunger und ihr war kalt aber der Weihnachtsstern war noch immer ein Stück weit weg und sie lief tapfer weiter. Ihre Backen waren rot vor Kälte und sie nahm ein wenig Schnee von den Zweigen und lutschte daran, um ihren Durst zu löschen. Als sie hoch in den Himmel blickte stand der Weihnachtsstern plötzlich über sie und Lucy rief: „Liebes Christkind, ich bin Lucy und möchte dich einmal sehen!“
Der Himmel erhellte sich und es regnete Sternenstaub, der in einer warmen Wolke um sie glitt. Es wurde ihr ganz warm ums Herz und plötzlich stand das Christkind  mitten im Schnee. Es war wunderschön.
„So einen weiten Weg bist du alleine gegangen um mich zu sehen?“, fragte das Christkind.
Lucy strahlte über ihr ganzes Gesicht, glücklich das Christkind gefunden zu haben.
Das Christkind stülpte Lucy eine Mütze über und band ihr einen warmen Schal um, es gab ihr eine heiße Tasse Christkindeltee und ein Himmelsbrot mit Sternenstaub. Es war das köstlichste Brot, welches Lucy je gegessen hatte.
„Liebes Christkind, ich wünsche mir so sehr einen Hund und meine Eltern wollen keinen Hund. Kannst du mir helfen!“, fragte Lucy.
„Mal sehen, was sich da machen lässt“, lächelte das Christkind und zauberte das Reh herbei, band es vor einen Schlitten und gebot ihm Lucy sicher nach Hause zu bringen.
Das Reh schwebte nur so durch den Wald. Der Hase stand am Wegesrand mit Lucys dicken roten Schal um den Hals. Lucy winkte ihm zu. Geschwind setzte das Reh Lucy vor ihrem zu Hause ab. Als Lucy ihre Stiefel im Flur auszog, schaute ihre Mutter aus der Küche:
„Was hast du so früh morgens schon draußen gemacht!“
„Ich habe das Christkind besucht“, sagte Lucy und packte ihre Schultasche.
Drei Tage später am Heiligen Abend kam ihre Tante Erna zu Besuch in Begleitung ihres Hundes Jack. Sie bat Lucys Eltern ihren Hund zu behalten, da sie in ein Altersheim ziehen würde und sie so Jack ab und zu noch sehen konnte. Lucy konnte ihr Glück gar nicht fassen, sie mochte Jack schon immer sehr gerne und würde ihn nie wieder hergeben. Sie dachte: „Danke liebes Christkind!“ 
Für Lucy war Jack das Schönste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten. 
 

Vita: Barbara Zimmermann ist am Niederrhein geboren und wohnt seit ihrer Heirat an der Ostsee.
Mit ihrem Mann hat sie mehr als zwanzig Jahre lang eine Schäferei betrieben und ihre fünf Töchter
großgezogen. Sie schreibt gerne für Groß und Klein.  Bei ihren Spaziergängen am Meer entstand
z.B. die Geschichte Piet und Polly Die Piratenkinder. Die Kurzgeschichte Lucy sucht das Christkind
hat sie zu Weihnachten 2016 für ihre Enkel geschrieben.