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Mittwoch, 23. Dezember 2020

Das kleine Herz auf Reisen von Rosa Rubin

Für Ronja

In Erinnerung an meine ehemalige Nachbarhündin

-        ein zauberhaftes Wesen -

mit allerliebstem Dank für die Inspiration!


I. Ronja


Etwas Seltsames, Ungewohntes fühlte das kleine Herz unter seinen kleinen herzförmigen Füßchen, als es langsam zu sich kam. Es war noch ganz benommen vom Landemanöver und so verhielt es sich einige Augenblicke ganz ruhig. So lange bis es spürte, dass das Durcheinander in seinem Kopf, der sich inmitten seines Herzkörpers befand, langsam nachließ.

Jetzt schaute sich das kleine Herz um. Es stand auf einer weichen weißen Fläche. Kalt fühlte es sich an. Auch dieses Gefühl war ganz und gar ungewohnt für das kleine Herz, denn dort, wo es herkam, gab es keinen Boden wie hier auf der Erde – und schon gar keinen Schnee.

Etwas unsicher, aber auch neugierig blickte sich das kleine Herz um. Es hatte sich gut auf seine Arbeit auf der Erde vorbereitet. Hatte fleißig alles gelernt, was es wissen musste. Dies war seine erste Aufgabe, für die es ganz allein verantwortlich war, und es wollte seine Sache natürlich so gut wie nur möglich machen.

Seine Aufmerksamkeit wurde durch ein leises Wimmern geweckt. Nicht weit entfernt von seinem Landeplatz stand ein grauer Betonbau. Groß war er nicht und von vorn wurde er von Gitterstäben begrenzt.

Als das kleine Herz sich näherte, konnte es in der hintersten Ecke ein Fellknäul erblicken, das mächtig zitterte. Es gab also Grund zur Eile. Ohne weitere Überlegung schwebte das kleine Herz mit Leichtigkeit durch die Stäbe hindurch und ließ sich vor dem sonderbaren Fellwesen nieder. Erdenbewohner hatte es bisher persönlich noch nicht kennengelernt und dieser hier hatte sich zusammengerollt und seine Nase unter dem Schwanz versteckt. Langsam kam nun Bewegung in dessen Körper und überhaupt nicht ängstlich schaute das fellige Wesen das kleine Herz an.

„Wer bist du denn“, fragte es erstaunt in seinen Gedanken.

Das kleine Herz sprang vor Freude einige Male auf und ab, weil die Verständigung so gut klappte, und antwortete:

„Ich bin das kleine Herz und gekommen, um dir zu helfen.“

„Mir helfen? Wobei? Ich habe doch nichts zu tun!“

„Wir haben auf dem Herzplaneten deine tiefsten, innigsten Wünsche und Sehnsüchte vernommen – deshalb bin ich hier! Du darfst dich nicht wundern, wenn du heute eine Wandlung erfährst, für dich und deine Menschen. Sei also ohne Sorge und fürchte dich nicht, Ronja. Du bist doch Ronja, die Schäferhündin …?“

„Du kennst meinen Namen – das ist ja toll! Ja, das bin ich – aber ich fürchte mich nicht. Niemals! Ich bin nur sehr, sehr traurig – und soooo einsam …“ Ein tiefer Seufzer durchlief die Fellnase.

„Ich weiß. Deshalb bin ich ja hier und nun wird alles gut! Erzähle mir von dir …“

„Was gibt es da zu erzählen? Ich bin niemand. Geboren wurde ich auf einem Bauernhof, meine Menschen hatten mich damals als Hofhund angeschafft. Einige Jahre hatte ich einen netten Hundekumpel, Carlo, der ist aber vor ein paar Jahren gestorben. Seit dem bin ich ganz allein. Ich sollte damals den Hof bewachen, dadurch hatte ich viel Freiheit, rannte den ganzen Tag mit Carlo auf dem Grundstück umher und abends schliefen wir im warmen Stall bei den anderen Tieren. Seit wir hier in dieses Haus gezogen sind, habe ich nichts mehr zu tun. Es gibt nichts mehr zu bewachen, deshalb lebe ich nun in diesem Zwinger, liege ohne Decke auf dem Beton, kann am Tag höchstens zwei, drei Stunden in den Garten, aber ansonsten bin ich eingesperrt und allein. An manchen Tagen habe ich nicht einmal was zu essen, weil meine Menschen mich vergaßen. Und niemand geht mit mir spazieren, seit die Kinder aus dem Haus sind. Ich kenne nur noch diesen Teil der Welt … und erhalte keine Zuwendung. Das ist das Schlimmste … Als Carlo noch da war, ja, da war das alles noch erträglich, aber seit er tot ist, bin ich einsam und fühle mich unendlich verlassen.“ Ronja ließ ihren Kopf hängen und das kleine Herz spürte, wie groß der Kummer des Hundes war. Dabei verfärbte sich das kleine Herz immer dunkler, der Rotton wechselte über in ein kräftiges Purpur … was ganz normal war je nach Intensität des Mitgefühls, das das kleine Herz mit seinem gesamten Körperchen spürte.

Liebevoll berührte das kleine Herz die Hündin mit seinem Energiestab, den es wie aus dem Nichts hervorzauberte. Aus seinem Herzkörperchen ragten unten zwei kleine herzförmige Füßchen hervor, die es aber nicht benutzen musste. Es schwebte normalerweise einige Zentimeter über dem Boden. Rechts und links am oberen Teil des Körpers hatte es zwei Herz-Händchen an Ärmchen, die es wie Korkenzieher ausfahren konnte. In diesen beiden Herz-Händchen hielt es nun den unscheinbaren Stab, der bei Berührung mit einem Erdenwesen zu vibrieren begann und hier bei Ronja lauter feine blaue und grüne Energiestöße aussandte. Das aber konnte nur das kleine Herz sehen. Überhaupt war es für menschliche Augen unsichtbar; nur Tiere, denen zu helfen es hier auf Erden war, konnten das kleine Herz sehen wenn es das wollte.

Nachdem es die Schäferhündin mit Liebe infiziert hatte, machte das kleine Herz sich auf die Suche nach deren Menschen.

In einem hübschen Haus unweit von Ronjas Käfig entfernt, erblickte das kleine Herz die Frau, die im Innern herumwirtschaftete. Als es näher kam, hörte das kleine Herz, wie diese leise ein Lied sang. „Fröhöööliche Weihnacht überall …“

Da fiel dem kleinen Herz erst wieder ein, dass es sich für seinen ersten Besuch auf der Erde dieses besondere Datum ausgesucht hatte: Heiligabend – da wünschten sich alle Menschen Frieden und Liebe! Wenn das nicht ein guter Anfang war …

Die Frau sah das kleine Herz nicht, als es in die Küche schwebte. Es war ja für das menschliche Auge unsichtbar. Aber sie spürte seine Anwesenheit in ihrem tiefsten Innern. Denn die liebevolle Energie, die das kleine Herz ausstrahlte, war allseits stark zu spüren. Die Frau hielt inne in ihrer Tätigkeit und schaute sich irritiert um.

„Jens, Jeeeens … hast du was gesagt …?“

Doch außer ihr war niemand in der Küche. Als sie um die Ecke schaute, sah sie ihren Mann im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen mit einem Kopfhörer auf dem Kopf.

„Seltsam …“, murmelte sie vor sich hin.

Das kleine Herz zögerte nicht lange, denn es hatte noch viel zu tun! Es zog seinen magischen Stab hervor, schwebte empor und berührte den Mittelpunkt des Herzens von Ronjas Frauchen. Der Stab begann zu vibrieren und sandte feine Blitze aus in allen Farben des Regenbogens. Es war deshalb so besonders intensiv, weil sie so verhärmt, verbittert und traurig war.

Mit einem Mal strömten Tränen über das Gesicht der Frau, sie weinte und weinte viele Tränen – sie konnte überhaupt nicht mehr aufhören. Ganz erschüttert war sie, aber sie weinte still und leise.

Sie dachte: „Was ist bloß los mit mir. So habe ich ja lange nicht geweint … eigentlich nicht mehr seit damals …“ Sie erinnerte sich an ihren kleinen Hund, den sie als Kind zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Wie hatte sie dieses Tier geliebt! Es sollte immer bei ihr sein und auch bei ihr im Zimmer schlafen, so hatten die Erwachsenen es versprochen! Doch bald schon hatten die Eltern das geliebte Tier, nachdem es ausgewachsen war, in einen Zwinger gesteckt und es geschlagen, wenn es versuchte, zu seiner kleinen Freundin ins Haus zu gelangen. Das Kind durfte nicht mehr mit ihm spielen, damit der Rüde nicht zu menschenbezogen wurde. Ein Hund hatte zu gehorchen, sollte aggressiv und aufmerksam sein, den Hof hüten und nicht mit Kindern kuscheln. Doch dieser treue Hund war ganz und gar friedvoll, vollkommen frei von Aggression, geschweige denn Boshaftigkeit. Er jaulte viel und oft, weil er nicht zu seiner kleinen Freundin konnte. Da wurde er eines Tages von dem Vater mitgenommen und dieser kehrte ohne Bello, wie das kleine Mädchen ihn genannt hatte, zurück. Seitdem war das Tier verschwunden. Und das Kind hatte daraufhin sein Herz verschlossen. Für immer und für jeden! Nie mehr wollte es leiden! Nie mehr wollte es zulassen, dass man ihm wehtat. Und kein Hund sollte sich mehr in sein Herz stehlen. Seit dem Tag hatte sich das Mädchen, auch nachdem es erwachsen geworden war, vor der Liebe ganz verschlossen.

Und nun durchströmten sie Gefühle der Liebe, wie sie sie noch nie gespürt hatte. Es war so, als flösse sie über vor Liebe. Sie ließ die Gans, die sie bei Eintritt des kleinen Herz zu füllen begonnen hatte, fallen und starrte das tote Tier an. Was habe ich getan?, durchfuhr es sie! Wie konnte ich bloß diese Gans kaufen, womit ich mich mitschuldig an ihrem Tod machte. Sie schlug die Hände vor ihr Gesicht und schluchzte erneut, rannte ins Wohnzimmer und stieß fast mit ihrem Mann zusammen. Dieser war aus dem Sessel aufgestanden und starrte wie gebannt auf eine Stelle an der Wand hinter ihr. Er schien der Welt entrückt.

Das kleine Herz hatte sich nämlich inzwischen schon bei dem Mann ans Werk gemacht und sein Herz mit Liebe infiziert. Das war für den kaltherzigen, gleichgültigen Ehemann so ungewöhnlich, dass er sich erst sammeln und schütteln musste wie ein nasser Hund, um diese hohen Energien zu verkraften. Der kleine Zauberstab tat aber ganze Arbeit. So stark bebte er, dass es in alle Richtungen grelle Funken sprühte – immer und immer wieder.

„Lieber, was ist mit dir?“, fragte seine Frau sehr sanftmütig.

„Ich … ich weiß auch nicht, mir ist auf einmal so seltsam zumute – so ganz und gar ungewöhnlich fühle ich mich … so leicht und …“ Er machte eine Pause und blickte seine Frau an, als sähe er sie zum ersten Mal. Ist sie aber hübsch, dachte er bei sich, so habe ich sie früher nie wahrgenommen. Was für eine schöne Frau sie doch ist.

„Oh, du Lieber. Ich fühle mich auch ganz beschwingt und könnte jubeln und die ganze Welt umarmen.“ Sie fiel ihrem Mann um den Hals und sie küssten sich wieder und wieder. „Aber noch mehr fühle ich mich erfüllt von Liebe für unsere Ronja … ich möchte sie ins Haus holen und ich möchte sie umarmen und herzen und ihr hier ein gemütliches Plätzchen geben – hier an unserer Seite.“

„Da hast du recht, ich glaube, sie hat sehr gelitten, weil wir sie da draußen allein ließen und uns ihr gegenüber gleichgültig verhielten.“

„Dann lass uns sofort zu Ronja gehen und später, wenn die Kinder kommen, alle gemeinsam einen schönen Spaziergang machen.“

Sie gingen hinaus zum Zwinger, wo Ronja schon schwanzwedelnd wartete. Sie konnte die Gefühle, ja sogar die Gedanken ihrer Menschen wahrnehmen und wusste, was sie dachten und fühlten. Die beiden öffneten den Zwinger, ließen Ronja hinaus und verschlossen die Gittertür für immer. Sie tobten mit dem Hund durch den Garten, spielten Verstecken wie die Kinder und waren ganz außer Atem, als ihre beiden erwachsenen Söhne kamen, die mit den Eltern Weihnachten feiern wollten.

Auch die beiden Jungs wurden von dem kleinen Herz infiziert, und so voller Liebe machte sich die Familie auf einen langen gemütlichen Weihnachtsspaziergang im Schnee – selbstverständlich mit Ronja, die immer noch glaubte zu träumen. Später saß man zusammen beim Weihnachtsessen – aber niemandem wollte die Gans schmecken und man beschloss, sich ab sofort frei von Tierleid zu ernähren. Denn man wollte wirklich friedlichen Herzens leben. Ab diesem Heiligabend gehörte Ronja zur Familie und lebte mit ihren Menschen im Haus. Nach den Feiertagen sollte der Zwinger abgerissen werden.

 
 
 Das kleine Herz besah sich das Glück, das in dieses Haus eingezogen war, und war zufrieden mit sich. Seine erste Aufgabe hatte es großartig bewältigt – und noch unzählige Tiere warteten darauf, dass die Herzen der Menschen mit Liebe für sie alle erfüllt wurden … Aber das kleine Herz war sich sicher, das würde es auch noch schaffen. Dazu war es schließlich gesandt worden, das kleine Herz vom Herzplaneten …

 

Vita

Birgit Maria Hoepfner alias Rosa Rubin wurde im Rheinland geboren und zog 2009 in ihre Wahlheimat nach Schleswig-Holstein an die Ostsee.
Seit Anfang der 90er arbeitete sie freiberuflich für Verlage und seit 2014 ist sie als Lektorin und Korrektorin für Indie-Autoren und Verlage tätig. www.textewerkstatt.de
Ihre Leidenschaften sind das Schreiben - das Jonglieren und „Malen“ von Bildern mit Worten - sowie Meditation, Tiere und vegane Ernährung. Ihr erster Roman „Ein Klang der Seelen“ erschienen 2008 und handelt von ihrem Lebenstraum „Victorias Welt“, einer Begegnungsstätte mit Tieren und Menschen. www.victoriaswelt.de.

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Eine wunderbare Weihnachtsüberraschung von Heidi Dahlsen


Foto Heidi Dahlsen
       
Elli ist gerade dabei ihren Wunschzettel für den Weihnachtsmann zu schreiben, als ihre Eltern vom Einkauf zurückkommen. Schnell steckt sie das Blatt in einen Briefumschlag und klebt diesen zu.
„Hallo Elli, entschuldige, dass wir so spät kommen, aber es ist etwas passiert“, sagt die Mama. „Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“
„Dem Weihnachtsmann einen Brief geschrieben“, antwortet sie und hält diesen ihrer Mama entgegen.
„Der ist aber dick. Wie viele Wünsche hast du denn?“ Mama wuschelt ihr liebevoll durchs Haar.
Nun kommt auch Papa ins Zimmer. „Hat Mama dir schon berichtet, warum wir uns verspätet haben?“
„Nein. Was ist passiert?“
„Uns ist ein Hund vor das Auto gelaufen. Zum Glück konnte Papa noch rechtzeitig bremsen.“
„Wurde er verletzt?“, fragt Elli voller Sorge. „Warum habt ihr ihn nicht mitgebracht? Ich würde mich gern um ihn kümmern.“ Sie schielt zu dem Brief an den Weihnachtsmann.
„Das wissen wir nicht“, antwortet Papa. „Wir haben ihn auf den Arm genommen und abgetastet. Schmerzen schien er keine zu haben. Er war ziemlich schmutzig und kalt. Kein Wunder bei diesen eisigen Temperaturen.“
„Außerdem darf man Fundtiere nicht einfach behalten“, sagt Mama. „Wir haben ihn zum Tierheim gebracht. Dort wird er versorgt und tierärztlich behandelt. Auch suchen die Mitarbeiter nach dem Besitzer.“
„Schade“, sagt Elli und schaut ihre Eltern sehr traurig an. „Wenn er kein Herrchen oder Frauchen hat, darf ich ihn dann haben?“
Papa schüttelt den Kopf. „Darüber haben wir doch schon öfter gesprochen. Wir haben keine Zeit für einen Hund.“
„Mama, bitte, bitte …“, bettelt Elli.
Mama zuckt mit den Schultern. „Das will gut überlegt sein.“
„Darf ich ihn wenigstens mal besuchen und mit ihm Gassi gehen?“
„Ich habe ein Plakat gesehen“, erinnert sich Mama. „Am 4. Advent ist ein Tag der offenen Tür im Tierheim. Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen dahin gehen?“
„Ja, das wäre toll. Bitte Papa, komm dann auch mit.“
Elli hüpft vor Begeisterung und Vorfreude in ihrem Zimmer auf und ab.

Die nächsten Tage vergehen für Elli wie im Schneckentempo. Sie muss immerzu an den Hund denken und ist traurig darüber, dass er im Tierheim in einem Zwinger allein sein muss.
Als ihre Mama von der Arbeit kommt, bittet sie sie, sich zu erkundigen, ob sich ein Besitzer gemeldet hat. Sie schnappt sich das Telefon und hält es ihrer Mama entgegen.
Nach ein paar Minuten erfährt sie, dass die Polizei das Frauchen ausfindig gemacht hat.
Elli stehen Tränen in den Augen. „Ich habe mich so sehr gefreut.“
„Ich weiß Schatz. Irgendwie hatte ich auch gehofft, dass … Na ja, lassen wir das. Es sollte nicht sein.“
Elli geht in ihr Zimmer und zerreißt den Umschlag, in dem sich der Wunschzettel befindet. In hohem Bogen wirft sie die Schnipsel in den Papierkorb. „Blödes Weihnachtsfest. Dann will ich gar nichts haben.“

Am nächsten Tag bittet Mama Elli, ihr bei der Dekoration zu helfen. „Ich kann gar nicht sehen, dass du mit so einer Trauermiene herumläufst. Vielleicht kommst du dann in Weihnachtsstimmung.“
„Von mir aus kann das Fest ausfallen“, antwortet Elli. Lustlos hängt sie den Strohschmuck an die Tannenzweige in der großen Bodenvase.
„Dann möchtest du morgen auch nicht mit ins Tierheim kommen?“, fragt Mama.
„Wozu denn?“, fragt Elli und schon wieder steigen ihr Tränen in die Augen.
„Wir können doch mal schauen, ob sich ein Hund findet, mit dem wir Gassi gehen können.“
„Von mir aus. Aber ein eigenes Hündchen, das wäre so schön.“

Am 4. Advent wacht Papa auf und schnüffelt hörbar die Luft ein. Er tastet nach Mama und ist erstaunt, dass sie noch schläft. „Schatz, wach auf, ich glaube es sind Einbrecher im Haus.“
„Was? Wie kommst du darauf?“
„Hör mal, es scheppert in der Küche, außerdem riecht es verbrannt.“
Nun ist auch Mama hellwach. „Um Gottes Willen. Bei uns gibt es doch nichts zu holen.“
Papa springt aus dem Bett und stürmt den Flur entlang. „Wer da?“, ruft er laut. „Die Polizei ist informiert, sie ist gleich da.“
Sehr erstaunt ist er, als er vorsichtig durch die Küchentür schaut und Elli am Tisch sitzen sieht.
„Hast du schlecht geträumt, Papa?“, fragt sie und kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
„Elli, was machst du so früh hier? Damit kann ja keiner rechnen, dass du das Frühstück gemacht hast.“
„Ich wollte euch überraschen.“
Nun ist auch Mama in der Küche angekommen und freut sich sehr. „Die Überraschung ist dir gelungen.“
„Die Polizei könnt ihr wieder abbestellen“, sagt Elli. „Oder sollen sie mich verhaften, weil ich die Brötchen etwas hab anbrennen lassen?“
„Das macht nichts, ist mir auch schon passiert.“ Mama nimmt Elli in die Arme und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Hätten wir einen Hund, dann würden sich Einbrecher nicht rein trauen“; sagt Elli. „Darüber solltet ihr mal nachdenken.“
Mama nickt. „Elli hat recht, dann wäre uns der Schreck in der Morgenstunde erspart geblieben. Los jetzt, wenn wir schon mal munter sind, dann sind wir vielleicht die ersten Besucher im Tierheim.“

Pünktlich 10 Uhr lässt Papa das Auto auf den Parkplatz rollen. Sie sind erstaunt, dass es kaum noch freie Plätze gibt.
Viele Menschen drängen sich bereits vor den Zwingern und am Katzenhaus bleibt gleich die Tür auf, weil Interessenten sich die Klinke in die Hand geben. Die meisten Hunde bellen laut, sind sie es ja nicht gewohnt, so viel Unruhe aushalten zu müssen.
„Dort drüben ist Frau Schneider. Bei ihr haben wir den Hund abgegeben. Komm, Elli, wir fragen sie mal, wie es ihm geht.“ Mama ruft laut nach der Leiterin des Tierheimes und winkt.
Nachdem Frau Schneider sie erkannt hat, lächelt sie und kommt auf sie zu. „Das ist toll, dass Sie hier sind. Dann kann ich ihnen gleich berichten, dass …“ Ein Telefon klingelt. „Moment, ich muss mal kurz … Schneider. Was? Ja ich komme. Bitte entschuldigen Sie, ich bin gleich wieder da, ein Notfall.“
Elli stampft mit dem Fuß auf. „Manno, was ist denn nun?“
„Komm, wir schauen uns einfach mal um. Wo ist Papa eigentlich?“
„Woher soll ich das wissen? Bei dem Gedränge macht es keinen Spaß. Außerdem tun mir die Hunde leid, wie sie begafft und begrabscht werden. Bitte Mama, ich möchte nach Hause.“
Papa kommt ihnen aufgeregt entgegen. „Schnell, kommt mal mit ins Hundehaus. Ich habe da einen Wachhund entdeckt, der ganz bestimmt Diebe in die Flucht schlägt.“
„Ich will keinen Hund mehr, ich will weg hier“, quängelt Elli.
Papa ist erstaunt. „Aber Elli …“
Mama zuckt mit den Schultern. „Lasst uns doch wenigstens mit Frau Schneider noch reden, damit wir wissen wie es dem von uns geretteten Hund geht.“
„Ich geh zum Auto und warte auf euch.“ Elli dreht sich um und läuft davon.

Nach einer halben Stunde kommen ihre Eltern endlich zu ihr.
Mama hat rote Wangen und erzählt aufregt: „Frau Schneider hat gesagt, dass das Frauchen unserer Hündin im Krankenhaus war und sie ihrer Gassigeherin ausgebüchst war. Und dann …“
„Ist mir egal“, erwidert Elli und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich will nach Hause.“

Am Heiligabend sitzt Elli an ihrem Schreibtisch und puzzelt ihren Wunschzettel zusammen. Als sie das Bild von dem kleinen Hund, den sie sich vom Weihnachtsmann gewünscht hat, sieht, streicht sie liebevoll darüber und seufzt.
Nachdem das Glöckchen ertönt geht sie ins Wohnzimmer. Unter dem Baum liegen große und kleine Päckchen.
Mama und Papa sagen gleichzeitig: „Ein schönes Weihnachtsfest, liebe Elli.“
„Mhhh …“, macht sie und lümmelt sich in Papas Lieblingssessel.
„Möchtest du das erste Geschenk öffnen?“, fragt Mama.
Elli steht auf und greift unter den Baum. Sie gibt ihren Eltern die Überraschungen, die sie für sie gebastelt hat. „Die sind für euch. Ich möchte nichts. Ich hatte nur einen Wunsch und der wird mir nicht erfüllt, denn aus keinem Päckchen ist etwas zu hören und es wackelt auch keins.“
„Ach Elli, warum bist du immer so stur?“ Mama und Papa lächeln geheimnisvoll.
Als es klingelt ist Elli erstaunt. „Oma und Opa wollten doch morgen erst kommen“, sagt sie und geht zur Tür. „Was wollen Sie denn hier?“, begrüßt sie Frau Schneider.
Mama bittet die Tierheimleiterin ins Wohnzimmer und begrüßt sie mit den Worten: „Das ist schön, dass Sie zum Heiligabend zu uns kommen. Elli, hättest du mir zugehört, wüsstest du schon seit dem 4. Advent, dass unser Hündchen im Tierheim bleiben musste, weil die Besitzerin sich nicht mehr kümmern kann.“
„Waaaasssss???“ Elli reißt ihre Augen auf. „Warum hast du das denn nicht … ach ja, na dann hättest du es eben deutlicher sagen müssen. Was wird denn nun? Darf ich es haben?“
„Deshalb bin ich hier“, sagt Frau Schneider. „Ich wollte dich fragen, ob du dich um die Kleine kümmern möchtest.“
„Klar, klar, klar … wo ist sie?“
„In meinem Auto wartet sie auf dich. Sie heißt Mina. Komm, hilf mir tragen und dann könnt ihr euch kennenlernen.“
Elli stürmt zur Tür.
Nach ein paar Minuten ist sie mit Frau Schneider zurück. Elli trägt einen Beutel mit Futter und zwei Näpfen und hält die Tür für den Transportkäfig auf.
Sie kann es kaum erwarten, dass Frau Schneider die Tür öffnet. Langsam und neugierig kommt ein süßer kleiner Wuschelhund auf Elli zugelaufen. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Tränen laufen über ihre Wangen. Vorsichtig nimmt sie das Hündchen in die Arme und wird auch gleich abgeschleckt.
„Danke Mama und Papa, das ist das allerschönste Weihnachtsgeschenk. Sie kann mit in meinem Bett schlafen, bis wir ihr ein eigenes Körbchen gekauft haben und eine Leine brauch sie auch noch.“
Elli setzt die Kleine ab und alle lachen, als sie schnurstracks unter den Baum läuft und an dem Geschenkband eines großen Päckchen zieht und somit Elli beim Auspacken hilft. Zum Vorschein kommt eine Hundekuscheldecke und auch Leine, Halsband und Spielzeug sind dabei.
„Willkommen in unserer Familie, kleine Mina“, sagt Elli liebevoll.
Mama und Papa schauen sich an und freuen sich mit Elli, dass das Weihnachtsfest und die Stimmung nun gerettet sind.

   ©Heidi Dahlsen in Zusammenarbeit mit ihrer Enkelin Melissa (8 Jahre)



Kurzvita: Heidi Dahlsen ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkelin. Sie schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten.
Autoren-Website: www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com
 

Donnerstag, 7. Dezember 2017

Lucy sucht das Christkind - Eine Weihnachtsgeschichte von Barbara Zimmermann

Foto von sciencefreak, pixabay

Lucy wohnte mit ihren Eltern und ihrem Bruder Jonathan in einem Haus am Wald. Sie freute sich auf Weihnachten und möchte unbedingt das Christkind sehen. Sie überlegte, dass es ja wohl im Wald wohnen würde, packte ihren Rucksack voll mit Äpfeln und Nüssen und machte sich frühmorgens, als alle noch schliefen, auf den Weg.
Mit ihren roten Stiefeln stapfte sie durch den hohen Schnee, es hatte die ganze Nacht lang geschneit und es war bitterkalt. Im Wald war es sehr dunkel und die Zweige der Bäume waren schneebehangen. Sie lief durch das Dickicht und traf ein Reh.
„Weißt du wo das Christkind wohnt“, fragte sie das Reh.
„Das Christkind wohnt im Märchenwald und man kann es nur sehen, wenn es dies will“, sprach das Reh.
„Und wie finde ich den Märchenwald?“, fragte Lucy.
„Immer geradeaus und siehst du den Weihnachtsstern am Himmel, wenn der Stern immer größer wird und du irgendwann unter ihm stehst, bist du angekommen. Aber was duftet so aus deinem Rucksack, es riecht nach Äpfeln. Ich habe schon solange keinen Apfel mehr gegessen!“, sagte das Reh.
„Ich schenke dir meine Äpfel“, sprach Lucy, öffnete ihren Rucksack und legte dem Reh zwei rotbackige Äpfel in den Schnee.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie fröhlich und stapfte weiter in Richtung Weihnachtsstern. Frohen Mutes lief sie eine ganze Weile, als sie ein Eichhörnchen traf.
„Hast du schon einmal das Christkind gesehen“, fragte Lucy das Eichhörnchen.
„Aber ja, das Christkind wohnt im Märchenwald und es ist wunderschön. Sag mal, du riechst so nach Nüssen und ich habe schon solange keine Nüsse mehr gegessen“, antwortete das Eichhörnchen.
„Ich schenke dir meine Nüsse“, sprach Lucy, öffnete ihren Rucksack und legte dem Eichhörnchen ihre Nüsse in den Schnee.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie fröhlich und stapfte weiter in Richtung Weihnachtsstern. Sie lief eine ganze Weile und traf einen Hasen.
„Weißt du wo das Christkind wohnt“, fragte Lucy.
„Natürlich weiß ich wo das Christkind wohnt, es wohnt im Märchenwald und ist weiß wie Schnee. So einen schönen Schal wie du hätte ich aber auch gerne. Mir ist immer kalt“, sprach der Hase.
„Ich schenke dir meinen Schal“, sagte Lucy, wickelte ihren Schal von ihrem Hals und band ihn dem Hasen um.
„Frohe Weihnachten“, sagte sie und lief fröhlich weiter.

Eine Windböe fegte durch den Wald und wehte Lucys Mütze von ihrem Kopf bis hoch in eine Tanne, wo sie hängenblieb.
`Vielleicht kann ja ein Tier, welches auch friert, meine Mütze gebrauchen`, dachte Lucy und lief weiter.
Mittlerweile verspürte Lucy Hunger und ihr war kalt aber der Weihnachtsstern war noch immer ein Stück weit weg und sie lief tapfer weiter. Ihre Backen waren rot vor Kälte und sie nahm ein wenig Schnee von den Zweigen und lutschte daran, um ihren Durst zu löschen. Als sie hoch in den Himmel blickte stand der Weihnachtsstern plötzlich über sie und Lucy rief: „Liebes Christkind, ich bin Lucy und möchte dich einmal sehen!“
Der Himmel erhellte sich und es regnete Sternenstaub, der in einer warmen Wolke um sie glitt. Es wurde ihr ganz warm ums Herz und plötzlich stand das Christkind  mitten im Schnee. Es war wunderschön.
„So einen weiten Weg bist du alleine gegangen um mich zu sehen?“, fragte das Christkind.
Lucy strahlte über ihr ganzes Gesicht, glücklich das Christkind gefunden zu haben.
Das Christkind stülpte Lucy eine Mütze über und band ihr einen warmen Schal um, es gab ihr eine heiße Tasse Christkindeltee und ein Himmelsbrot mit Sternenstaub. Es war das köstlichste Brot, welches Lucy je gegessen hatte.
„Liebes Christkind, ich wünsche mir so sehr einen Hund und meine Eltern wollen keinen Hund. Kannst du mir helfen!“, fragte Lucy.
„Mal sehen, was sich da machen lässt“, lächelte das Christkind und zauberte das Reh herbei, band es vor einen Schlitten und gebot ihm Lucy sicher nach Hause zu bringen.
Das Reh schwebte nur so durch den Wald. Der Hase stand am Wegesrand mit Lucys dicken roten Schal um den Hals. Lucy winkte ihm zu. Geschwind setzte das Reh Lucy vor ihrem zu Hause ab. Als Lucy ihre Stiefel im Flur auszog, schaute ihre Mutter aus der Küche:
„Was hast du so früh morgens schon draußen gemacht!“
„Ich habe das Christkind besucht“, sagte Lucy und packte ihre Schultasche.
Drei Tage später am Heiligen Abend kam ihre Tante Erna zu Besuch in Begleitung ihres Hundes Jack. Sie bat Lucys Eltern ihren Hund zu behalten, da sie in ein Altersheim ziehen würde und sie so Jack ab und zu noch sehen konnte. Lucy konnte ihr Glück gar nicht fassen, sie mochte Jack schon immer sehr gerne und würde ihn nie wieder hergeben. Sie dachte: „Danke liebes Christkind!“ 
Für Lucy war Jack das Schönste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten. 
 

Vita: Barbara Zimmermann ist am Niederrhein geboren und wohnt seit ihrer Heirat an der Ostsee.
Mit ihrem Mann hat sie mehr als zwanzig Jahre lang eine Schäferei betrieben und ihre fünf Töchter
großgezogen. Sie schreibt gerne für Groß und Klein.  Bei ihren Spaziergängen am Meer entstand
z.B. die Geschichte Piet und Polly Die Piratenkinder. Die Kurzgeschichte Lucy sucht das Christkind
hat sie zu Weihnachten 2016 für ihre Enkel geschrieben.