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Mittwoch, 16. Dezember 2020

"Zauber der Weihnacht" von Heidi Dahlsen aus "Harmonie zur Weihnachtszeit"

War das schön, als unsere Zwillinge Hannes und Cathleen noch klein waren. Bereits im Herbst machten sie sich Gedanken, was sie sich vom Weihnachtsmann alles wünschen wollen. Beim Schmücken für die Adventszeit halfen sie fleißig und übten unermüdlich Weihnachtslieder sowie Gedichte ein.

Um die Spannung am Heiligabend etwas zu erhöhen ging Papa mit ihnen eine Runde im Wohngebiet spazieren, denn sie hofften, den Weihnachtsmann zu finden. Später standen sie am Fenster und drückten sich die Nasen platt. Sie konnten es gar nicht erwarten, dass wir endlich die Kaffeetafel abräumten, damit auf dem Tisch Platz wurde, um die Geschenke auszupacken.

War das schön, als beide noch vor einigen Jahren am Krippenspiel teilnahmen. Sie waren so aufgeregt, dass sie sich den Text kaum merken konnten. Hach, war das schön …

 

Meine Gedanken schweifen ab, denn wenn ich an das bevorstehende Weihnachtsfest denke, überkommt mich das Grauen.

Die Zwillinge sind unterdessen 15 Jahre alt. Gespräche zwischen uns sind kaum noch möglich, auch, weil beide ständig mit Kopfhörern in den Ohren rumlaufen. Das ist zwar eine geräuschlose Alternative zu der bisherigen lautstarken Musik, die aus ihren Zimmern dröhnt … jedoch unterstützt das unsere Kommunikation nicht.

Früher sprach ich sie an, wenn ich etwas von ihnen wollte … jetzt muss ich sie antippen. Sie zeigen mir deutlich, was sie von der Störung halten und fragen genervt: „Was issn???“ Als ich zum ersten Advent im Haus weihnachtlich dekorieren wollte, hörte ich sie murren: „So ein Kitsch! Muss das sein?“

„Wenigstens ein bisschen“, meinte ich und seufzte.

 

Am 23.12. reiste meine Schwiegermutter bereits nachmittags an. Die Zwillinge verkrümelten sich beizeiten zu ihren Freunden und wollten dort übernachten. Oma war noch nicht richtig zur Tür rein und schon maßlos enttäuscht, hatte sie sich doch so sehr auf ihre beiden Enkelchen gefreut.

Sie schwärmte: „Hach, wie freue ich mich auf die leuchtenden Augen der Kinder wenn morgen der Weihnachtsmann kommt.“

Hans-Peter, mein Mann, schaute sie irritiert an und sagte: „Also, der Weihnachtsmann wird nicht persönlich kommen. Und die Augen deiner Enkel leuchten nur noch, wenn auf dem Geldscheinchen hinter der Eins mindestens zwei Nullen stehen.“

„Das kann ich nicht glauben“, erwiderte Oma. „Ich habe für beide einen warmen Schal gestrickt, den können sie gut gebrauchen. Die laufen doch den ganzen Winter viel zu luftig rum und ihr wundert euch, dass sie andauernd krank sind.“

„Hch mm mm“, hüstelte Hans-Peter, um nicht laut loszulachen.

„Was ist?“, fragte Oma.

„Sicher freuen sie sich über einen warmen Schal“, beschwichtigte ich sie und blitzte ihn warnend an.

Noch schnell packte ich das letzte Geschenk für Cathleen ein. Sie ging mir schon lange auf die Nerven mit diesem Wunsch. Eigentlich stößt es mich ab, wenn ich andere Kinder damit sehe, aber, na ja … es ist ja nur einmal Weihnachten im Jahr.

Oma schaute sich die Jeans an und fragte verwundert: „Warum schenkst du ihr eine kaputte Hose?“

Hans-Peter nahm mich in Schutz. „Man muss mit der Zeit gehen. Das ist heute modern. Alle laufen so rum.“

„Ich weiß“, antwortete sie. „Jedes Mal, wenn ich Menschen damit sehe, denke ich, die hätten einen Lumpensack durchwühlt. Also meine Kinder hätte ich so niemals rumlaufen lassen. Was hätten denn da die Leute gesagt?!“

„Stimmt´s Schatz“, antwortete Hans-Peter und zog mich tröstend in seinen Arm. „Uns ist das egal.“

 Dankbar schaute ich ihn an. Das liebte ich an ihm. Er nahm mich immer in Schutz, vor allem gegenüber seiner Mutter.

Sie schaute unter den Weihnachtsbaum und ließ ihren Blick schweifen. „Habt ihr mir wieder so einen Präsentkorb zusammengestellt? Die Salami vergangenes Jahr war so hart, dass mir ein Zahn weggebrochen ist. Ihr wisst wohl nicht, wie teuer Zähne sind?“

Hans-Peter hob seine Augenbrauen. „Eigentlich war alles ganz frisch. Wann hast du die gegessen? Sicher erst Ostern? Wen wundert es dann?“

Sie holte ihre Päckchen für die Kinder, um sie unter den Baum zu legen. Aus beiden Tüten schaute etwas Plüschiges heraus.

„Was ist das?“, fragte Hans-Peter erstaunt.

„Das sind keine Schmusetiere“, antwortete sie. „Ich weiß doch, dass die Kinder dazu zu alt sind. Nein, die Dinger gab es bei unserem Discounter auf Marken. Genau wie früher …“ Sie lächelte verträumt. „Das sind lustige Figuren.“ Sie zog diese heraus und hielt sie uns entgegen.

„Ein Brokkoli und ein Pilz???!!! Wen willst du dafür begeistern?“, fragte ich erstaunt.

„Na Cathleen ist doch Vegetarier und Hannes mag Pilze, oder etwa nicht mehr?“

„Doch, doch“, meinte Hans-Peter, schlug sich auf die Schenkel und prustete los. „Nun können sie sogar vegan kuscheln. Hach, ist das modern. Aber ausgerechnet Gemüse?! Gab es kein Obst?“

„Schon, aber bevor ich meine Markenheftchen voll hatte, waren nur noch diese beiden zur Auswahl. Ich brauche ja nicht viel, da hat es etwas länger gedauert, als bei Leuten, die Großeinkäufe tätigen.“ Sie ist eine Meisterin des Themenwechsels. Sowie ein Gespräch ihrer Meinung nach unangenehm werden könnte, spricht sie schnell etwas anderes an. Deshalb fragte sie nun: „Was gibt es als Weihnachtsmenü?“ Bevor ich Luft holen konnte, um zu antworten, zählte sie im gleichen Atemzug auf, „also bei Annegret gab es voriges Jahr ein Fünf-Gänge-Menü, mit gefüllter Gans und selbstgemachten Klößen und eine klare Brühe vorneweg, die schmeckte wunderbar und Tiramisu zum Nachtisch und lauter Köstlichkeiten, von denen ich hier bei euch … na ja ...“ Sie schaute sich suchend in der Küche um … und dann mich erwartungsvoll an.

„Möhrensuppe“, antwortete Hans-Peter und lachte sich ins Fäustchen.

Oma riss die Augen auf. „Das ist nicht euer Ernst, oder? Na ja, wundern würde es mich nicht … euer Essen ist immer … sehr mager.“

Hans-Peter nickte. „Das nennt man gesunde Ernährung.“

„Du wirst schon satt werden“, antwortete ich und ließ sie im Ungewissen. „Lass dich überraschen.“

„Aber es stehen doch zwei Töpfe auf dem Herd“, stellte sie hoffnungsvoll fest.

„Na ja“, sagte mein Mann. „In einem ist Möhreneintopf mit Fleischklößchen und in dem kleineren für Cathleen die vegetarische Variante.“

Oma verzog das Gesicht, als würde es Milchreis mit Rollmops geben. „Kommen deine Eltern auch?“, fragte sie mich und versuchte wieder das Thema zu wechseln.

„Nein“, antwortete ich. „Die sonnen sich auf den Kanaren.“

„Das wäre mir nichts“, erwiderte sie empört. „Es geht doch nichts über ein besinnliches Weihnachtsfest im Familienkreis. Gehen wir in die Kirche? Ich freue mich so auf das Krippenspiel. Die Kinder werden doch wieder daran teilnehmen?!“

„Äh, neiiin“, antwortete Hans-Peter. „Die Zwillinge sind 15 Jahre alt und das ist unterdessen unter ihrer Würde.“

Oma schüttelte den Kopf. „Also, dass ihr das durchgehen lasst. Als ihr, Annegretchen und du, mein Sohn, klein wart, habt ihr immer gemacht, was wir euch gesagt haben. Merkt ihr nicht, dass euch eure Kinder schon lange auf der Nase rumtanzen?!“

„Nö.“ Hans-Peter schüttelte den Kopf.

„Na ja.“ Sie verzog pikiert ihren Mund. Plötzlich bekamen ihre Augen einen festlichen Glanz. „Hach, bei Annegret voriges Jahr, ach, war das schön, so festlich … und das Essen …“

Mein Mann zwinkerte mir zu und ich seufzte.

 

Als wir später im Bett lagen, kuschelte ich mich an ihn.

„Weißt du, Schatz, nächstes Jahr machen wir auch eine Reise“, sagte er. „Solange die Kinder in der Pubertät sind, lassen wir Weihnachten einfach ausfallen. Oma kann wieder zu Annegretchen gehen, sich beim Fünf-Gänge-Menü überfressen, sodass der Notarzt statt des Weihnachtsmannes kommen muss, genauso wie vergangenes Jahr. Hach, wird das für uns schön ruhig und erholsam.“

„Eine tolle Idee“, antwortete ich. „Warum sind wir da nicht eher drauf gekommen? Und Weihnachten feiern wir mit allem Drum und Dran erst wieder, wenn wir Enkelkinder haben.“

Er küsste mich und meinte: „Aber erst müssen wir die nächsten drei Tage überstehen.“

„Das werden wir. Ich weiß auch schon wie“, beruhigte ich ihn schmunzelnd, denn ich hatte eine Erleuchtung, die sicher zur Rettung unserer Weihnachtsstimmung beitragen könnte.

 

Am Heiligabend, noch vor dem Frühstück, schickte ich unseren Kindern eine SMS. „Lieber Hannes/liebe Cathleen, bitte gebt uns Bescheid, wie ihr die Feiertage verbringen wollt. Schließlich sollt ihr euch auch wohlfühlen. Wir wünschen uns von euch drei entspannte Tage und freuen uns auf eure Vorschläge.“

 

Kaum hatte ich das Frühstück fertig, der Kaffeeduft zog schon länger durch das ganze Haus, kam meine Schwiegermutter die Treppe herunter und setzte sich an den Tisch. „Ich habe mal in die Zimmer der Kinder geschaut. Also … in Hannes Zimmer herrscht dermaßen Unordnung. Dass ihr euch so wohlfühlt?“

„Wieso wir?“, stellte ich eine Gegenfrage.

„Es ist doch euer Haus und alle Besucher sehen dies. Also … früher …“

Ich unterbrach sie. „Deshalb sage ich immer, sie sollen ihre Türen zulassen, wenn Besuch kommt.“

„Was soll mal aus denen werden? Sie gewöhnen sich doch an diesen Saustall und leben später als Messis.“

Ich schüttelte meinen Kopf. „Das glaube ich nicht. Ich lebe ihnen Ordnung und Sauberkeit vor. Es ist doch besser, sie fühlen sich in ihren Zimmern selbst nicht mehr wohl und räumen dann freiwillig auf. Mit Zwang erzieht man keine Kinder. Damit erreicht man nur Frust und das Gegenteil.“

„Bei uns gab es das jedenfalls nicht. Die Zimmer der Kinder mussten picobello sein, ansonsten gab es Strafen. Dass das gefruchtet hat, kannst du bei Annegret sehen. Bei ihr kannst du vom Fußboden essen, obwohl sie einen Hund hat.“

War ich erleichtert, als Hans-Peter nun auch zum Frühstück kam und ich nicht mehr Schwiegermutter unterhalten musste. Scheinbar hatte er unser Gespräch heimlich verfolgt, denn er sagte: „Weißt du, Oma, das ist keine Unordnung in den Kinderzimmern. Das ist pures Leben. Sie nennen es Kreativität, die ihre Gehirnzellen auf Trab hält. Da sollen wir sie doch nicht bremsen, oder?“

„Nenn mich nicht Oma! Wie oft soll ich dir das noch sagen? Ich bin nicht deine Oma sondern deine Mutti! Außerdem, wie redest du mit mir? Du musst mich nicht belehren und schon gar nicht veralbern.“

„Na, wie es in den Wald ruft, so schallt es zurück.“

„Wusste gar nicht, dass es in eurem Haus ein Echo gibt“, antwortete sie pikiert.

Nun wurde mir wieder bewusst, warum es mich vor den Feiertagen graute. Hans-Peter nahm mich in den Arm und flüsterte: „Schlagfertig ist sie ja, das muss man ihr lassen. Leider bleibt die Liebenswürdigkeit verborgen.“ Bevor er weitersprach, gab er mir einen Kuss. „Weißt du, Mutter, du hast immer was zu meckern, statt das Zusammensein mit uns zu genießen.“

„Der Genuss bleibt hier auf der Strecke. Das Essen ist zu mager, die Geschenke zu hart, die Kinder … na ja … die Erziehung fehlt eben … Was soll ich noch dazu sagen? Bei euch kann ich mich einfach nicht wohlfühlen.“ Triumphierend sah sie mich an. Sicher war sie stolz darauf, mir es endlich mal so richtig gegeben zu haben. Da wir beide nicht antworteten, sprach sie weiter: „Hab ich euch schon erzählt, dass Annegret eigentlich wollte, dass ich Weihnachten wieder bei ihr verbringe?“

„Nein!!! Wirklich?“, sagte Hans-Peter und tat, als wäre er erstaunt.

Sie nickte und nahm sich ein Brötchen. Klingelingeling rührte sie ihren Kaffee um und fragte: „Wann kommen denn die Kinder endlich?“

„Das wissen wir noch nicht“, antwortete ich. „Wir haben beschlossen, dass dieses Jahr jeder Weihnachten so feiern kann, wie er sich am wohlsten fühlt.“

„Was??? Dann sehe ich meine Enkel wohl gar nicht.“ Sie war entsetzt … überlegte kurz … dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Ist das euer Ernst?“ Wir nickten beide gleichzeitig. „Oh, dann werde ich bei Annegret feiern“, sagte sie. „Ich packe schnell meine Sachen und dann könnt ihr mich zu ihr fahren. Wisst ihr, Möhrensuppe zu Weihnachten, das ist nicht so nach meinem Geschmack.“

Hans-Peter rieb sich die Hände und sagte: „Und ab sofort gilt: Es soll nur noch zu uns kommen, wer gerne kommt.“

Sie kniff ihre Augen zusammen und schaute mich wütend an, denn sie war der vollen Überzeugung, dass auch dieser Vorschlag nur von mir kommen konnte.

„Siehst du, das meine ich“, sagte Hans-Peter zu ihr. „Warum sollst du dich bei uns quälen, die Zeit absitzen, obwohl du eigentlich wo ganz anders sein willst?“

„Na, wie ihr meint.“ Nun beeilte sie sich. Schlang das Brötchen hinunter, schlürfte die Tasse mit dem heißen Kaffee leer und stand auch schon bald darauf abfahrbereit an der Garage.

Zum Abschied rief ich ihr zu: „Frohes Fest, Oma und viel Spaß bei Annegret.“

Bevor sie die Autotür zuschlug vernahm ich noch: „Das habe ich ganz bestimmt. Und außerdem, nenn du mich nicht auch noch Oma.“

 

Gegen elf Uhr kamen Hannes und Cathleen fast zeitgleich nach Hause. Sie gaben mir einen Kuss und wünschten: „Frohe Weihnachten, Mama.“ Sie schauten sich um und fragten: „Wo ist Oma? Und wo ist Papa?“

Ich grinste. „Also, Oma haben wir ebenfalls gesagt, dass sie Weihnachten so verbringen kann, wie es ihr am besten gefällt und somit wollte sie lieber mit Tante Annegret feiern. Papa fährt sie hin und wird bald wieder zurück sein.“

„Warum das denn?“, fragte Cathleen.

„Papa hat ihr verraten, dass es Möhreneintopf geben wird.“

„Karottensuppe?“, fragte Hannes, „aber nur mit vielen Fleischklößchen … immerhin ist Weihnachten.“

„Ja, ja“, beruhigte ich ihn und bevor Cathleen wütend etwas einwenden konnte, lächelte ich ihr zu. „Ja, ja, mein Schatz, keine Angst, für dich vegetarisch.“

„Ach, nee“, sagte mein Mann, der in diesem Augenblick zur Tür hereinkam und erstaunt war, die Kinder schon zu sehen. „Wie war das bisher? Doofes Weihnachten, das wird sooo langweilig und die blöde Deko und in die Kirche kommen wir auf keinen Fall mit.“

„Na ja“, druckste Cathleen, „vielleicht kommt es auch darauf an, ob man freiwillig daran teilnimmt und mitentscheiden darf, wie das Fest ablaufen soll.“

„Habt ihr euch Gedanken gemacht?“, fragte ich.

„Ja“, antworteten beide.

„So schlimm ist Weihnachten eigentlich nicht“, meinte Cathleen.

Hannes nickte gnädig und schlug vor: „Wir könnten ja eine DVD gucken. Es gibt tolle Anti-Weihnachtsfilme.“

„Okay, dann ab mit euch in die Videothek, bevor die alle vergriffen sind“, sagte ich.

„Och nö“, äußerte mein Mann und fing an zu lachen.

„Was ist?“, fragten die Zwillinge gleichzeitig.

„Lasst euch überraschen.“ Geheimnisvoll gestikulierte er mit einer leichten Kopfbewegung in Richtung Weihnachtsbaum, was vermuten ließ, dass eins der wundervoll verpackten Geschenke vielleicht einen solchen Film enthalten könnte.

„Morgen Abend wollen wir in das neue Jugendzentrum“, sagte Hannes. „Dort gibt es eine mega Party.“

„Und am 26.12.“, warf mein Mann ein, „seid ihr doch bei den Familien eurer Freunde eingeladen.“ Er schaute mich verschmitzt an und ein mir sehr bekanntes Funkeln seiner Augen verriet seine Gedanken.

„Ja“, bestätigte ich, „dann haben wir sturmfrei. Hach, das wird ein Fest. Lasst uns jetzt essen und zusehen, dass es unvergessliche Feiertage trotz Pubertät werden“, sagte ich.

Hannes eilte in die Küche und schaute in die beiden Töpfe. Er grinste und öffnete die Backofentür. Nun sah er den großen Bräter. „Wusste ich es doch. Von wegen Möhreneintopf?!“

Wir ließen uns die knusprige Ente gut schmecken. Und für Cathleen hatte ich extra eine Spinatlasagne mit viel Käse überbacken.

Wir freuten uns unterdessen auf das Fest, denn wir hatten mit nur ein paar Ideen Harmonie zur Weihnachtszeit herbeigezaubert.

 


Kurzvita: Heidi Dahlsen ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkelin. Sie schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten. 
Webseite der Autorin www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com

Freitag, 6. Dezember 2019

Mein Weihnachtstraum von Heidi Dahlsen



Lächelnd erwache ich am frühen Morgen. Es ist Ende November. Mit einem Blick aus dem Fenster wird mir bewusst, dass meine gute Stimmung nicht am nebelverhangenen Himmel liegen kann. Feucht, grau und düster ist es nun schon seit Tagen. Beim Morgenkaffee kommt mir mein Traum in den Sinn.
Ich seufze. Ach, war das noch schön, als ich früher das Weihnachtsfest kaum erwarten konnte. Wunschzettel wurden gemalt, später geschrieben. Die Gerüche nach Weihnachtsplätzchen, Zimt, Marzipan und Schokolade, die habe ich heute noch in der Nase. Der Höhepunkt war jeden Sonntag das Entzünden einer weiteren Kerze am Adventskranz. Weihnachtsmusik erklang vom Plattenspieler. Das leise Kratzen der Nadel verbreitete Nostalgie. Wenig Technik, wenig Prunk, wenig Konsumzwang, dafür Familienleben, Zeit füreinander mit Großeltern, Tanten und Onkeln. So sollte der Dezember ablaufen. Ein Beutel Süßes im Nikolausstiefel war genug, um kindliche Freude auszulösen. Die Adventszeit war harmonisch, der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt etwas ganz Besonderes, die Augen glänzten. Diese Zeit erlebte ich voller Erwartungen auf einen wunderschön geschmückten Baum, mit uraltem Schmuck, detailgetreue Nachbildungen der Weihnachtskrippe, Winterlandschaften oder Musikinstrumenten auch aus Holz. Der Weihnachtsmann begleitete uns jahrelang, glaubten ja sogar die Grundschüler noch an ihn. Nur wer ältere Geschwister hatte, wurde etwas früher aufgeklärt.
Noch heute sehe ich das alles vor mir.
Wo ist all die Stimmung hin?
Geschenke besorgen ist unterdessen zum Alptraum geworden. Was schenkt man Kindern, die bereits viel zu viel haben? Diese erwarten vor allem eine üppige Anzahl weiteres Spielzeug, das sich dann fast unbenutzt im Zimmer stapelt, weil die Eltern kaum Zeit oder Lust haben, mit ihnen zu spielen.
Ein Besuch auf dem Weihnachtsmarkt lässt sicher kaum noch Kinderaugen erstrahlen. Menschenmassen schieben sich durch die Gänge, mit ihnen die Kinder, die eigentlich überall nur Beine sehen. Wer einfühlsame Eltern hat, wird auf den Schultern getragen. Jede Bude steht jedes Jahr wieder am selben Platz. Es gibt reichlich Auswahl … alles schön bunt … vor allem teuer.
Oftmals sind Hunde dabei. Diese Tierhalter würde ich gern mal zwingen, stundenlang in der Kälte und im Schneematsch angeleint auf Knien über den Markt zu rutschen. Das grenzt an Tierquälerei, oder?
Schaut man in die Gesichter findet sich keine Freude, kein Lächeln … überwiegend nur unzufriedene genervte Mienenspiele.
Traditionell eine leckere Waffel oder Bratwurst und einen heißen Glühwein zu genießen, das ist mir schon lange vergangen. Zum einen wird man ständig angerempelt, zum anderen muss man seine Handtasche krampfhaft festhalten, um nicht ausgeraubt zu werden.
Es wird mir bewusst, so kann ich nicht in Weihnachtsstimmung kommen.
Also trinke ich meinen Kaffee aus, begebe mich auf den Dachboden, um die Kisten, in denen sich Großmutters Nachlass befindet, durchzustöbern. Dieses Jahr werde ich Erinnerungen wachrufen, wieder mal Plätzchen selber backen, den alten Plattenspieler in Gang setzen, viele Kerzen anzünden und das Fest mit allen Sinnen genießen.
©Heidi Dahlsen 



 

Kurzvita: Heidi Dahlsen ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkelin. Sie schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten. 
Webseite der Autorin www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com

Mittwoch, 13. Dezember 2017

Eine wunderbare Weihnachtsüberraschung von Heidi Dahlsen


Foto Heidi Dahlsen
       
Elli ist gerade dabei ihren Wunschzettel für den Weihnachtsmann zu schreiben, als ihre Eltern vom Einkauf zurückkommen. Schnell steckt sie das Blatt in einen Briefumschlag und klebt diesen zu.
„Hallo Elli, entschuldige, dass wir so spät kommen, aber es ist etwas passiert“, sagt die Mama. „Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“
„Dem Weihnachtsmann einen Brief geschrieben“, antwortet sie und hält diesen ihrer Mama entgegen.
„Der ist aber dick. Wie viele Wünsche hast du denn?“ Mama wuschelt ihr liebevoll durchs Haar.
Nun kommt auch Papa ins Zimmer. „Hat Mama dir schon berichtet, warum wir uns verspätet haben?“
„Nein. Was ist passiert?“
„Uns ist ein Hund vor das Auto gelaufen. Zum Glück konnte Papa noch rechtzeitig bremsen.“
„Wurde er verletzt?“, fragt Elli voller Sorge. „Warum habt ihr ihn nicht mitgebracht? Ich würde mich gern um ihn kümmern.“ Sie schielt zu dem Brief an den Weihnachtsmann.
„Das wissen wir nicht“, antwortet Papa. „Wir haben ihn auf den Arm genommen und abgetastet. Schmerzen schien er keine zu haben. Er war ziemlich schmutzig und kalt. Kein Wunder bei diesen eisigen Temperaturen.“
„Außerdem darf man Fundtiere nicht einfach behalten“, sagt Mama. „Wir haben ihn zum Tierheim gebracht. Dort wird er versorgt und tierärztlich behandelt. Auch suchen die Mitarbeiter nach dem Besitzer.“
„Schade“, sagt Elli und schaut ihre Eltern sehr traurig an. „Wenn er kein Herrchen oder Frauchen hat, darf ich ihn dann haben?“
Papa schüttelt den Kopf. „Darüber haben wir doch schon öfter gesprochen. Wir haben keine Zeit für einen Hund.“
„Mama, bitte, bitte …“, bettelt Elli.
Mama zuckt mit den Schultern. „Das will gut überlegt sein.“
„Darf ich ihn wenigstens mal besuchen und mit ihm Gassi gehen?“
„Ich habe ein Plakat gesehen“, erinnert sich Mama. „Am 4. Advent ist ein Tag der offenen Tür im Tierheim. Was haltet ihr davon, wenn wir zusammen dahin gehen?“
„Ja, das wäre toll. Bitte Papa, komm dann auch mit.“
Elli hüpft vor Begeisterung und Vorfreude in ihrem Zimmer auf und ab.

Die nächsten Tage vergehen für Elli wie im Schneckentempo. Sie muss immerzu an den Hund denken und ist traurig darüber, dass er im Tierheim in einem Zwinger allein sein muss.
Als ihre Mama von der Arbeit kommt, bittet sie sie, sich zu erkundigen, ob sich ein Besitzer gemeldet hat. Sie schnappt sich das Telefon und hält es ihrer Mama entgegen.
Nach ein paar Minuten erfährt sie, dass die Polizei das Frauchen ausfindig gemacht hat.
Elli stehen Tränen in den Augen. „Ich habe mich so sehr gefreut.“
„Ich weiß Schatz. Irgendwie hatte ich auch gehofft, dass … Na ja, lassen wir das. Es sollte nicht sein.“
Elli geht in ihr Zimmer und zerreißt den Umschlag, in dem sich der Wunschzettel befindet. In hohem Bogen wirft sie die Schnipsel in den Papierkorb. „Blödes Weihnachtsfest. Dann will ich gar nichts haben.“

Am nächsten Tag bittet Mama Elli, ihr bei der Dekoration zu helfen. „Ich kann gar nicht sehen, dass du mit so einer Trauermiene herumläufst. Vielleicht kommst du dann in Weihnachtsstimmung.“
„Von mir aus kann das Fest ausfallen“, antwortet Elli. Lustlos hängt sie den Strohschmuck an die Tannenzweige in der großen Bodenvase.
„Dann möchtest du morgen auch nicht mit ins Tierheim kommen?“, fragt Mama.
„Wozu denn?“, fragt Elli und schon wieder steigen ihr Tränen in die Augen.
„Wir können doch mal schauen, ob sich ein Hund findet, mit dem wir Gassi gehen können.“
„Von mir aus. Aber ein eigenes Hündchen, das wäre so schön.“

Am 4. Advent wacht Papa auf und schnüffelt hörbar die Luft ein. Er tastet nach Mama und ist erstaunt, dass sie noch schläft. „Schatz, wach auf, ich glaube es sind Einbrecher im Haus.“
„Was? Wie kommst du darauf?“
„Hör mal, es scheppert in der Küche, außerdem riecht es verbrannt.“
Nun ist auch Mama hellwach. „Um Gottes Willen. Bei uns gibt es doch nichts zu holen.“
Papa springt aus dem Bett und stürmt den Flur entlang. „Wer da?“, ruft er laut. „Die Polizei ist informiert, sie ist gleich da.“
Sehr erstaunt ist er, als er vorsichtig durch die Küchentür schaut und Elli am Tisch sitzen sieht.
„Hast du schlecht geträumt, Papa?“, fragt sie und kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
„Elli, was machst du so früh hier? Damit kann ja keiner rechnen, dass du das Frühstück gemacht hast.“
„Ich wollte euch überraschen.“
Nun ist auch Mama in der Küche angekommen und freut sich sehr. „Die Überraschung ist dir gelungen.“
„Die Polizei könnt ihr wieder abbestellen“, sagt Elli. „Oder sollen sie mich verhaften, weil ich die Brötchen etwas hab anbrennen lassen?“
„Das macht nichts, ist mir auch schon passiert.“ Mama nimmt Elli in die Arme und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Hätten wir einen Hund, dann würden sich Einbrecher nicht rein trauen“; sagt Elli. „Darüber solltet ihr mal nachdenken.“
Mama nickt. „Elli hat recht, dann wäre uns der Schreck in der Morgenstunde erspart geblieben. Los jetzt, wenn wir schon mal munter sind, dann sind wir vielleicht die ersten Besucher im Tierheim.“

Pünktlich 10 Uhr lässt Papa das Auto auf den Parkplatz rollen. Sie sind erstaunt, dass es kaum noch freie Plätze gibt.
Viele Menschen drängen sich bereits vor den Zwingern und am Katzenhaus bleibt gleich die Tür auf, weil Interessenten sich die Klinke in die Hand geben. Die meisten Hunde bellen laut, sind sie es ja nicht gewohnt, so viel Unruhe aushalten zu müssen.
„Dort drüben ist Frau Schneider. Bei ihr haben wir den Hund abgegeben. Komm, Elli, wir fragen sie mal, wie es ihm geht.“ Mama ruft laut nach der Leiterin des Tierheimes und winkt.
Nachdem Frau Schneider sie erkannt hat, lächelt sie und kommt auf sie zu. „Das ist toll, dass Sie hier sind. Dann kann ich ihnen gleich berichten, dass …“ Ein Telefon klingelt. „Moment, ich muss mal kurz … Schneider. Was? Ja ich komme. Bitte entschuldigen Sie, ich bin gleich wieder da, ein Notfall.“
Elli stampft mit dem Fuß auf. „Manno, was ist denn nun?“
„Komm, wir schauen uns einfach mal um. Wo ist Papa eigentlich?“
„Woher soll ich das wissen? Bei dem Gedränge macht es keinen Spaß. Außerdem tun mir die Hunde leid, wie sie begafft und begrabscht werden. Bitte Mama, ich möchte nach Hause.“
Papa kommt ihnen aufgeregt entgegen. „Schnell, kommt mal mit ins Hundehaus. Ich habe da einen Wachhund entdeckt, der ganz bestimmt Diebe in die Flucht schlägt.“
„Ich will keinen Hund mehr, ich will weg hier“, quängelt Elli.
Papa ist erstaunt. „Aber Elli …“
Mama zuckt mit den Schultern. „Lasst uns doch wenigstens mit Frau Schneider noch reden, damit wir wissen wie es dem von uns geretteten Hund geht.“
„Ich geh zum Auto und warte auf euch.“ Elli dreht sich um und läuft davon.

Nach einer halben Stunde kommen ihre Eltern endlich zu ihr.
Mama hat rote Wangen und erzählt aufregt: „Frau Schneider hat gesagt, dass das Frauchen unserer Hündin im Krankenhaus war und sie ihrer Gassigeherin ausgebüchst war. Und dann …“
„Ist mir egal“, erwidert Elli und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich will nach Hause.“

Am Heiligabend sitzt Elli an ihrem Schreibtisch und puzzelt ihren Wunschzettel zusammen. Als sie das Bild von dem kleinen Hund, den sie sich vom Weihnachtsmann gewünscht hat, sieht, streicht sie liebevoll darüber und seufzt.
Nachdem das Glöckchen ertönt geht sie ins Wohnzimmer. Unter dem Baum liegen große und kleine Päckchen.
Mama und Papa sagen gleichzeitig: „Ein schönes Weihnachtsfest, liebe Elli.“
„Mhhh …“, macht sie und lümmelt sich in Papas Lieblingssessel.
„Möchtest du das erste Geschenk öffnen?“, fragt Mama.
Elli steht auf und greift unter den Baum. Sie gibt ihren Eltern die Überraschungen, die sie für sie gebastelt hat. „Die sind für euch. Ich möchte nichts. Ich hatte nur einen Wunsch und der wird mir nicht erfüllt, denn aus keinem Päckchen ist etwas zu hören und es wackelt auch keins.“
„Ach Elli, warum bist du immer so stur?“ Mama und Papa lächeln geheimnisvoll.
Als es klingelt ist Elli erstaunt. „Oma und Opa wollten doch morgen erst kommen“, sagt sie und geht zur Tür. „Was wollen Sie denn hier?“, begrüßt sie Frau Schneider.
Mama bittet die Tierheimleiterin ins Wohnzimmer und begrüßt sie mit den Worten: „Das ist schön, dass Sie zum Heiligabend zu uns kommen. Elli, hättest du mir zugehört, wüsstest du schon seit dem 4. Advent, dass unser Hündchen im Tierheim bleiben musste, weil die Besitzerin sich nicht mehr kümmern kann.“
„Waaaasssss???“ Elli reißt ihre Augen auf. „Warum hast du das denn nicht … ach ja, na dann hättest du es eben deutlicher sagen müssen. Was wird denn nun? Darf ich es haben?“
„Deshalb bin ich hier“, sagt Frau Schneider. „Ich wollte dich fragen, ob du dich um die Kleine kümmern möchtest.“
„Klar, klar, klar … wo ist sie?“
„In meinem Auto wartet sie auf dich. Sie heißt Mina. Komm, hilf mir tragen und dann könnt ihr euch kennenlernen.“
Elli stürmt zur Tür.
Nach ein paar Minuten ist sie mit Frau Schneider zurück. Elli trägt einen Beutel mit Futter und zwei Näpfen und hält die Tür für den Transportkäfig auf.
Sie kann es kaum erwarten, dass Frau Schneider die Tür öffnet. Langsam und neugierig kommt ein süßer kleiner Wuschelhund auf Elli zugelaufen. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Tränen laufen über ihre Wangen. Vorsichtig nimmt sie das Hündchen in die Arme und wird auch gleich abgeschleckt.
„Danke Mama und Papa, das ist das allerschönste Weihnachtsgeschenk. Sie kann mit in meinem Bett schlafen, bis wir ihr ein eigenes Körbchen gekauft haben und eine Leine brauch sie auch noch.“
Elli setzt die Kleine ab und alle lachen, als sie schnurstracks unter den Baum läuft und an dem Geschenkband eines großen Päckchen zieht und somit Elli beim Auspacken hilft. Zum Vorschein kommt eine Hundekuscheldecke und auch Leine, Halsband und Spielzeug sind dabei.
„Willkommen in unserer Familie, kleine Mina“, sagt Elli liebevoll.
Mama und Papa schauen sich an und freuen sich mit Elli, dass das Weihnachtsfest und die Stimmung nun gerettet sind.

   ©Heidi Dahlsen in Zusammenarbeit mit ihrer Enkelin Melissa (8 Jahre)



Kurzvita: Heidi Dahlsen ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkelin. Sie schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten.
Autoren-Website: www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com
 

Dienstag, 20. Dezember 2016

Freud und Leid in der Weihnachtszeit von Heidi Dahlsen

Foto von Eva Joachimsen

Für mich war es ein Schock, als mein Papa freudestrahlend verkündete: „Hurra, ich habe einen neuen Job.“ Er klatschte in die Hände. „Am 1. Dezember geht es los. Ein schönes Häuschen auf dem Land habe ich auch schon gefunden. Anna-Lena, stell dir nur vor, dann wohnen wir auf dem Land, haben einen großen Garten und …“
„Stopp!“, rief ich wütend aus. „Papa, das ist nicht dein Ernst. Dann muss ich die Schule wechseln.“
„Ja, aber du bist eine gute Schülerin, ein wunderbares Mädchen und wirst sicher schnell Freunde finden.“ Er kam auf mich zu, hob mich in die Luft und wirbelte mich herum.
„Papa, lass das! Ich bin fünfzehn und kein Baby mehr.“
„Komm, Anna-Lena, sei kein Spielverderber. Du weißt doch, wie gerne ich wieder als Architekt arbeiten würde.“
Mir kamen die Tränen. Mama nahm mich tröstend in die Arme. „Warte doch erst mal ab und schau dir die neue Schule an und die Mitschüler aus deiner Klasse.“
„Ich will aber aus der Stadt nicht weg. Simon sagt, dass die Landeier in unserem Alter alle zurückgeblieben sind.“
„Was weiß der schon? Hat er schon mal ländlich gewohnt?“, fragte Mama.
„Er musste bisher immer die Ferien bei seinen Großeltern in der Nähe eines Kuhstalles im miefenden Kleinkleckersdorf verbringen und hat die Kinder dort alle aufwachsen sehen. So richtige Freunde hat er nie gefunden.“
„Wenn er mit solchen Vorurteilen rangegangen ist, dann ist doch klar, dass die Einheimischen einen Bogen um ihn gemacht haben.“
Ich zuckte mit den Schultern, rief Simon an und klagte ihm mein Leid.

Nach einiger Zeit kam Papa in mein Zimmer und setzte sich zu mir aufs Bett. In der Hand hatte er das Tablet. „Anna-Lena, schau dir doch wenigstens mal unser neues Haus an. Du darfst dir auch ein Zimmer aussuchen. Wenn das nichts ist?“
Genervt warf ich einen Blick auf den Bildschirm. Papa ließ sich davon nicht beirren und die Fotos an meinem Auge vorbeifliegen.
Mein Herz machte auf einmal einen Hüpfer. „Stopp!“ Mein Finger strich zurück. Ich setzte mich auf. „Oh, toll. Wow! Ist das wirklich wahr?“
Papa strahlte über das ganze Gesicht und nickte.
„Mama, komm mal bitte“, rief ich aufgeregt.
„Was ist denn?“ Sie setzte sich zu uns.
„Schau mal, ein Pool im Keller und hier im Dachgeschoss das große Zimmer.“
Mama grinste. „Ja, das hätte ich gern als Schlafzimmer, auch weil dieses schöne Bad“, sie blendete das nächsten Bild ein, „gleich nebenan liegt.“
„Papa hat gesagt, ich kann mir ein Zimmer aussuchen. Also, ich nehme das gesamte Dachgeschoss. Dafür dürft ihr euch unten ausbreiten.“
Papa seufzte. „Ich wusste es, es wird dir gefallen.“ Er drückte mir einen dicken Schmatz auf die Wange.
„Igitt, Papa. Ich bin …“
„ … fünfzehn. Ich weiß. Abgemacht ...“ Er hielt mir seine Hand hin, in die ich nun nur zu gern einschlug.
Mama schaute mich an. „Und wegen der neuen Freunde …“
„ … ich weiß. Keine Vorurteile.“

Ende November war unser Umzug gemeistert. Nachdem ich mein neues Zimmer eingerichtet und alle Sachen verstaut hatte, wollte ich mich im Wohngebiet etwas umschauen. Ich war neugierig, ob Mädchen in meinem Alter in der Nähe wohnen.
Am Spielplatz sah ich Jugendliche in meinem Alter auf einer Bank sitzen und ging erfreut zu ihnen.
„Hallo“, sagte ich zur Begrüßung. „Ich bin Anna-Lena und wohne seit heute hier.“
„Aha“, machte ein Mädchen, das aussah, als wäre es einem Modemagazin entsprungen. Sie musterte mich von oben bis unten und fragte gelangweilt: „Welche Schule? Welche Klasse?“
„Realschule, 7. Klasse“, antwortete ich.
„Oh, eine Blödine“, rief sie belustigt aus. „Ich verkehre nur mit Gymnasiasten. Und ein Tipp so ganz nebenbei … deinen Look solltest du unbedingt etwas ändern. So kann man doch nicht rumlaufen.“ Sie wandte sich den anderen zu: „Kommt, wir gehen. Diese Gesellschaft müssen wir uns nicht antun.“
Wie Schafe dem Leithammel trotteten alle anderen kichernd hinter ihr her.
Traurig trat ich meinen Rückweg an und verließ bis zum Abendessen mein Zimmer nicht mehr.

Am Montagmorgen setzte mich Mama vor der neuen Schule ab. Eigentlich wollte sie mich bis zum Klassenzimmer begleiten, aber das lehnte ich ab. Was sollten denn die anderen von mir denken? Dass ich ein Kleinkind bin?! Mit flauem Gefühl im Magen ging ich in das Klassenzimmer.
Der Lehrer stellte mich vor und betonte sogleich, dass ich sehr gute Noten habe und meine Mitschüler sich ein Beispiel an mir nehmen sollten. Und wenn ich mich weiterhin anstrengen würde, könnte ich sogar zum Gymnasium wechseln.
„Eine Streberin hat uns gerade noch gefehlt“, sagte ein Mädchen und alle lachten.
Das war‘s! Schlimmer hätte der Neuanfang nicht laufen können. Niemand wollte etwas mit mir zu tun haben, sodass ich die Pausen allein auf dem Schulhof verbrachte. Die Heimfahrt im Bus wurde zum Spießrutenlauf, denn alle flüsterten, wenn ich in ihre Nähe kam.
In der Schule galt ich als Streberin und bei den Jugendlichen im Wohngebiet als Blödine.
Alle urteilten über mich, obwohl sie mich gar nicht kannten. Sie gaben mir nicht mal eine Chance. Von Vorurteilen hatten die scheinbar alle noch nichts gehört. Ich fühlte mich sehr einsam. Abends konnte ich ewig nicht einschlafen oder träumte so schlecht, dass ich schweißgebadet erwachte.
Zum Schulbus lief ich ganz langsam, um den Hänseleien bereits am frühen Morgen aus dem Weg zu gehen. So passierte es immer öfter, dass ich den Bus verpasste. Nachdem ich erfolglos versucht hatte, mich einzuleben und neue Freunde zu finden, fasste ich den Entschluss, nicht mehr in die Schule zu gehen.
Es dauerte jedoch gar nicht lange, bis meine Eltern davon erfuhren. Mein Papa rief umgehend eine Familienkonferenz ein und zu dritt beratschlagten wir, was mir helfen würde, mich wohler zu fühlen.
„Wenn ihr es erlaubt, hätte ich gern ein Haustier“, sagte ich. „Dem ist es egal, was ich für Klamotten anhabe oder ob ich mich bemühe, gute Schulnoten zu bekommen.“
„Eine gute Idee“, meinte Papa. „Hast du an ein bestimmtes Tier gedacht?“
„Ich hätte auch gern ein Haustier“, meldete sich Mama zu Wort. „Was haltet ihr davon, wenn wir ein vierbeiniges Familienmitglied aufnehmen, das uns bei der Fitness unterstützt, mit uns kuschelt und zusätzlich noch unser Haus bewacht?“
Ich bekam große Augen und konnte es kaum fassen. Eigentlich hatte ich mir wenigstens ein Kätzchen, Häschen oder Meerschweinchen erhofft, denn bisher durfte ich kein Tier haben, weil es sich in der kleinen Stadtwohnung nicht wohlgefühlt hätte. Mein Herz klopfte wie wild vor Freude. „Mama, meinst du einen Hund? Das wäre so toll.“
In Gedanken sah ich mich schon im Garten mit einem Welpen spielen.
Papa stand auf und ging in sein Arbeitszimmer.
Als er kurz darauf zurückkam, legte er ein paar Bücher auf den Tisch.
„Eigentlich wollte ich mit meinem Weihnachtswunsch noch etwas warten“, sagte er grinsend. „Aber wenn nun schon mal die Sprache darauf kam, dann schaut mal hier.“
Wir blätterten in dem Buch mit den Hunderassen und wurden uns schnell einig. Ein kleiner Wuschel sollte es werden. Papa startete unterdessen den Computer und suchte nach Züchtern. Als er den Bildschirm zu uns drehte, staunten wir nicht schlecht.
„Du musst gleich wieder übertreiben“, sagte Mama lachend. „Wir hatten uns auf einen kleinen wuscheligen Hund geeinigt.“
„Ach“, sagte Papa und winkte ab, „der hier ist am Anfang auch ganz klein.“
Wir schrieben eine e-Mail an den Züchter und warteten ungeduldig auf die Antwort. In der Zwischenzeit besorgten wir Körbchen, Leine, Halsband und Futternäpfe, eben alles, was ein Welpe so braucht. Papas Wunsch stimmten wir ohne zu zögern zu und kauften deshalb gleich alles eine Nummer größer.
Nach ein paar Tagen zog Toby, ein Bernersennenhund, bei uns ein. Seinen Namen hat Mama ausgesucht. Als sie ihn sah, rief sie spontan: „Der sieht ja so zerzauselt aus, als hätte er gerade getobt.“

Am darauffolgenden Samstag machten wir einen Familienausflug zum Hundeplatz, um am Welpenspiel teilzunehmen. Nachdem die Ausbildung bereits begonnen hatte, kamen zwei Cavalier-King-Charles-Welpen dazu. Da ich meine Aufmerksamkeit auf die süßen Welpen gelenkt hatte, bemerkte ich gar nicht, dass die Zwillinge Marlon und Maja aus meiner Klasse das dazugehörige Herrchen bzw. Frauchen waren. Sie beäugten mich misstrauisch und ich versuchte sie zu ignorieren und konzentrierte mich auf Toby. Die Trainerin gab uns Hinweise zur Erziehung und wie wir uns verhalten sollen, wenn wir unterwegs auf andere Hunde treffen.
Danach begann die Spielzeit. Alle Welpen stürmten los. Die Cavaliere schienen an Toby einen Narren gefressen zu haben, denn sie wichen nicht von seiner Seite. Den Zwillingen war das gar nicht recht. Sie riefen ständig nach ihren Hunden und versuchten sogar, sie mit Gewalt von Toby wegzuzerren.
„Susi und Strolch, kommt!“, rief Maja und Marlon ergänzte: „Mit dem Köter spielt ihr nicht!“
Toby konnte das nicht verstehen, hopste hinter ihnen her und versuchte durch lautes Bellen seine beiden neuen Freunde zum Spiel aufzufordern.
„Verschwinde!“, sagte Marlon grob zu Toby.
Als die Trainerin das mitbekam, forderte sie ihn auf, dies nicht zu tun, denn die Hunde sollen sich kennenlernen und gute Freunde werden.

Mehrmals täglich ging ich mit Toby spazieren. Er war ja so süß und brachte mich immer wieder zum Lachen. Jeder Grashalm schien für ihn interessant zu sein, denn er schnüffelte ausgiebig daran. Am Feldweg leinte ich ihn ab und warf ein Stöckchen. Unbeholfen tapste er hinterher. Die ersten Schneeflocken sorgten für Erstaunen und auch die zugefrorenen Wasserlachen am Feldrand erweckten seine Neugier.
Auf einmal kamen Marlon und Maja schnurstracks auf uns zu und stutzten, als sie mich erkannten. Noch bevor sie jedoch die Richtung wechseln konnten, bemerkten Susi und Strolch Toby, und es gab für sie kein Halten mehr. Sie rissen sich los und stürmten auf uns zu. Ich bückte mich zu den Winzlingen und knuddelte sie durch.
Unterdessen waren auch Marlon und Maja angekommen.
„Hallo“, begrüßte ich sie freundlich.
Bevor sie etwas erwidern konnten, sprang Toby unbeholfen über Strolch und landete mitten in einer riesigen Pfütze. Die dünne Eisschicht brach und das Wasser darunter platschte in alle Richtungen. Ich musste herzhaft lachen und die Zwillinge stimmten sogar ein. Toby schüttelte sich kurz und schon ging das rasante Spiel weiter.
Marlon lockte sein Hündchen: „Strolch, komm zu mir“, und zeigte ihm sogar einen Hundekeks.
Strolch hopste gerade um Toby herum und dachte gar nicht daran, auf sein Herrchen zu hören. Als Toby das Leckerli sah, bekam er große Augen, sprintete auf Marlon zu und schnappte sich den Leckerbissen. Danach setzte er sich artig hin, als wollte er sich bedanken.
„Toby, gib Pfötchen“, sagte ich.
Gehorsam streckte er diese Marlon entgegen.
„Oh, cool“, entfuhr es ihm. „Kann der noch mehr?“
„Klar“, sagte ich. „Schau her.“ Ich schnipste mit dem Finger, sodass Toby auf mich aufmerksam wurde und gab ihm das Kommando: „Toby, mach Baby.“
Daraufhin schmiss er sich auf den Rücken und strampelte mit allen vier Pfoten in der Luft.
„Das ist ja klasse“, sagte Marlon begeistert. „Kannst du sowas Strolch auch beibringen?“
„Ich kann dir ein Buch über Hundeerziehung borgen“, bot ich ihm an.
„Nee, ich lese nicht gern“, sagte Marlon.
Auf einmal sagte Maja zu mir: „Es tut mir leid, dass ich dich in der Schule so blöd angemacht habe. Du kannst dich gern neben mich setzen.“
Als Marlon das hörte, rief er höhnisch: „Du willst doch bloß von der abschreiben.“
„Nein“, erwiderte Maja, „abschreiben will ich nicht von dir. Wenn du mir bei den Hausaufgaben hilfst, das würde schon reichen.“ Und zu ihrem Bruder gewandt, ergänzte sie: „Marlon würde das auch gut tun. Er ist nämlich versetzungsgefährdet.“
„Okay, das mache ich“, versprach ich, „und unsere Welpen können wir ja gemeinsam erziehen und ihnen Kunststücke beibringen.“
Marlon nickte begeistert und fragte mir gleich ein Loch in den Bauch, was er tun muss, damit Strolch besser auf ihn hört.
Maja schaute auf ihre Uhr. „Oh, wir müssen jetzt gehen. Meine Oma ist da. Wir wollen Plätzchen backen und anschließend noch für unser familiäres Weihnachtskonzert üben.“
Ich sah erstaunt auf. „Ihr habt es gut. Ich sehe meine Großeltern kaum.“
„Dann komm doch mit“, bot Marlon mir an. „Unsere Oma ist total cool und freut sich über jede Hilfe. Und ich würde in der Zwischenzeit gut auf Toby aufpassen, versprochen.“
„Ich weiß nicht … ich kann doch nicht einfach …“, sagte ich zweifelnd.
Maja nickte. „Doch, du kannst.“ Sie stupste mich an und lächelte. „Und morgen können wir zusammen zum Weihnachtsmarkt gehen, wenn du möchtest.“
„Gerne“, antwortete ich und war sehr erleichtert, dass die beiden endlich freundlich zu mir waren. „Danke.“
„Wir werden in der Schule jetzt auch nett zu dir sein“, sagte Marlon. „Dann werden dich auch die anderen akzeptieren.“
„Das wäre toll.“
Ich freute mich nun auch auf Weihnachten und ein bisschen auf die Schule.

©Heidi Dahlsen


Kurzvita: Heidi Dahlsen ist verheiratet, hat zwei Kinder und eine Enkelin. Sie schreibt nicht einfach nur Bücher, sondern füllt diese mit Lebensgeschichten. Für sie ist das Schreiben eine Form des Verarbeitens ihrer Erlebnisse. Sie möchte aufwecken und wachrütteln, die Menschen sensibilisieren und mit Vorurteilen gegenüber psychischen Erkrankungen aufräumen. Sie wünscht sich, dass von diesen Krankheiten betroffene Menschen von der Gesellschaft toleriert, akzeptiert und vor allem in die Gesellschaft integriert werden. Bei allen in ihre Bücher gepackten Emotionen, Informationen und Abrechnungen gelingt es ihr noch, den Leser zu unterhalten.
Homepage: www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com
Autoren-Website: www.autorin-heidi-dahlsen.jimdo.com