Montag, 24. Dezember 2012

Wochenend-Ausflug von Annette Paul




Seit Wochen trafen täglich Aufträge in der Weihnachtswerkstatt ein. Der Weihnachtsmann kam nicht mehr zur Ruhe. Jeder wollte etwas von ihm wissen. Selbst in der Kantine wurde er ständig angesprochen. Er fand kaum Zeit zum Essen und sah immer blasser aus. Von Tag zu Tag wurde er grantiger.
Deshalb beschloss der Rat der Engel, ihn zur Erholung in ein freies Wochenende zum Skifahren zu schicken, sozusagen als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.
Aber der Weihnachtsmann wollte nicht weg. „Es gibt viel zu viel zu tun. Ich kann doch nicht einfach verschwinden.“
„Wenn du krank wirst, wird es schlimmer, also musst du dich erholen. Außerdem ist es unser Weihnachtsgeschenk“, sagte Engelchen.
„Weihnachtsgeschenk? Pah, ich bringe die Geschenke.“
Ohne auf seinen Protest zu achten, eilten zwei Engel fort und packten seinen Koffer, zwei weitere spannten die Rentiere an. Mit vier Mann schleppten sie den widerstrebenden Weihnachtsmann zum Schlitten. Damit er schon während der Fahrt ausruhen konnten, statt aufzupassen und zu kutschieren, flog ein Engel voran und führte die Tiere, während der Weihnachtsmann in Ruhe eingekuschelt in warme Decken die Fahrt genießen konnte. Ein zweiter Engel schenkte ihm inzwischen aus der Thermoskanne heißen Kräutertee in eine Tasse.
Die Berghütte war mollig war, da eine Vorhut, Vorräte vorbeigebracht und schon eingeheizt hatte. Engelchen stand in der Küche und kochte mit dem Kochbuch in der Hand. „Ich lerne es gerade.“
Der Weihnachtsmann wirkte geschockt, enthielt sich aber eines Kommentars.
Abends trank er heiße Schokolade, las seinen dicken Schmöker durch und öffnete die Ofenklappe, um ab und zu dem Spiel der Flammen zuschauen zu können.
Morgens gab es ein englisches Frühstück mit Spiegelei, Speck, Würstchen, Tomaten, Toast, Orangensaft und Tee. Anschließend zogen zwei Engel den Weihnachtsmann wie ein Schlepplift auf den Hügel. Er fuhr immer wieder hinunter und freute sich wie ein kleines Kind. Am Abend genoss er sein Steak mit Bratkartoffeln und Salat, diesmal hatte ein erfahrener älterer Engel gekocht. Ein Bote hatte extra ein neues Buch von daheim besorgt.
„Chef, du solltest schlafen gehen, schließlich willst du dich erholen“, mahnte das kleine Engelchen. Doch der Weihnachtsmann schickte es stattdessen ins Bett. Er selbst blieb, bis er das Buch durchgeschmökert hatte.
Weil es am Tag vorher so gut geklappt hatte, nahm er nicht mehr den Anfängerhügel, sondern die Abfahrt für Fortgeschrittene. Juchzend fuhr er hinunter, sprang über unebene Stellen und genoss die Geschwindigkeit.
Mit Mühe mussten die beiden Engel ihn wieder hochziehen. Ihre hellen Hemdchen färbten sich dunkel vom Schweiß.
„Weiter hoch, ich will die lange Abfahrt nehmen“, sagte er, als sie ihn absetzen wollten.
„Aber das ist die Abfahrt für Profis“, wandte einer ein.
Doch das ließ er nicht gelten. Die Beiden mussten ihn bis zum Gipfel schleppen.
Das obere Drittel nahm er elegant, doch dann fuhr er auf ein von Neuschnee verdecktes Eisbrett und rutschte, dabei kam er auf die Kante. Jetzt zog es ihm die Beine weg, er stürzte, schlug mit Kopf und Schultern auf, überschlug sich, schlitterte weiter, bis er schließlich von einem Baum gebremst wurde.
Die Engel umflatterten ihn besorgt. Aber er lag besinnungslos da, das rechte Bein verdreht, der Kopf blutete. Ein Engel holte den zerbrochenen Ski und schiente damit sein Bein, während der andere sein Hemdchen zerriss und damit seinen Kopf verband.
Dann hoben beide ihn hoch und versuchten zu fliegen, doch sie verloren schon bald Höhe. Obwohl sie weiterkämpften, gerieten sie ins Trudeln und stürzten hinunter. Dadurch setzten sie ihn unsanft ab.
Nachdem sie sich aufgerafft hatten, musterten sie besorgt den Abhang. „Viel zu steil für den Schlitten“, meinte der eine, deshalb flog er los und holte Hilfe. Mit drei weiteren Engeln kam er zurück. Zu fünft trugen und zerrten sie den Weihnachtsmann den Hang hinunter, zum Fliegen war er einfach zu schwer.
Unten wartete schon das kleine Engelchen mit dem Rentierschlitten.
„Ins Krankenhaus?“, fragte es.
„Zum Chef. Vielleicht kann er mal wieder ein Wunder vollbringen“, schlug der älteste Engel vor.