Sonntag, 2. Dezember 2012

Mit dem Rad unterwegs von Annette Paul



Mit dem Rad unterwegs

aus: Der Weihnachtsmann hat noch mehr Stress

 Der Weihnachtsmann klopfte an der Tür zum Chefzimmer an und betrat es, als „Herein“ gerufen wurde.
 „Du wolltest mich sprechen?“ Er richtete sich auf und trat an den Schreibtisch, auf dem eine Straßenkarte von Brandenburg lag.
 „Ich habe mir gerade deine Routen angesehen. Da muss eine Änderung gemacht werden“, sagte der Chef.
 Der Weihnachtsmann zuckte zusammen. „Und welche?“
 „Diese Dörfer und Städte in der Uckermark willst du wieder mit dem Laster anfahren.“ Der Chef zeigte mit dem Finger auf ein paar kleine Ortschaften auf der Landkarte.
 „Ja, die Rentiere schaffen nicht mehr alles und die Tour ist zwar landschaftlich reizend, aber die Orte liegen so weit auseinander, dass es unpraktisch ist, den Schlitten zu nehmen. Ich muss rational denken.“
 „Es gibt dort einen Weihnachtsmann-Radweg.“
 „Ja, und?“
 „Wir müssen dieser strukturschwachen Gegend helfen.“
 „Dann fahre ich eben mit dem Schlitten“, stöhnte der Weihnachtsmann. Er hatte es nicht gern, wenn man seine Planung änderte.
 „Du nimmst für Himmelpfort und Umgebung das Fahrrad.“
 „Nein,  bitte nicht. Meinetwegen den Schlitten.“ Der Weihnachtsmann erbleichte.
 „Erstens gibt es sowieso seit Jahren keinen Schnee mehr an Heiligabend. Zweitens freuen sich die Anwohner, wenn du mit dem Fahrrad kommst. Drittens müssen wir diese strukturschwache Region unterstützen. Und wenn weder der Bundespräsident noch der Bundeskanzler für die Werbung in die Pedale tritt, dann machen wir es.“
 „Doch nicht mit den vielen Geschenken auf dem Fahrrad!“
 „Früher hast du mit Knecht Ruprecht sogar alles zusammen zu Fuß gemacht.“
 „Ja, aber ...“
 „Keine Widerworte, das ist eine Anweisung!“
 Der Weihnachtsmann nickte kleinlaut und schlich mit gesenktem Haupt davon.

 Heiligabend lag tatsächlich kein Schnee, als der Weihnachtsmann, begleitet von ein paar Engelchen, die ihn manchmal bergan schoben, den Weihnachtsmann-Radweg fuhr. Auf einem Anhänger stapelten sich die Geschenke.
 An einer besonders malerischen Stelle standen Fotografen und Reporter und nahmen ihn auf. Dabei lief ihm der Schweiß in Strömen von der Stirn in den Bart und tropfte dann auf seine Brust. Ein Engelchen, das noch schnell versuchte, ihn mit etwas Puder fotogener zu machen, schob er verärgert zur Seite.
 Einige Reporter liefen mit Mikrofonen neben ihm her und interviewten ihn.
 „Ich muss doch unbedingt diesen malerischen, nach mir benannten Wanderweg ausprobieren“, keuchte er.
 In Himmelpfort standen die Menschen auf der Straße und begrüßten ihn unter Hochrufen und mit Applaus. Doch er musste erst einmal in der Weihnachtsstube eine kleine Pause machen, sich abtrocknen und eine Flasche Wasser trinken, bevor er seine Arbeit fortsetzen konnte.


© Annette Paul

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