Dienstag, 18. Dezember 2012

Ratte Prinz im Weihnachtsbaum von Annette Paul



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Rapunzel, Rosenrot und Schneeweißchen bleiben im Flur, befestigen die Kerzen und schmücken ihn mit selbst gebastelten Strohsternen, Christbaumkugeln und Girlanden aus Goldfolie.
Cäsar deckt mit Nachtigall den großen Tisch in der Küche für das Abendessen. Heute gibt es nur belegte Brote zu Mittag, da keiner Zeit zum Kochen hat. Die Kinder müssen noch die Geschenke einpacken. Kurz vor vier Uhr schickt Nachtigall sie zum Umziehen. Die Gelegenheit nutze ich, meine Arie zu proben. Ich klettere an der Stofftapete hoch auf das Klavier, stelle mich in Positur und schmettere los. Toll, hier klingt es viel besser als im Kinderzimmer.
Danach sind die andern immer noch nicht fertig. Wie unpraktisch so eine nackte Haut ist. Als Ratte brauche ich mich nur ab und zu lecken, dann sehe ich wieder gut aus und bin mit meinem Fell elegant gekleidet. Also laufe ich in den Flur und schaue mir den Weihnachtsbaum in Ruhe an. Zwischen den Kugeln, den Kerzen und den Sternen, entdecke ich sogar Schokoladenkringel! Lecker riechen die. Mir läuft das Wasser im Mäulchen zusammen. Auch der Baum duftet so schön nach Wald. Ich klettere von Ast zu Ast. Dabei muss ich mich überhaupt nicht anstrengen, weil er so viele hat. Außerdem betrachte ich es als mein Fitnessprogramm.
Von oben kann ich nicht nur die Diele, sondern auch die Küche und das Wohnzimmer gut überblicken. Ich springe im Baum hin und her. Dabei klingen die Kugeln hell. Schließlich hänge ich mich an einen Zweig und schaukle. Es macht Spaß. Auf und ab und auf und ab. Klirr. Eine Kugel war nicht richtig befestigt. Eigne Schuld, warum hat sie nicht besser auf sich aufgepasst?
„Prinz!“ Rosenrot steht im Kleid vor mir und faucht mich wütend an. „Du hattest versprochen, den Baum in Ruhe zu lassen.“
„Damit das Haus nicht abbrennt. Aber momentan brennen die Kerzen doch gar nicht.“
„Du kommst da sofort runter.“ Sie klingt sehr bestimmt. Hoffentlich petzt sie nicht. Immerhin holt sie Besen und Schaufel und kehrt die Scherben zusammen.
„Pass auf, dass du dich nicht schneidest. Obwohl du es verdient hättest.“
Ich sehe mir die zerbrochene Kugel an. Die Haut ist ganz dünn. „Glas“, erklärt Rosenrot und bringt die Trümmer in den Müll.
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© Annette Paul

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