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Freitag, 15. Dezember 2017

Weihnachten auf der kurischen Nehrung von Monique Lhoir




Foto von Monique Lhoir
1930
Es hatte seit ein paar Tagen geschneit. Das kurische Haff war zugefroren. Die Fischer des Dorfes Süderspitze waren vor Sonnenaufgang mit Pferden, Schlitten und Eisseglern zur Eisfischerei aufgebrochen. Zu ihrer Ausrüstung gehörten eine Eisaxt mit einem extralangen Schaft, eine Schöpfkelle, um Eisstücke aus der Öffnung zu entfernen, und Stellnetze. Ferner eine Holzstange, um die Netze unter das Eis zu schieben, und ein langes Holzbrett. Zwei Holzschlegel, ein Hocker, ein großes Windsegel, das die Fischer vor dem eisigen Wind schützen sollte, befanden sich ebenfalls im Gepäck. Natürlich ausreichend Proviant, denn sie blieben den ganzen Tag bis spät am Abend draußen. Die Verpflegung bestand aus kräftigen Wurstbroten, fettem Speck, geräuchertem Fisch und hochprozentigem Kurenkaffee. Sie waren in ihren alten, speckigen Jacken gut eingepackt. Die dicken Filzstiefel sollten die Füße vor dem Erfrieren bewahren.
Die fünfjährige Helga stand am Ufer und schaute hinter ihnen her. Sie durfte nicht mit. Auch ihr inzwischen zehnjähriger Bruder Alfred nicht. Mutter Anna verbot es, obwohl manch ein Junge bereits mit seinem Vater hinausfuhr. Doch einige Kinder waren schon im Haff ertrunken.
Helga zog das Wolltuch fester um ihre Schultern. Es war feucht und kalt. Die Fischer konnte sie längst nicht mehr erkennen. Der Horizont war kaum wahrnehmbar. Schnee und Himmel gingen bei aufgehender Sonne ineinander über. Helga wusste von Erzählungen, was die Männer draußen taten. Auf einer Fläche von ungefähr achtzig mal achtzig Zentimetern musste das Eis weichen. Dazu benutzten die Fischer die Eisaxt und hoben die Eisstücke mit ihren Händen aus dem eisigen Wasser. Eine harte Arbeit. Danach wurde erst einmal ein kräftiger Schluck aus dem Haff getrunken, zusammen mit dem Kurenkaffee. Helgas Mutter mochte es nicht, wenn die Männer betrunken nach Hause kamen.
Das Fischen konnte beginnen. Dazu wurde ein Netz am Ende der Holzstange befestigt und durch die Eisöffnung unter das Eis geschoben, die andere Hälfte in die entgegengesetzte Richtung. Zu guter Letzt wurde das Holzbrett ins Eisloch verbracht. Dann begann das Klappern. Ein Fischer stellte den primitiven Hocker vor das Brett, nahm die beiden Holzschlegel und schlug kräftig auf das Ende des Brettes: Tick-tock-tock, tick-tock-tock, tick-tock-tock. Helga hörte die Geräusche am Ufer. Die Fische sollten auf diese Weise aus ihrem Winterschlaf aufgeweckt werden und in die Netze gehen. Das monotone Holzgeklapper klingt wie Musik von Eingeborenen aus Afrika und tönte ebenfalls von verschiedenen Stellen herüber, ohne dass Helga die Fischer sah. Das Sonnenlicht glänzte auf der gleißenden Fläche und trieb ihr Tränen in die Augen.
Vielleicht hätten die Fischer, wie es ihr Bruder Alfred tat, ein Loch in die Eisfläche bohren und die kleine Eisangel nehmen sollen. Damit bekam er viele Stinte zu fassen und musste nicht die Eisdecke aufbrechen.
Helga raffte ihren langen Rock und lief ins Dorf zurück. Anna stand am Herd und blickte sich um, als ihre Tochter die Hütte betrat. „Was machst du bei der Kälte am Haff?“, fragte sie. „Hilf mir lieber in der Küche.“ Anna hatte einen Topf mit Wasser über den Ofen gehangen. Die Mutter hoffte, dass die Männer am Abend Fisch brachten, um zu Weihnachten eine frische Fischsuppe kochen zu können. Sonst würde es geräucherten Stint geben. Helga war aufgeregt. Sie wünschte sich für ihre Stoffpuppe ein neues Kleid. Oder gar für sie selbst? Eines, wie es die erwachsenen Mädchen trugen, mit Stickerei und einer mit Spitzen besetzten Schürze.
Anna knetete den Teig für das Brot. Helga schnappte ein paar Krümel auf und steckte sie in den Mund. „Nicht naschen.“ Die Mutter schlug ihrer Tochter scherzhaft auf die Hand. „Geh in die Schlafstube und schaffe Ordnung“, sagte sie. „Der Weihnachtsmann wird uns bestimmt nicht besuchen, wenn er sieht, dass die Räume schmutzig sind.“
Helga schlenderte in die kleine Stube, die ihrem Bruder und ihr im Winter als Schlafkammer diente. Im Sommer vermietete Anna diese an Sommerfrischler aus der Stadt. Das brachte zusätzliches Geld. Das winzige Fenster war zugefroren. Helga betrachtete die Eisblumen. Plötzlich tat sich ein Loch auf, die bizarren Kristalle verschwanden. Helga schlich näher heran und lugte hindurch. Riesige Augen blickten sie von der anderen Seite an, ein undeutliches Schnauben war zu hören. Ein Elch.
„Willst du rein?“, wisperte Helga. „Es ist kalt da draußen, nicht wahr? Aber unsere Hütte ist für dich viel zu klein.“ Sie griff nach ihrem wollenen Tuch und lief hinaus.
„Wo rennst du jetzt schon wieder hin?“, rief Anna hinter ihr her, doch Helga hatte bereits die Hüttentür zugedrückt.
Einige Meter von ihr entfernt – da standen sie. Zwei Elche. Sie waren wohl von der Palve gekommen. Helga blieb stehen. Sie hatte Hochachtung vor den gewaltigen Tieren, aber keine Angst. Oft hielten sie sich in der Umgebung des Dorfes und am Sandstrand auf.
Einen Augenblick verharrten die Tiere, sahen Helga an und nickten ihr wissend zu. Dann wandten sie sich um und gingen quer über den Fußweg in die Dünen hinein. Ein weiteres Mal drehten sie sich zu dem Mädchen um, bevor sie im Wald verschwanden. Die Elche wussten, wem dieses karge Paradies gehörte. Sie waren die Könige in ihrem wunderschönen Reich.

Helga lief zurück. Inzwischen war es stockfinster. Vor der Hütte hatten sich ein paar Frauen versammelt, um gemeinsam am Strand die Rückkehr der Männer abzuwarten. Sie hofften auf frischen Fisch. Helga schloss sich ihnen an. Der Wind war stärker geworden und blies ihnen eisigen Schnee ins Gesicht. In der Ferne konnten sie die ersten Eisschlitten erkennen, da die Fischer Fackeln angezündet hatten. Die Freude war groß. Die Männer hatten ausreichend Fisch gefangen, um daraus ein Weihnachtsmenü zu zaubern. Und es blieb noch reichlich davon übrig, der geräuchert werden konnte und für einige Tage zum Essen reichte.
Die Frauen bereiteten in Annas Küche aus acht verschiedenen Fischsorten eine Suppe zu – eine Spezialität auf der kurischen Nehrung. Die Männer saßen zusammen, tranken nun mit Honig gesüßten Kurenkaffee. Nach alter Tradition wurden Weihnachtslieder gesungen.
Helga jauchzte. Sie bekam ein neues Kleid mit einer Spitzenschürze als auch ihre Stoffpuppe. Sie fühlte sich wie ein großes Mädchen. Müde schlief sie, den Kopf im Schoss von Anna, am warmen Steinofen ein und wachte erst am nächsten Morgen zum Kirchgang wieder auf.

Winter 1944/45, kurz vor Weihnachten
„Beeil dich!“, rief Anna. „Wir müssen los.“ Auf der Strandstraße standen die vollbeladenen Schlitten bereit, die im Winter den Fischern auf dem zugefrorenen Haff zum Fischfang dienten. Das melodische Tick-tock-tock, tick-tock-tock, tick-tock-tock auf der Eisfläche war für immer verklungen. Nur wenige Familien besaßen Pferd und Wagen. Die Einwohner des Dorfes Süderspitze hatten die Aufforderung erhalten, sofort ihre Hütten zu räumen, da die Rote Armee weit vorgerückt war. Die zwanzigjährige Helga hatte seit längerem das Donnern der Kanonen in der Ferne gehört, allerdings dem keine Bedeutung beigemessen. Nun mussten sie ihre Heimat verlassen. Ihr Bruder Alfred war eingezogen worden – niemand wusste, ob er noch lebte.
Helga stand vor den Dünen. Sie hatte zwei Elche gesichtet. Ob es die gleichen von damals waren, die sie öfters antraf? Sie schienen ihr – wie damals – wissend zuzunicken. Dann drehten sie sich um und verschwanden im Wald. Sie würden in ihrem Revier bleiben, sie waren die Könige in diesem Reich.
Helga warf einen letzten Blick auf die Hütte – ihr Zuhause -, dann lief sie rasch hinter dem Treck her, um nicht den Anschluss zu verlieren. Sie wollten über die kurische Nehrung in Richtung Tilsit und Königsberg flüchten. Eine gefährliche Reise mit unbestimmten Ausgang.

Kurischer Kaffee
Die Fischer mussten sich aufwärmen. Das Mischungsverhältnis ist beliebig.
Warmes Bier
klarer Schnaps, nicht unter 40 % - besser 50 %
Kaffee

© Monique Lhoir


Monique Lhoir



Sie schreibt seit dem Jahr 2000 Kurzgeschichten und Romane und verfügt über diverse Veröffentlichungen. Ihre Liebe gilt Norddeutschland, hier insbesondere den nordfriesischen Inseln. Hierüber hat sie einen 6teiligen historischen Roman „Arjan von Föra“ geschrieben. Im Augenblick leitet sie – neben einem eigenen neuen Romanprojekt - Schreibgruppen und erarbeitet mit den Teilnehmern Kurzgeschichten bis hin zur Veröffentlichungsreife.

Samstag, 24. Dezember 2016

Sandbank von Monique Lhoir





Der eisige Wind blies vom Norden. Jan zog die Mütze tiefer in die Stirn und stülpte die Kapuze des Anoraks darüber. Seine Augen tränten. Er hatte Schwierigkeiten, den Weg zu erkennen. Ständig wischte er sich mit den Fäustlingen über die Augen. Die Ebbe setzte gerade ein. Obwohl die Uhr nicht einmal Mittag anzeigte, wollte der Tag nicht hell werden. Jan erschien es so, als ob der Abend bereits hereinbrach. Heiligabend.
Jan strebte die Sandbank vor dem Südstrand der Insel Föhr an. Hier kannte er sich gut aus. Jahrelang war er mit seinem Kutter durch das Fahrwasser der Nordsee geschippert, um Krabben zu fangen. Jetzt war Jan zu alt, sein Boot klapprig und nicht mehr zeitgemäß. Unrentabel.
Im Schlick wurden Jans Beine schwer. Ab und zu knickte er in den Prielen um, bis er endlich die Sandbank erreichte. Mit klammen Fingern faltete er den Klappstuhl auseinander, den er über eine Schulter trug, stellte ihn so auf, dass er einen sicheren Halt bekam. Anschließend holte er aus seinem Rucksack einen kleinen, künstlichen Weihnachtsbaum, platzierte ihn vor sich und betätigte den Knipsschalter. Er leuchtete in allen bunten Farben. Jan grinste, weil er fand, dass es ziemlich kitschig aussah. Er setzte sich umständlich in den Stuhl, zog einen Flachmann aus dem Rucksack und nahm einen ordentlichen Schluck. Das war gut, das wärmte.
Jan schaute über das Meer. Er liebte die Weite Nordfrieslands. Hier schien alles so, als ob man bis ans Ende der Welt sah. Nichts störte, kein Hochhaus, kein Baum - einfach nichts. Hier spürte man den Wind, roch das Salz der Nordsee. Hier bekam man einen klaren Kopf und konnte in Ruhe nachdenken.
Jan musste nachdenken. Er besaß keine Familie, hatte nie geheiratet, keine Kinder gehabt. Seine Kate war alt, sein Boot marode und er selbst müde.
In seiner Küche auf dem Tisch lag ein Antrag. Er war mit der Post vom Festland gekommen. Aufnahmeantrag für ein Seniorenwohnheim. Jan nannte es Altenheim, in dem man sein Gnadenbrot erhielt. Ausrangiert, unbrauchbar – eben marode, genauso wie sein Kutter.
Als er mit dem Heim telefonierte, empfand er diese Lösung vernünftig. Gestern traf das Papier bei ihm ein. Er las es oberflächlich und war gar nicht mehr davon überzeugt. Es zeigte unausweichlich schwarz auf weiß, dass er alt und überflüssig geworden war. Jetzt musste er darüber nachdenken, ob er seine Unterschrift darunter setzen sollte. Jan nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche und starrte regungslos über die Nordsee.

„Mensch Jan, nu ward dat aber tied.“ Jan schrak hoch und blickte irritiert in das Licht einer Taschenlampe. Inzwischen war es stockfinster. Er musste wohl eingeschlafen sein. Weit und breit nichts als Wasser, das inzwischen seine Füße umspülte. Nur der kitschige Weihnachtsbaum stand etwas erhöht, sodass die Nässe den Batterieschacht nicht erreichen konnte.
„Komm ins Boot, wir müssen hier weg.“ Die Stimme gehörte Hauke. Der Junge hatte vor vielen, vielen Jahren bei ihm auf dem Kutter den Beruf des Fischers erlernt. Jetzt besaß er ein großes, modernes Schiff und verdiente damit gut. Mit einem Schlag war Jan hellwach. Die Flut stand hoch. Er hatte den Zeitpunkt des Rückwegs verschlafen. Jan wollte seinen Klappstuhl zusammenfalten.
„Lass den stehen.“ Hauke zog Jan hart am Ärmel und stieß ihn in das kleine Motorboot. Sofort startete er. Behutsam fuhr er von der Sandbank weg. Im selben Moment erloschen die Lampen des künstlichen Weihnachtsbaums.
„Noch mal Glück gehabt“, sagte Hauke und grinste. „Was hast du da draußen gemacht?“
„Musste nachdenken“, brummte Jan schuldbewusst. „Danke.“
„Dafür nicht. Ich wunderte mich vorhin, was das für eine merkwürdige Beleuchtung auf der Sandbank war. Kannst froh sein, dass ich neugierig wurde.“ Hauke lenkte das Boot vorsichtig an den kleinen Privatsteg, sprang hinaus und befestigte das Seil am Poller. Anschließend reichte er Jan die Hand. „Kannst bei uns essen“, sagte er. „Imke hat den Braten bestimmt schon auf dem Tisch.“
„Will nicht stören.“ Jan schlurfte müde den Steg entlang.
„Wo willst du dann hin?“
„Nach Hause.“
„Fährt kein Bus nach Niblum, ist Heiligabend“, meinte Hauke.
„Ich laufe.“
Hauke schüttelte den Kopf, rannte hinter Jan her, packte ihn am Ärmel und zwang ihn so zum Stehenbleiben. „Störrischer alter Esel“, meinte er. „Ich krieg die ganzen Feiertage Ärger mit Imke, wenn ich dich jetzt gehen lasse. Also rein mit dir in die warme Stube.“
Mit hängen Schultern blieb Jan stehen. „Meinst du wirklich?“, fragte Jan.
„Hätte ich dich sonst eingeladen?“ Hauke zog Jan den kleinen Weg zu seinem Haus hinauf. „Zieh die nassen Stiefel aus“, flüsterte er vor der Stubentür. „Imke hat geputzt.“
„Jan? Bist du da?“, rief Imke aus der Küche. „Wird langsam Zeit, sonst bekommt die Gans Beine.“
„Oh ha“, meinte Jan, „klingt nicht gerade freundlich.“ Unwillkürlich zog er den Kopf ein. „Ich bring einen Gast mit!“, rief er. Er öffnete die Tür zur guten Stube.
„Heute?“ Imke steckte den Kopf durch die Tür. „Oh Jan!“, rief sie nun freundlicher. „Das ist nett, uns gerade am Heiligabend zu besuchen. Nehmt Platz. Die Gans ist fertig.“
Umständlich setzte sich Jan hin. „Sind eure Kinder nicht da?“, fragte er, als Imke einen weiteren Teller und Besteck vor ihm hinstellte.
„Sören und seine Frau verbringen die Weihnachtstage bei den Schwiegereltern in München“, gab Imke bereitwillig Auskunft. „Und Antje ist in New York geblieben. Der Flug ist für eine Studentin einfach zu teuer.“
„Ja, so ist das“, murmelte Jan.
„Nun erzähl mal, was du in der Dunkelheit auf der Sandbank wolltest“, fragte Imke nach dem Essen und schüttete allen einen Köm ein.
Jan druckste herum, dann berichtete er über das Formular vom Seniorenwohnheim.
„Deshalb wolltest du dich ertränken?“ Imke füllte erneut die Gläser.
„Ertränken!“, sagte Jan empört. „Ich bin eingeschlafen“, fügte er kleinlaut hinzu.
„Was willst du überhaupt in einem Seniorenwohnheim auf dem Festland?“ Imke kicherte inzwischen beschwipst. „Alten Damen belustigen?“
„Imke!“ Hauke zog missbilligend die Augenbrauen zusammen.
„Tschuldigung.“ Sie sah beschämt auf den Tisch und schob nachdenklich ein paar Krümel zusammen. „Mir kommt eine Idee.“ Sie schaute von einem zum anderen. „Was hältst du davon, mit mir gemeinsam Touristenführungen zu machen?“ Dabei fixierte sie Jan.
„Welche Touristenführungen?“, wollten Hauke und Jan gleichzeitig wissen.
„Ach, habe ich dir nicht davon erzählt?“ Jetzt blickte Imke Hauke trotzig an. „Das kommt davon, weil du ständig auf deinem Kahn mit Krabben beschäftigt bist, statt dich um mich zu kümmern.“
„Was ist mit den Touristen?“, wollte Hauke noch einmal wissen.
„Nun“, begann Imke langsam, „da die Kinder aus dem Haus sind und ich ständig allein bin, habe ich mit dem Touristenbüro vereinbart, in der Saison Stadtführungen in Wyk und Niblum zu machen. Ich kenne mich hier gut aus, bin hier geboren, duze mich mit jedem Grashalm. Das bringt zwar nicht viel Geld, aber ich komme unter Leute und kann über meine geliebte Insel berichten.“
„Bringe ich nicht mehr genug Geld nach Hause?“, fragte Hauke argwöhnisch.
„Geld ist nicht alles“, erklärte Imke ernst. „Ich will noch etwas anderes tun, als das Haus zu bewirtschaften, Kuchen zu backen und auf dich zu warten. Ich brauche eine sinnvolle Beschäftigung. Ich möchte einfach nützlich sein.“
„Du bist nützlich.“ Hauke wollte mit der Faust auf den Tisch zu hauen.
„Lass“, mischte sich Jan ein. „Ich kann deine Frau verstehen.“ Er wandte sich an Imke. „Deshalb war ich auf der Sandbank. Ich musste nachdenken. Ich kam mir mit einem Mal sehr überflüssig vor.“
Imkes Augen wurden feucht. Verschämt wischte sie die Augenwinkel trocken.
„Ich wusste nicht, was du fühlst“, sagte Hauke leise und griff nach ihrer Hand. „Ich finde die Idee mit den Führungen großartig.“
„Und was soll ich dabei?“, fragte Jan.
„Du weißt über Föhr sehr viel“, erklärte Imke ernst. „Du kennst den Hafen, die Boote und den Fischfang. Du bist ein alter Insulaner. Wir könnten die Führungen gemeinsam machen. Du erzählst über die Menschen und das Leben hier, ich über Kirchen und Häuser. Wir beide wären ein unschlagbares Team.“
„Keine schlechte Idee“, meinte Jan nachdenklich. „Was mach ich mit Seniorenheim?“
„Vergessen“, erklärte Imke amüsiert. „Was willst du auf dem Festland? Alte Damen kannst du auch auf der Insel belustigen. Gleich nächste Woche sollten wir einen Plan entwerfen, was wir alles zeigen wollen…“
Hauke stand auf und ging ans Fenster. Von hier aus sah er normalerweise die Sandbank. Jetzt war es stockfinster. Im Hintergrund hörte er Imke und Jan eifrig diskutieren. Wie gut, dass der alte Jan diesen albernen Weihnachtsbaum mitgenommen hatte. Er prostete seinem Spiegelbild in der Scheibe zu: „Frohe Weihnachten. Da haben wir alle noch mal Glück gehabt.“

© Monique Lhoir


Monique Lhoir

Sie schreibt seit dem Jahr 2000 Kurzgeschichten und Romane und verfügt über diverse Veröffentlichungen. Ihre Liebe gilt Norddeutschland, hier insbesondere den nordfriesischen Inseln. Im Augenblick arbeitet sie am 6. und letzten Teil des historischen Romans „Arjan von Föra“.

Montag, 30. November 2015

Die vergessenen Kinder von Buduburam von Monique Lhoir

Foto von Monique Lhoir



Ich schlendere durch die Parfümerie Douglas, bleibe vor dem spiegelnden Regal mit den Chanel-Produkten stehen und greife gezielt nach dem kleinen Fläschchen Parfüm N°19. Siebeneinhalb Milliliter Inhalt für einhundertneunzehn Euro. Jedes Jahr in der Adventszeit kaufe ich mir einen solch winzigen Flacon. Das hat bereits Tradition, wenn wir über den Weihnachtsmarkt bummeln. Wie immer bleibt mein Mann auf der Metallbank vor dem Laden sitzen und wartet geduldig. „Da drinnen stinkt es“, sagt er. „Ich bekomme davon Kopfschmerzen.“
Als wenn ich mir die Finger verbrannt hätte stelle ich die Schachtel zurück ins Regal, gehe ein paar Schritte zur Seite und setze mich in den mit rotem Samt bezogenen Sessel. Mit zusammengekniffenen Augen betrachte ich die funkelnden Regale um mich herum. Grell, hell, gleißend - teuer.
‚Einhundertneunzehn Euro‘, sinne ich nach. ‚Davon muss sich eine Familie in Buduburam vier Monate ernähren, wenn sie diesen Betrag überhaupt verdient.‘ Ich denke an Charles, den ich auf dem Online-Sprachkursus Babbel kennenlernte. Mein Englisch und Französisch musste für die nächste Nordland-Kreuzfahrt dringend aufgebessert werden. Dänemark, Norwegen, Shetland-Inseln, Färöer, Island, Schottland, Irland - ein teures Vergnügen. Ich freute mich darauf.
Charles wollte mich „zu seinen Freunden“ hinzufügen. Ich bestätigte das. Er lernte Englisch-Deutsch. So gab er jedenfalls an. Warum sich nicht austauschen? Irgendwann schrieb er: „Ich bin siebzehn Jahre alt und Liberianer. Wegen des Bürgerkrieges in Liberia lebe ich jetzt mit meinem Dad im Flüchtlingscamp Buduburam in Ghana.“
Von Buduburam hatte ich nie gehört. Ich recherchierte. Der Bürgerkrieg in Liberia dauerte vierzehn Jahre bis zum Jahr 2003. Etwa zweihundertfünfzigtausend Liberianer kamen ums Leben, eine Million Bürger wurden vertrieben, Frauen vergewaltigt, Männer vor den Augen der Familie gedemütigt und anschließend bestialisch ermordet, sogar Kannibalismus soll es gegeben haben. Ghana richtete für die Flüchtlinge ein Lager in Buduburam ein, in dem mehr als vierzigtausend Liberianer untergebracht wurden. Nachdem das Flüchtlingshilfswerk UNHCR sich ab 2007 nicht mehr für die Flüchtlinge zuständig fühlte, beschloss auch die Regierung in Ghana im Februar 2011, das Camp in Buduburam aufzulösen. Die Bewohner sollten abgeschoben werden. Ab sofort wurde jegliche Unterstützung eingestellt, es gab keine Arbeitserlaubnis und keine Legitimation mehr. Ghana wollte die Liberianer nicht. Tausende kehrten zurück, doch zwölftausend Menschen leben heute noch in Buduburam - ohne Arbeit, ohne Perspektive, weil sie aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse nicht mehr nach Liberia zurück wollen oder bereits in Ghana geboren wurden.
Nach meinen Rückfragen schrieb Charles: „Meine Familie starb 2003 im liberianischen Bürgerkrieg. Meine Mutter, meine Geschwister, sie wurden vor meinen Augen erschossen. Ich war sechs oder sieben Jahre alt. Mein Vater konnte mit mir flüchten. Ich schloss die Schule im April 2010 ab. Seitdem bin ich immer noch zu Hause. Ich habe nichts zu tun und keine Möglichkeit, wegen des Schulgeldes eine weiterführende Schule zu besuchen oder eine Ausbildung zu machen. Wir müssen bei Regen aufstehen, da das Dach undicht ist.“
Ich war entsetzt, recherchierte und fand die DAG`s LIBERIA HILFE e.V. Charles sollte zumindest eine Hilfe für den Schulbesuch bekommen, die ich auch kostenmäßig übernehmen wollte. Das war seine einzige Chance in Ghana.
Sofort bekam ich Antwort. Lange telefonierte ich mit Daniela, die die Liberia-Hilfe leitet. Sie versprach, mit Charles Kontakt aufzunehmen.
Die Kontaktaufnahme mit Charles klappte nicht so rasch. Er schrieb, er würde die Organisation nicht finden, wobei Daniela mir versicherte, dass Charles drei Termine verstreichen ließ, ohne aufzutauchen. Letztendlich dachte ich, dass ich alles getan hätte und ein Siebzehnjähriger kein Kind mehr sei.
Ein paar Tage später erhielt ich von Charles eine E-Mail: „Hi Mom, I am sorry that I lied sometimes due to some reasons. Please forgive me. I hope you understand. The whole truth about me: I was born on October 15, 1995 so I am now 19 years old and will turn to 20 next month. I am so sorry I lied to you about my age before. Secondly I have finished the senior high level in school on May 14, 2014 which I was 18 years old by that time. Once more I am so sorry I lied to you about my education. I finished school when I was 18 years old. I really want to go to the university. I lied because I needed some money here to get food. I think you know what that means for a child to be hungry. Mom please find it in your heart to forgive me.“
Ich war enttäuscht und ärgerte mich über meine Vertrauensseligkeit. Zwar konnte ich verstehen und vergeben, aber ich war nicht bereit, sein Studium zu finanzieren. Über Daniela erfuhr ich mehr über die Zustände in Buduburam. Ich war entsetzt und fragte nach, ob ich ihr irgendwie bei ihrer schwierigen Arbeit helfen könnte. „Alles was du möchtest“, schrieb sie zurück, „du kannst mir beim Häkeln und Stricken helfen. Topflappen, Schlüsselanhänger, Toilettenpapierhüte, Socken oder einfach ein paar Sachen spenden. Schultaschen sowie Bleistiftmäppchen benötigen die Kinder, Puppen, Puppenkleidung, kleine Autos. Solche Dinge haben sie nicht.“ Ich begann, aus dicker Wolle Schultaschen und Bleistiftmäppchen zu stricken. Aber das befriedigte mich nicht. „Ist es nicht sinnvoller, ein Kind zu unterstützen?“, fragte ich nach. „Was steht akut an?“
„Wichtig sind die fünf Projekte auf meiner Homepage. Ein paar wirkliche Sorgenkinder habe ich allerdings.“

„Geht es Ihnen nicht gut?“ Ich schrecke hoch. Eine Maske in allen Regenbogenfarben beugt sich über mich, ein extremer Parfumgeruch schlägt mir entgegen.
„Alles okay“, stottere ich, „ich überlege noch.“ Ich starre die vielen kostbaren Parfumfläschchen an, die aufwendig glitzernden Verpackungen und denke an die achtjährige Pricela, die ein Stein im Ohr hat und so gut wie gar nichts mehr hören kann. Sie muss dringend operiert werden, aber die Großmutter, mit der das elternlose Mädchen zusammenlebt, hat kein Geld.
Ich denke an den fünfjährigen Kofi, dessen Lippe immer länger wird und er sie hochhalten muss, wenn er isst. Seine Mutter ist alleinerziehend. Oft reicht der magere Verdienst nicht, um Essen zu kaufen, geschweige denn ist Geld für die Operation übrig. Kofi traut sich nicht mehr raus, weil andere über ihn lachen.
Ich denke an die siebenjährige Lydia, eine gute Schülerin. Die Eltern haben kein Geld für das kleine Mädchen, die dringend eine Untersuchung im Hospital benötigt, denn manchmal fällt sie einfach um.
Ich denke an die elfjährige Vanessa. Sie musste miterleben, wie Rebellen den Vater erschossen. Die Mutter floh. Seitdem hat sie nichts mehr von ihr gehört oder gesehen. Eine Tante zog mit ihr nach Ghana und passt nun auf sie auf. Es kam noch schlimmer. Im letzten Jahr verloren beide ihre kleine Hütte, weil die Regierung das Gebiet planierte. Vanessa sucht noch heute in den Trümmern nach ihren wenigen Habseligkeiten. Sie kann nicht regelmäßig zur Schule gehen, da sie auf der Straße Obst verkaufen muss.
Ich denke an den zwölfjährigen Bright. Er liebt Fußball und ist ein sehr guter Schüler. Sein Vater ist schwer herzkrank und befindet sich in einer Buschklinik. Die Mutter musste ihre Lebensgrundlage, einen winzigen Marktstand, verkaufen, um so Geld für die Klinik zu erhalten. Finanzielle Mittel für die Schule sind nicht vorhanden. Aber Bright wäre vor Hunger sowieso zu schwach für den Schulweg. Er schläft auf einer Bast-Matte direkt auf dem nackten Betonboden der Hütte. Er hat vier jüngere Geschwister und ist die Hoffnung der Familie.

„Kann ich Ihnen helfen?“ Erneut beugt sich die Maske mit dem Parfumgeruch über mich.
„Nein danke, ich kann mich einfach nicht entscheiden.“ Hastig stehe ich auf und rase zum Ausgang. Mein Mann sitzt wartend auf der Bank. Er schaut auf meine Hand. „Hast du gar nichts gekauft?“, fragt er überrascht.
Ich verneine. „Du hast Recht“, sage ich. „Es stinkt da drinnen. Man bekommt Kopfschmerzen.“
„Möchtest du über den Weihnachtsmarkt?“, fragt mein Mann weiter.
„Ich möchte nach Hause“, erkläre ich. Im Hintergrund singt Herbert Grönemeyer: „Das Leben ist nicht fair.“ Mein Mann guckt mich erstaunt an. „Ich habe alles, was ich brauche“, erkläre ich. „Ich kaufe einen Marktstand, eine Matratze und einen Schulplatz für Bright.“
„Was kaufst du?“ Ich sehe ihm an, dass er mich nicht für normal hält.
„Das erkläre ich dir später.“
Bald ist Weihnachten. Ich empfinde einen tiefen Frieden in meinem Herzen – auch wenn ich Charles nicht geholfen habe. Aber für siebeneinhalb Milliliter Chanel N°19 kann ich einen Marktstand sowie eine Matratze kaufen – und damit sieben Menschen eine Existenzgrundlage bieten – und als Zugabe einen Schulplatz für Brigth.

© Monique Lhoir
Monique Lhoir
Sie schreibt seit dem Jahr 2000 Kurzgeschichten und Romane und verfügt über diverse Veröffentlichungen. Ihre Liebe gilt Norddeutschland, hier insbesondere den nordfriesischen Inseln. Im Augenblick arbeitet sie am 6. und letzten Teil des historischen Romans „Arjan von Föra“.