Mittwoch, 17. Dezember 2014

Hummer zum Frühstück, Herr Professor? von Sonja Birkhofer-Hoffmann



Illustration von Krisi Sz.-Pöhls

Wann hatte er zum letzten Mal eine Weihnachtsgans gegessen? Bruno erinnerte sich nicht, aber was er sicher wusste, war, dass Hummer noch nie auf seinem Teller lag.
"Das wird sich dieses Jahr ändern!", sagte Bruno laut.
"Was wird sich ändern?", fragte die Vorzimmerdame, während sie etwas auf einem Blatt notierte.
"Dass ich  länger warte." Pikiert hob Bruno seine Augenbrauen an und stand auf. Irgendwie sagte ihm sein Gefühl, dass er gehen sollte. Zündhoff hatte den ausgehandelten Preis überwiesen, das reichte für seine Zukunft. In drei Tagen flog Bruno mit seinem One-Way-Ticket nach Thailand. Andererseits war er schon hier. Warum sollte er die Gelegenheit verstreichen lassen?
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür zum Vorstandsbüro der Friedrich Neumarkt GmbH. Ein korpulenter Mann, etwa Mitte dreißig und einen Meter sechzig groß, schob seine Brille auf die Stirn und las Brunos Visitenkarte. Zwischen seinen beringten Fingern hielt er eine fette Zigarre und blies Rauch in den Raum.
Das muss der Juniorchef sein, schoss es Bruno durch den Kopf. So wie der aussah, fraß er Hummer zum Frühstück. Der Gedanke daran weckte Brunos Jagdinstinkt.
 "Herr Prof. Dr. Genrich?", sagte der Dicke an Bruno gewandt.
Bruno nickte.
"Ich bedauere, dass Sie warten mussten, aber in der Weihnachtszeit gehts drunter und drüber. Kommen Sie bitte."
Bruno platzierte sich auf einen Sessel, der so breit war, dass noch zwei von seiner Statur Platz gehabt hätten. Er zog das dunkelgraue Jackett glatt. Sein Schwager hatte es ihm geliehen. Der Windzug brachte die Kerze auf dem Adventskranz zum Flackern. Noch drei Wochen, dann war Weihnachten und Bruno in seinem Paradies.
"Ich komme auf Empfehlung von der Klarfeldt GmbH und Co. KG. Der Vorstandsvorsitzenden Zündhoff war der Auffassung, dass Sie sich für meinen Crime-Software interessieren könnten."
"Nun ehrlich gesagt, was mir Werner, ich meine Herr Zündhoff, da erzählt hat, klingt utopisch."
"Warten Sie es ab." Du, Hummerfresser, setzte Bruno in Gedanken dazu. Er ließ das Macbook hochfahren, das er sich von seinem gesamten Entlassungsgeld gebraucht gekauft hatte. Eine sich lohnende Investition, wie sein Bankkonto nach drei Monaten zeigte. Fünfzehn Jahre hatte er an diesem Plan gefeilt und wieder einmal feststellen müssen, dass er in der Schulzeit zurecht als hochbegabt getestet worden war. Wenn Susanne ihn damals nicht betrogen hätte, sie würde noch leben und er wäre Mathematikprofessor an einer renommierten Universität - aber Thailand war auch nicht schlecht.
"Dann zeigen Sie mal Ihr Wunderwerk." Friedrich drückte die Zigarre in einem Marmor-Aschenbecher aus.
Bruno grinste. Auch dich werde ich von meiner Genialität überzeugen, sagte er zu sich und begann mit der Präsentation seiner Software. Jedes Wort hatte er einstudiert, um die richtige Wirkung zu erzielen.
 "Gerade in der Adventszeit wird viel eingekauft", begann er. "Oft mehr als der Geldbeutel hergibt. Jeder möchte seinen Lieben Geschenke machen. Sie werden mir Recht geben, dass dies eine Zeit ist, in der sich die Straftaten häufen. In der finanziellen Not greift der eine oder andere auch in die Tasche des Arbeitskollegen oder Chefs. Manchmal besteht ein Verdacht gegen jemanden, aber wer hat den Mut, ihn auszusprechen? Die Angst, sich zu irren, ist groß. Andererseits bleibt das Misstrauen. Das ist keine Basis für eine gute Zusammenarbeit und darunter leidet auch der Betrieb - Ihr Betrieb, Herr Friedrich!"
Friedrich nickte.
"Hier leistet mein Crime-Software unschätzbare Dienste." Bruno erläuterte an Modellen die Funktionsweise seines Computerprogramms. Der Dicke zog bei seinen Erklärungen immer wieder die Augenbrauen nach oben.
"Letztlich eine einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung, Herr Friedrich." Bruno kam zum Ende seines Vortrags.
"Die vom System geforderten Daten müssen nur korrekt und ausnahmslos eingegeben werden. Die ermittelte Wahrscheinlichkeit "T", sprich die gesuchte Person, geht, um es mit den Worten der Stochastik zu sagen, gegen eins. Für den mathematischen Laien ausgedrückt, ich erziele mit meiner Crime-Software ein hundertprozentiges Ergebnis." Die letzten Worte zog Bruno in die Länge.
"Mathematisch ermitteln? Den Täter eines Diebstahls?" Sein Gegenüber runzelte die Stirn.
"Oder für Sie vielleicht interessanter, den Täter von Datenklauerei. Betriebsspionage ist ein häufig vorkommendes Delikt."
"Alles fragwürdig, Prof. Genrich. Sie scheinen zwar eine Koryphäe auf dem Gebiet der Mathematik zu sein, Straftaten hängen aber von menschlichen Faktoren ab und lassen sich nicht berechnen. Außerdem dürfte die Datenbeschaffung rechtlich problematisch sein."
Mit diesem Einwand hatte Bruno gerechnet. Er lächelte süffisant, lehnte sich zurück und antwortete mit fester Stimme.
"Die Datenbeschaffung wie die Eingabe dieser Informationen in das System und die Instruktion in das Programm ist im angebotenen Kompaktpaket inbegriffen. Für die Informationsbeschaffung verwende ich eine speziell entwickelte Methode. Ich benötige für die Datenerfassung pro hundert Personen einen Tag. Nach Ihrem Firmenauftritt im Internet zu urteilen, arbeiten in Ihrer Gesellschaft zweitausendsiebenundfünfzig Angestellte plus veranschlagte zwanzig im Chefetagenbereich, Erfassungsdauer maximal ein Monat. Die Daten werden verschlüsselt registriert. Weder Behörden noch Sie als Käufer können sie abrufen, sondern nur über meinem System benutzen. Eine datenschutzsichere Sache.
Friedrich räusperte sich.
"Ich kann Ihre Skepsis nachvollziehen", sagte Bruno. "Sechzigtausend Euro für die Software sind schließlich kein Taschengeld, im Hinblick auf den dauerhaften Nutzen für ein so umfangreiches Unternehmen wie Ihres letztlich aber lohnend. Wenn Sie mir die Möglichkeit geben, liefere ich Ihnen zu Demonstrationszwecken kostenlos ein konkretes Berechnungsbeispiel."
"Kostenlos?"
"Kostenlos."
"Egal, welcher Fall?"
"Egal welcher Fall. Der Aufwand für die Eingabe der Daten ist unabhängig vom Gewicht der Straftat der Gleiche."
Friedrich biss sich auf die Lippe. Er zog die obere linke Schublade seines Schreibtisches hervor und holte ein Bündel von Unterlagen heraus. Mit seiner Brille auf der Stirn studierte er das obere Blatt. Seine Augen wanderten zu Bruno und zurück auf das Schriftstück.
"Meine Rechtsabteilung bearbeitet eine Sache, die mich aufreibt. Jemand im Unternehmen, und zwar jemand aus meinem unmittelbaren Umfeld, hatte unbefugt Zugriff auf den Inhalt meines Tresors. Wichtige Dokumente sind verschwunden. Weder Fingerabdrücke noch sonstige Spuren wurden gefunden. Der Täter ist gerissen. Die Polizei befindet sich in einer Sackgasse. Bisher hat er nur den ersten Teil einer Produktformel in den Händen. Zum Glück besitze ich eine Kopie. Den Rest der Formel verwahre ich an einem geheimen Ort. Die Ungewissheit, wer der Verräter ist, treibt mich in die Verzweiflung. Ich verhandle derzeit mit den Chinesen über den Verkauf dieses Produktes. Es wäre ein finanzielles Fiasko für die Firma, sollte der Mann … oder die Frau …" Friedrich schüttelte den Kopf.
Bruno nickte.
"Finden Sie dieses Schwein, Herr Professor, und ich kaufe vorbehaltlos Ihr Programm."
Der Hummer zappelte im Netz. Bruno unterdrückte das Triumphlächeln, das sich seiner Mundwinkel bemächtigen wollte. Sobald das Geschäft abgewickelt war, reiste er nach Thailand mit etwa hundertfünfzigtausend Euro im Gepäck, je nachdem, ob Friedrich den Preis noch drückte.
"Ich benötige ein paar Daten zu dem Objekt der Straftat", sagte Bruno.
"Dachte ich es mir", erwiderte Friedrich. "Die Produktformel ist ihr Ziel und ihr Gerede um die Software reiner Humbug."
Nachsichtig schüttelte Bruno den Kopf.
"Ich brauche nicht die Formel, sondern Fakten zum Diebstahl, zum Beispiel die Tatzeit. Wenn etwa ein Mitarbeiter zu dieser Zeit im Urlaub war, sortiert mein Programm ihn von vorneherein aus. Die Örtlichkeit spielt ebenso eine Rolle. Der Täter muss körperlich und intellektuell fähig sein, die Tat zu begehen. Sie verstehen? "
Ersichtlich fasziniert beantwortete Friedrich sämtliche Fragen, stellte ihm die Ermittlungsunterlagen der Polizei zur Verfügung und zeigte Bruno den Tresor.
»Der Code für den Safe wurde geändert?«
»Selbstverständlich. Das Geburtsdatum meiner Tochter ist passee. Auf Rat des Sicherheitsdienstes habe ich eine familienunabhängige Zahlenkombination gewählt.
»Oh, Sie haben eine Tochter. Geht sie schon zur Schule?«
Friedrich schüttelte den Kopf. »Sabine ist letzten Sonntag drei geworden.«
Damit hatte Bruno den Code. Nun lief alles wie bei den zwei Firmen zuvor. Bruno erhielt auf seine Bitte hin ein eigenes Büro. Den zwanzig Führungskräften und Vertrauten Friedrichs, die als Täter in Frage kamen, präsentierte er sich als Produktmanager mit jahrelanger Auslandserfahrung bei renommierten Firmen. Er kokettierte mit seinen Titeln und führte mit jedem ein individuelles Gespräch. Geschickt ließ er durchklingen, dass er sich seinen jeweiligen Gesprächspartner als seinen direkten Mitarbeiter vorstellen konnte. Hierfür erbat er sich absolute Verschwiegenheit. Nebenbei merkte er an, dass das Jahresgehalt seines Assistenten knapp unter seinem, von etwa dreihundertfünfzigtausend Euro im Jahr, liegen würde. Diese Zukunftsperspektive öffnete sämtliche Münder. Bereitwillig plauderten sie ihre Tätigkeitsbereiche aus und sprachen über ihre familiären Verhältnisse. Innerhalb von drei Tagen hatte sich Bruno einen Überblick verschafft und ein Opfer ausgesucht, einen alleinstehenden aufstrebenden Betriebswirt. Der junge Mann wirkte ehrgeizig, zugänglich und ausreichend naiv.
Bruno besuchte den ausgewählten Täter unter den Vorwand, ihn näher kennen lernen zu wollen, in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Räumlichkeiten wirkten, als sei er noch nicht eingezogen. Lediglich die voluminösen Vorhänge mit dem bizarren Muster brachten etwas Individualität in diesen Bereich. Merkwürdig, dachte Bruno bei sich.
"Sie haben sich noch nicht großartig eingerichtet", stellte Bruno fest.
"Mein Leben spielt sich in der Firma ab. Hier schlafe ich nur. Ich glaube, ich habe noch kein einziges Mal den Herd benutzt."
So sah die Küche aus. Klinisch sauber, ohne das geringste Staubkorn. Bruno setzte sich auf einen Sessel.
"Wollen Sie etwas trinken, Herr Professor?«
"Schwarztee. Zwei Teelöffel auf zweihundert Milliliter Wasser. Bitte mit neunzig Grad aufgießen und sieben Minuten ziehen lassen. Nicht mehr und nicht weniger. Lassen Sie sich Zeit. Ich bereite den Erfassungsbogen vor.
Das war Brunos Standard-Bitte, die ihm Zeit gab, alles vorzubereiten. Bruno lächelte und holte aus seiner Aktentasche den Laptop heraus.
Der junge Mann stolperte über die Schwelle zum Küchenbereich. Er wandte sich Bruno zu. "Passiert mir ständig. Ich bin sofort wieder da."
Bruno nutzte die Gelegenheit. Er deponierte den alten Tresor-Code in der Kommode neben dem Fenster. Die Zahlenkombination, die aus dem Geburtsdatum von Friedrichs Tochter bestand, hatte er auf Friedrichs privates Briefpapier geschrieben. Bereits nach einer Stunde konnte er hierfür perfekt die Handschrift des jungen Mannes nachahmen. Als weiteres Zuckerstückchen für die Polizei legte er Unterlagen über den angeblichen Verkauf der entwendeten Produktformel dazu. Nun konnte alles seinen Lauf nehmen. Die Frau eines Mithäftlings, die ihm noch einen Gefallen schuldig war, erzählte noch heute der Polizei von einer dubiosen Geldübergabe, die sie beobachtet haben will. Geschätzt zwei Stunden später rückten die Beamten heran und durchsuchten die Wohnung. Das hinterlegte Beweismaterial würde Friedrich überzeugen. Auf diese Weise hatte es dreimal funktioniert, so würde es auch diesmal gelingen und danach flog er endgültig nach Thailand. Bruno atmete durch.
Auf Wiedersehen Hartz IV!
Auf Wiedersehen deutsche Bürokratie!
Auf Wiedersehen ihr anspruchsvollen Weiber, die von einem Vorbestraften wie mir nichts wissen wollen.
Und ihr Hummer,  macht euch schlachtbereit. Ich komme.
Auf einem Tablett brachte der Mann den Tee.
"Alles erledigt?", fragte er Bruno.
"Bitte?"
Der junge Mann hob den Kopf und nickte Richtung Vorhang. Erst jetzt bemerkte Bruno die Linsen einer Überwachungskamera. Das Klicken von Metall ließ Bruno aufhorchen. Er drehte sich um. Im Türrahmen stand Friedrich mit Handschellen in der Hand und daneben drei der Mitarbeiter, die er interviewt hatte.
"Darf ich mich vorstellen, Herr Prof. Dr. Dr. Genrich oder besser Bruno Schröder. Ich bin Hauptkommissar Feldt vom Betrugsdezernat. Nicht promoviert. Dennoch war es mir eine Freude, mich mit ihrer Intelligenz messen zu dürfen.
Bruno ließ sich widerstandslos festnehmen. Beim Verlassen der Wohnung sah er an der Eingangstür einen manngroßen Hummer stehen, der ihm breit grinsend zuwinkte.
© Sonja Birkhofer-Hoffmann (2014)


Die Autorin ist in ihrem beruflichen Leben Strafrichterin.
Ideen für Kriminalgeschichten sprudeln nur so über ihren Schreibtisch.  Ab und zu gelingt es ihr, zwischen Akten lesen, Verhandlungen führen und Urteile schreiben, die Einfälle in Kurzgeschichten zu fassen und in Schreibportalen zu veröffentlichen. Im April 2013 erschien eine ganz andere Kurzgeschichte von ihr („Ich bin genial“) in der Anthologie „Schreibaffären“ im Verlag art & word.Ihre ganzes Herzblut steckt derzeit in ihrem Romanprojekt, das die häusliche Gewalt thematisiert. Es ist ein Thriller, der eine Frage aufwirft, die sich die Autorin im strafrichterlichen Alltag häufig stellt:  Was kann einem Gewaltopfer zum Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten abverlangt werden?



Krisi Sz.-Pöhls
ist 44 Jahre alt und lebt recht zurückgezogen in Oppenheim am Rhein.
Malen gehört seit ihrer Kindheit zu ihren Hobbys. Mittels Fortbildungen ist die Autodidaktin Künstlerin geworden.
Mehr von ihr auf ihrer Homepage www.salidaswelt.com